Leistungen bewerten: 2,3 – Lieblingsnote der Lehrer

Individuell benoten? Eine Herausforderung – vor allem im Offenen Unterricht

Die Beurteilung schulischer Leistungen gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Lehrerberuf. Die Bewertung soll fair und nachvollziehbar sein. Sie soll vielfältige Leistungen und individuelle Entwicklungen dokumentieren und Schülern helfen, die eigenen Stärken und Schwächen realistisch einzuschätzen.

Eine Zwei minus vergeben Lehrerinnen und Lehrer daher im Durchschnitt am liebsten, denn diese Note ist Ansporn und Lob zugleich.

Gute Noten können motivieren, in Zukunft noch mehr zu leisten. Schlechte Noten können Unterrichtsstörer disziplinieren. Aber die „falsche“ Note führt leicht zu Frust oder Stress. Mehr noch: Noten eröffnen oder versperren Ausbildungswege. Daher sind sie auch Konfliktthema Nummer eins bei Elterngesprächen. In der Kritik stehen dabei immer wieder die Bewertungskriterien und der Leistungsstand, an dem sich eine Schulnote orientiert.

Eine Leistung: Leistungen beurteilen
Um eine Note zu vergeben, reicht es nicht, Schülerinnen und Schüler intensiv zu beobachten und dabei ihre Entwicklung zu berücksichtigen. Als Lehrer muss man sich auch mit den eigenen Bewertungskriterien und Bezugsnormen auseinandersetzen – und diese klar vermitteln. Individualisierte, kooperative Lernformen erschweren das.

Inklusion, Migration, Integration: Die Vielfalt wächst im Einwanderungsland Deutschland. Die zunehmende Heterogenität hat bewirkt, dass Lernende individueller betrachtet werden: In der Klasse wird stärker differenziert – Schülerinnen und Schüler werden individuell gefördert. Sie erhalten in offenen Unterrichtsformen wie Freiarbeit, Wochenplanarbeit, Stationenarbeit, Projektunterricht und Gruppenarbeit mehr Möglichkeiten, ihre Potenziale zu entfalten und Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. Was bedeutet eine Schule der Vielfalt für die Leistungsfeststellungen?

Neue Formen der Leistungsbeurteilung
Orientiert man sich an den Kompetenzen und an der persönlichen Entwicklung der Schüler, scheint es sinnlos, Leistungen weiter in standardisierter Form zu messen. Mit der Leitidee von Binnendifferenzierung und individualisierendem Unterricht ändern sich die Normen der Prüfungssysteme und die Bewertung. Eine völlig neue Lernkultur entsteht.

Im kompetenzorientierten Unterricht nimmt die Lehrkraft den momentanen Entwicklungsstand jedes einzelnen Schülers in den Blick und unterstützt ihn individuell. Dabei gestalten die Lernenden ihren Lernprozess selbst – entsprechend ihres Vorwissens, ihrer Interessen, ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Lernstrategien. Sie lernen ihren aktuellen Leistungsstand in einem vorgegebenen Rahmen einzuschätzen und sich erreichbare Ziele zu setzen. Dabei werden sie von der Lehrkraft begleitet und unterstützt. Entsprechend erfolgt die Benotung nicht abschließend, sondern ist fortlaufender Bestandteil der Lehrer-Schüler-Kommunikation.

Heterogenität braucht Differenzierung

    Eine differenzierte Leistungsbewertung braucht folgende Rahmenbedingungen:
  • Das neue Leistungsverständnis setzt eine vertrauensvolle Beziehung zwischen allen Beteiligten voraus.
  • Bewertungen und Rückmeldungen von Leistungen sind Bestandteil des Lernprozesses.
  • Schülerinnen und Schüler verstehen im Detail, welche Leistungen sie zu erbringen haben und kennen die Beurteilungskriterien.
  • Sie sind daran beteiligt, zu definieren, was als Leistung gilt und wie diese bewertet wird. Ihre Selbstbewertung wird später mit der Beobachtung der Lehrer abgeglichen.
  • Lernziele, Lernprozesse und Lernergebnisse sind in der Bewertung aufeinander bezogen.
  • Die Beurteilungs- und Rückmeldeformen werden von allen akzeptiert und sind Grundlage der Vereinbarungen über das zukünftige Lernen.


Lernkultur und Beurteilung – nicht zu trennen
Steht die Entwicklung der Lernkompetenz im Mittelpunkt, fördert dies die individuelle Eigenverantwortung, die Leistungsbereitschaft und Lernmotivation der Schüler – eine Bedingung für erfolgreiches Lernen. Leistungen werden projekt- und prozessbezogen bewertet, beim individuellen Lernen wie auch beim Lernen in der Gruppe.

Qualitätskriterien einer veränderten Bewertung
Anregungen für eine differenzierte Leistungsbewertung im kompetenzorientierten Unterricht geben diese sieben Handlungsfelder:

Eine neue Leistungsbewertung muss bei der Weiterentwicklung von Schule und Unterricht berücksichtigt werden.

Über Chancen und Risiken wird viel diskutiert. Auf der einen Seite steht der immense Zeitaufwand: Jeder einzelne Schülers muss gezielt und fortlaufend beobachtet werden. Dabei besteht natürlich auch immer die Gefahr, dass Einzelne sich möglichst kundig darstellen, anstatt geschützt aus Fehlern und Irrtümern zu lernen.

Dagegen steht die Chance, nicht nur den Leistungsstand, sondern die individuelle Lern- und Leistungsentwicklung in den Blick zu nehmen. Mit neuen Formen der Leistungsbeurteilung können Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Sie erhalten Rückmeldung nicht nur zu ihren inhaltlich-fachlichen, sondern auch zu sozial-kommunikativen, methodisch-strategischen und persönlichen Leistungen.

Instrumente zur Leistungsmessung und –bewertung im kompetenzorientierten, individualisierten Unterricht

aus: Liane Paradies und Franz Wester, Cornelsen Akademie 2015

Schülerinnen und Schüler sollten verstehen können, welche Kriterien der Bewertung zugrunde liegen, und lernen, was eine Leistung zu einer guten Leistung macht.

    Das ist besonders dann wichtig, wenn zunehmend individuelle Arbeitsergebnisse zur Bewertung anstehen und damit nicht immer der unmittelbare Vergleich mit den Mitschülern möglich ist. Zu einer institutionalisierten Rückmeldekultur gehören:
  • Allgemeine und inhaltliche Korrekturbögen,
  • Kommentierungen der Noten durch Bemerkungen zu den Lernfortschritten,
  • Standardisierung von Rückmeldungen (Bausteine),
  • Kommentierung der Kommentare durch die Schüler.

Erfolgskontrolle und Leistungsbeurteilung bleiben auch im individualisierenden Unterricht ein integrierter Bestandteil, werden aber stärker in der Planung berücksichtigt. Der Aufbau von Komplexität der Ziele in und zwischen den Lernfeldern wird so zu einer Planungsaufgabe und Zielklarheit zur zentralen Herausforderung. Dies erfordert, dass in der Planungsphase mit den Schülern gemeinsam die Kriterien erarbeitet werden (Kompetenzraster). Nach Abschluss der Übungsphasen wird dann ebenfalls gemeinsam geprüft: Woran könnten wir den Leistungsstand messen und erkennen? Musterlösungen oder Checklisten können dabei helfen, den individuellen Leistungsstand festzustellen.

Die kommunikative Validierung ist die gemeinsame Verständigung über die Bedeutung und die Konsequenzen der Leistungsbewertung bzw. der Rückmeldungen durch die beteiligten Lehrkräfte und Schüler. In der Regel werden in der schulischen Praxis die Lehrkräfte ihre Überlegungen hinsichtlich des konkreten Beurteilungsverfahrens und die Kriterien der Beurteilung vorstellen. Bei zunehmender Erfahrung und mit zunehmendem Alter können Schülerinnen und Schüler selbst bei der Erstellung der Kriterien mitwirken und Beurteilungen durchführen, z.B. mit Hilfe von Beobachtungsbögen (Schülermitbeurteilung).

Die Definition von Lernzielen und Beurteilungskriterien setzt detaillierte Überlegungen der Lehrkraft voraus, wie die jeweiligen Kriterien feststellbar sind, wie sie bewertet werden und ob sie für Schülerinnen und Schüler verständlich formuliert sind.

Während des Unterrichts- und Beurteilungsprozesses werden immer wieder Reflexionsphasen eingefügt, sodass regelmäßig und gemeinsam über diesen Prozess nachgedacht und reflektiert werden kann. Unklarheiten können dann beseitigt, notwendige Veränderungen eingebracht und Erkenntnisfortschritte ermöglicht werden

Diagnose und Leistungsbewertung sind Kernbereiche professionellen Handelns im Selbstverständnis von Lehrkräften. Das ist auch unbestritten gültig für die didaktischen Fragestellungen, z. B. was die Relevanz von Prüfungsfragen oder die Differenzierung von Leistungsniveaus angeht. Andererseits: Die Schülerinnen und Schüler sind ebenso unbestritten die Expertinnen und Experten für ihr eigenes Lernen und kennen die Faktoren, die die Leistung beeinflussen, die aber den Lehrkräften nicht so ohne weiteres zugänglich sind.

Mitwirkung in der Leistungsbewertung erweitert die Perspektiven und fördert schon so die Qualität der Bewertung durch Multiperspektivität, insbesondere da, wo es um die Erfassung der individuellen Leistungszuwächse geht. Je mehr der Prozess, insbesondere die darin angewandten Strategien, in die Bewertung eingehen sollen, desto stärker ist der Lehrer auf die Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler angewiesen. Wenn in die Phase der Leistungserbringung noch kooperative Formen integriert waren, gilt dies umso mehr. Nur mit den Schülerinnen und Schülern kann der Lehrer eine Validierung seiner Bewertung vornehmen.

Die Kompetenz zur Selbstbewertung kann allerdings nicht einfach als gegeben vorausgesetzt werden, sondern muss in einem aufbauenden Prozess entwickelt werden. Wenn Nachdenken über die eigene Leistung zu einer Bewertung führen soll, müssen Schüler lernen, einen Maßstab anzulegen, Kriterien zu benutzen, nach denen Leistung gemessen und mit anderen verglichen werden kann. Das ergibt sich nicht automatisch im Arbeitsprozess, sondern bedarf einer gezielten Erarbeitung von Kriterien und Indikatoren, die für Schüler verständlich sind und gleichzeitig Kompetenzen differenzierbar erfassen.

Die zu dieser Zielsetzung passenden Instrumente können sein ein Lern- oder Arbeitsjournal, ein Portfolio oder eine Selbsteinschätzung im Zusammenhang mit Gruppenbewertungen. Hier geben Checklisten und Kompetenzraster eine Orientierung zur Bewertung des Gruppenprodukts.

    Für die Qualität der Gruppenarbeit sind drei Faktoren entscheidend:
  • Strukturierung der Gruppen durch Regeln (organisatorisch, zeitlich, inhaltlich, methodisch, ...),
  • Berücksichtigung von Lern- und Arbeitsvoraussetzungen,
  • Reflexion der Erfahrungen und ggf. Förderung der Teamfähigkeiten oder Arbeitstechniken durch Trainingselemente.

    Gruppenleistungen fließen in gemeinsam geschaffene Produkte ein. An ihrer Bewertung sollte die Gruppe beteiligt werden. Dies kann geschehen, indem ein Vorschlag zur Bewertung des Gruppenproduktes jeder Gruppe zur Stellungnahme vorgelegt und detailliert begründet wird. Die Gruppen diskutieren unabhängig vom Lehrer diesen Vorschlag. In ihrer anschließenden Stellungnahme sollen die Gruppen auch ihre Entscheidung für oder gegen eine gemeinsame Note für alle Gruppenmitglieder einbauen. Bewertet werden
  • die Präsentation (Beteiligung, Lebendigkeit, Medieneinsatz),
  • der Informationsgehalt (Richtigkeit, Aktualität),
  • das Journal (Vollständigkeit, Reflexivität).
In das Bewertungsverfahren werden die Selbstbewertung bzw. der Bewertungsvorschlag durch die Gruppe integriert.

Unter dem Aspekt von Individualisierung und Förderung stellen sich an die Qualität von Aufgaben zusätzliche Anforderungen. Aufgaben sollen Schülern helfen, Selbstvertrauen aufzubauen und Kompetenz- oder Solidaritätserfahrungen zu machen. Die Aufgaben sollen außerdem ein hohes Differenzierungsvermögen haben, um starken wie schwachen Schüler Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

Empfehlenswert ist, die Kompetenzen so konkret zu beschreiben, dass sie in Aufgabenstellungen umgesetzt werden können, die wiederum einzeln erreichte Kompetenzniveaus erfassen. Mögliche Aufgabenkonstruktionen sind: Einbetten in einen Kontext, Explizites Einfordern von Begründungen, Umkehrung der Fragestellung, Beispiele und Gegenbeispiele einfordern oder die Fragestellung dynamisieren.

Bildungsstandards formulieren Anforderungen an das Lehren und Lernen in der Schule. Sie benennen Ziele, ausgedrückt als erwünschte Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler und konzentrieren sich auf Kernbereiche eines bestimmten Faches. Sie decken nicht die ganze Breite eines Lernbereiches ab, legen aber verbindlich fest, über welche Kompetenzen ein Schüler verfügen muss, wenn wichtige Ziele der Schule als erreicht gelten sollen. Die Kompetenzen werden so konkret beschrieben, dass sie in Aufgabenstellungen umgesetzt werden können und das Kompetenzniveau, das Schülerinnen und Schüler erreicht haben, zuverlässig erfasst werden kann.

Mindest- oder Minimalstandards beziehen sich dabei auf ein definiertes Minimum an Kompetenzen, das alle Schülerinnen und Schüler zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn erreicht haben müssen. Regelstandards beschreiben Kompetenzen, die im Durchschnitt, „in der Regel“ von den Schülerinnen und Schülern einer Jahrgangsstufe erreicht werden sollen. Exzellenz- oder Maximalstandards beziehen sich darauf, was die besten Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Jahrgangsstufen können sollten.

Kompetenzraster dienen der Steuerung des Lernens. Ziel ist die Stärkung der Selbststeuerung durch die Schülerinnen und Schüler. Ein Kompetenzraster ist eine Folie, in der die Einzelkompetenzen mit Aufgaben unterlegt sind. Für die Leistungsrückmeldungen gilt: Nur in Kombination mit den Aufgaben kann ich die Leistungen erkennen, die erbracht sind, und eine für Eltern und Schüler nachvollziehbare Prognose entwickeln, die den angestrebten Leistungsfortschritt beschreibt.

    Es gelingt Schulen zunehmend, die Umsetzung der Bildungspläne, die Orientierung an Kompetenzen und die Individualisierung des Lernens in einem Lernkonzept zu verbinden. Als Teil davon entwickelt sich ein Konzept der Leistungsbewertung und -rückmeldung, gekennzeichnet durch
  • individuell nutzbare, den einzelnen Kompetenzstufen zugeordnete Tests oder andere Formen der Leistungsnachweise,
  • Dokumentation der Leistungsentwicklung in Kompetenzrastern, Lernlandkarten und Wochenplänen und
  • Rückmeldungen in Lernentwicklungsberichten oder Portfolios,
  • eingebunden in ein Beratungs- oder Coachingkonzept.

Anregungen und Checklisten zum Download
Weiterführende Links zur Leistungsmessung
Weiterführende Literatur


Bohl, Thorsten: Prüfen und Bewerten im Offenen Unterricht. Neuwied 2001

Chise, Ruxandra/Schneider, Jost/Leschnikowski-Bordan, Dorthe/Wickner, Mareike Cathrine: Leistung messen und bewerten - Das Praxisbuch: Profi-Tipps und Materialien aus der Lehrerfortbildung (Alle Klassenstufen), Heidelberg 2014

Helmke, Andreas/Weinert,Franz: Bedingungsfaktoren schulischer Leistungen. In: Enzyklopädie der Psychologie. Psychologie des Unterrichts und der Schule. Göttingen 1997

Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität: Erfassen, Bewerten, Verbessern. Velber 2003

Krumwiede, Franziska/Schneider, Jost/Wickner, Mareike Cathrine: Mündliche und praktische Leistungen bewerten: Profi-Tipps und Materialien aus der Lehrerfortbildung für Sek I/II (5. bis 13. Klasse), Heidelberg 2014

Scheffler, Daniel Philipp: Der schulische Leistungsbegriff. Verständnis, Funktion und Auswirkung, Hausarbeit, Frankfurt a.M. 2014

Schuck, Karl Dieter: Individualisierung und Standardisierung in der inklusiven Schule – ein unauflösbarer Widerspruch?

DDS – Die Deutsche Schule, 106. Jahrgang 2014, Heft 2, S. 162-174

Sonnenschein, Katharina: Die Objektivität der Leistungsbewertung: Inwieweit sind Leistungsbeurteilungen von Lehrkräften einheitlich und somit vergleichbar? Hamburg 2015

Faber, Günter, Billmann-Machecha, Elfriede: Praxis der Notengebung – Probleme, Erfordernisse und Möglichkeiten aus pädagogisch-psychologischer Sicht, Lernchancen 2010, 13 (74)