Heterogenität im Religionsunterricht für Toleranz und gegen Vorurteile nutzen
Wie moderner Religionsunterricht mit dem neuen Schulbuch Mittendrin elementar gelingen kann
Die Heterogenität der Schülerschaft spielt in allen Schulfächern eine große Rolle. Gerade im Religionsunterricht aber kann sie besonders herausfordernd sein. Dann nämlich, wenn Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden, die sich nicht nur in Leistungen, sozialer Herkunft oder sprachlichen Fähigkeiten unterscheiden, sondern auch in ihren Religionen und die zudem in ihrem Glauben unterschiedlich verankert und bewandert sind. Wir haben Anne Nowak gefragt, wie ein solcher Unterricht gelingen kann und welche Rolle dabei das Schulbuch spielt. Sie unterrichtet an einer nordrhein-westfälischen Gesamtschule das Fach kokoRU (konfessionell-kooperativer Religionsunterricht) und ist Mitautorin des Lehrwerks Mittendrin elementar für den Religionsunterricht in den fünften und sechsten Klassen, das in diesem Sommer im Cornelsen Verlag erscheint.

Frau Nowak, stellen heterogene Lerngruppen gerade im Religionsunterricht besondere Herausforderungen dar?
Anne Nowak: Ich arbeite an einer Gesamtschule, an der die Bandbreite an Heterogenität groß ist. Wir haben bei uns an der Schule, wie auch an vielen anderen Schulen in Nordrhein-Westfalen, den kokoRu Unterricht, also den konfessionell kooperativen Religionsunterricht eingeführt. Das heißt, dass christliche Schülerinnen und Schüler beider Konfessionen an unserem Unterricht teilnehmen – und diese lassen sich zum einen in kirchenfern oder kirchennah, aber auch indifferent oder auch religionslos einordnen. Wir haben aber auch muslimische Schülerinnen und Schüler als starke Gruppe in diesem Religionsunterricht, die sich ganz bewusst dafür entschieden haben, daran teilzunehmen. Wenn die Eltern ihre Kinder bei uns an der Schule anmelden, müssen sie im Anmeldeformular vermerken, ob die Kinder entweder am kokoRu Unterricht teilnehmen oder alternativ das Fach Praktische Philosophie wählen.
Wir haben durchaus viele muslimische Eltern, die dem religiösen Religionsunterricht sehr offen gegenüberstehen und bewusst möchten, dass ihr Kind diesen Unterricht besucht, um mit einer anderen Religion in Kontakt zu treten und dort den Austausch zu eröffnen. Die Schülerinnen und Schüler sind oftmals in ihrem Glauben stark beheimatet, und auch in der Ausübung von Glaubenspraktiken sehr viel kundiger, als es die christlichen Schülerinnen und Schüler sind. Religion und Glaube ganz offen praktiziert und kommuniziert bildet im Kontext von Wertvorstellungen und Handlungsmustern eine ganz große Grundlage.
Oft sind es die muslimischen Schülerinnen und Schüler, die die religiöse Sprachfähigkeit in den Unterricht einbringen, die den christlichen Schülerinnen und Schülern teilweise fehlt – hier zeigt sich das Asymmetrie-Phänomen. Muslimische Schüler sind nicht selten eher in einem exklusivistischen Religionsmodell verortet. Das heißt, dieses Ausdifferenzieren zwischen „wir“ und „sie“, also diese Alterität, spielt eine große Rolle. Das kann bereichernd sein, stellt uns aber auch durchaus im alltäglichen Unterricht vor große Herausforderungen – gerade dann, wenn es um Abgrenzung geht. Hier muss die Pluralitätsfähigkeit aktiv eingeübt werden, um den Schritt von der Abgrenzung hin zu einem dialogischen Verständnis zu gehen, ohne die eigene Identität aufzugeben.
Schülerinnen und Schüler als Expertinnen ihrer eigenen Religion und Kultur
Und wie sieht dieser Unterricht konkret aus?
Anne Nowak: Wir behandeln die christlichen Themen entlang des Kernlernplans und schauen aber auch, dass wir an geeigneter Stelle dort auch den interreligiösen Kontext, interkulturellen Kontext einbringen - etwa gerade, wenn es um Festlichkeiten geht, um Rituale. So wird das Eigene im Spiegel des Fremden deutlicher. Wir beziehen außerdem die Schülerinnen und Schüler, soweit es möglich ist, als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Religion und Kultur mit in den Unterricht ein. Also im interreligiösen Kontext eine Form des Lernens durch Begegnung.
Religionsunterricht ist ja, im Vergleich zu anderen Fächern, wahrscheinlich noch ein bisschen schwieriger, weil es sehr viel in das Persönliche geht. Wie macht sich das bemerkbar?
Anne Nowak: Christlich verhaftete Schülerinnen und Schüler sind tatsächlich eher zurückhaltender, was ihren eigenen Glauben angeht. Die muslimische Schülerschaft kommuniziert und praktiziert ihre Religion sehr offen nach außen hin. Für sie ist Religion ein identitätsstiftendes Merkmal. Das heißt nicht, dass andere Schüler sich dadurch irgendwie bedrängt oder eingeschüchtert fühlen. Ganz im Gegenteil. Die muslimischen Schülerinnen und Schüler fragen auch ganz offen und aktiv im Unterricht: Wie macht ihr das denn? Und warum geht ihr nicht mehr in die Kirche? Oder aber: Geht ihr noch in die Kirche, was macht ihr dort? Sie suchen den Austausch, es geht aber auch um das Aushandeln, also was ist richtig, was ist falsch. Hier trifft ein absoluter Wahrheitsanspruch auf eine postmoderne Beliebigkeit. Das Aushandeln ist ein hochproduktiver Prozess: Es fordert die christlichen oder religionslosen Schülerinnen und Schüler dazu auf, ihre eigene Position überhaupt erst einmal zu suchen, um antworten zu können.
Kann dieser Unterricht also durchaus bereichernder sein als ein traditioneller Religionsunterricht?
Anne Nowak: Ja, durchaus. Damit dieser Austausch aber auch wirklich fruchtbar ist, ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler, die der christlichen Religion angehören, Experten ihrer eigenen Religion werden, um auch dort sprachfähig sein zu können. Man braucht eine bestimmte Wissensgrundlage, um sich orientieren zu können, um argumentieren zu können, um in einen Diskurs gehen zu können, um Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, aushandeln zu können und um diese Ambiguität aushalten zu können. Dann kann dieser Austausch fruchtbar sein und kann auch dazu beitragen, Toleranz zu fördern und Vorurteile abzubauen.
Welche Erfahrungen haben Sie im Unterricht gemacht? Welche schönen Momente gibt es vielleicht und welche problematischen?
Anne Nowak: Ein Beispiel ist die Fastenzeit jetzt um die Osterzeit herum im Vergleich zum Ramadan und zum Fastenbrechen. Wir haben die Fastenzeit zunächst aus christlicher Perspektive besprochen, daran schlossen sich etliche Schülerbeiträge von muslimischer Seite an, mit der Erkenntnis: „Wir haben das doch auch irgendwie.“ Schließlich haben wir gemeinsam das Zuckerfest gefeiert. Das war für alle eine große Bereicherung und ist eine Form des Lernens durch Begegnung. Andererseits können im Unterricht manchmal auch zwei Welten aufeinanderstoßen, gerade wenn es um Gender, Sex, Transgender oder Intersexualität geht. Da ist viel Konfliktpotenzial.
Und was machen Sie in einem solchen Konflikt?
Anne Nowak: Hier stößt die Ambiguität dann an ihre Grenzen, wenn Menschenwürde oder Grundrechte berührt werden. Wichtig ist hier der Blick auf das christliche Menschenbild als Anker: Jeder Mensch ist einzigartig und muss geachtet werden. Hier geht es um eine klare Werteorientierung. Zudem der Verweis auf das Grundgesetz und die Festsetzung der unantastbaren Menschenwürde. Denn oft werden konservative Rollenbilder religiös legitimiert. Zugleich muss den Schülerinnen und Schülern deutlich werden, dass Religion nicht als Vorwand genutzt werden darf, um Diskriminierung zu legitimeren.
Dann kommen wir jetzt zum neuen Schulbuch. Zunächst aber zum Schulbuch im Allgemeinen: Braucht man überhaupt ein Schulbuch im Religionsunterricht?
Anne Nowak: Ja, man braucht auf jeden Fall ein Schulbuch. Wir haben lange Zeit mit dem Schulbuch eines anderen Verlages gearbeitet, aber uns fehlten schließlich inhaltliche Tiefe, Schülernähe und unterschiedliche Zugänge. Das Schulbuch Mittendrin elementar hingegen zeichnet sich durch Lebensweltbezug aus, durch vielfältige Zugänge, visuelle und audiovisuelle. Wir haben den Einbezug nicht nur religiös verorteter Schüler, sondern auch nicht religiöser Schüler. Wir haben eine ganz klare Kapitelstruktur und eine sprachliche Differenz auf der Textebene, denn die sprachlichen Kompetenzen sind sehr unterschiedlich.
Und was bietet das neue Werk den Lehrkräften?
Anne Nowak: Gerade für Lehrkräfte, die noch nicht so lange im Beruf sind oder Fachfremde bietet dieses Buch eine sehr gute Basis für den Unterricht. Es bietet eine Landkarte durch den Kernlehrplan mit inhaltlicher Tiefe und spart durch die breite Materialsammlung wertvolle Zeit in der Vorbereitung. Zudem ermöglicht es hybrides Lehren durch digitale Zusatzmedien. Das Buch liefert die Materialien so, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Position darin entdecken können.
Was können Schülerinnen und Schüler in diesem Unterricht und mit diesem Buch lernen?
Anne Nowak: Das Buch dient nicht nur dem reinen Wissenserwerb, es will die Schülerinnen und Schüler auch sprachfähig machen. Gerade mit Blick auf das didaktische Prinzip des interreligiösen Lernens, aber auch des interkulturellen Lernens, ist es einfach ganz wichtig, die Schülerinnen und Schüler in der Perspektivenübernahme zu schulen, aber auch eigene religiöse Positionen zu reflektieren, Alterität anzuerkennen und auszuhalten, sich in Toleranz zu üben und Vorurteile abzubauen. Denn die Schule insgesamt, aber auch jede Klasse, jeder Kurs für sich ist eigentlich ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Und wenn wir das an die Schülerinnen und Schüler weitergeben können und sie orientierungs- und handlungsfähig machen, dann ist schon sehr viel gewonnen.
Zur Person
Anne Nowak ist Lehrkraft an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet für die Fächer Katholische Religionslehre und Geschichte SEK I und II, sowie Beratungslehrerin SEK I und Mit-Autorin der Neuauflage von mittendrin.


