Schulrecht / 29.05.2019

"Das fasse ich nicht an!"

Schulrechtsfall Juni 2019

Dass Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen, ist allseits bekannt. Aber geht das Verbot noch darüber hinaus? Und wenn ja, wie weit?

Bild: stock.adobe.com/Corgarashu

Fall: 

Unsere sympathische Kollegin Anna Nass traut ihren Ohren nicht. Schon seit über 10 Jahren ist sie im Schuldienst, aber dieses Argument ist ihr völlig neu und macht sie sprachlos. Worum geht es? Im Rahmen des verpflichtenden berufsvorbereitenden Unterrichts gibt es an Annas Schule seit Kurzem eine Schülerfirma, die für die Mensa/Cafeteria das Essen einkauft, zubereitet, verkauft und hinterher den Umsatz abrechnet. Diese Schülerfirma wird von Anna (und zwei weiteren Kollegen) betreut. Bei der Zubereitung der Speisen werden nicht nur Obst, Gemüse, Teigwaren, sondern ebenfalls verschiedene Fleischsorten verarbeitet, darunter auch Schweine- und Hühnerfleisch, womit wir beim Kern des Problems angelangt sind.

Einige muslimische Schüler weigern sich, das zu verarbeitende Schweine- und Hühnerfleisch anzufassen, weil ihnen das – so ihr Argument – ihre Religion verbiete. Selbst die Tatsache, dass die Schüler in der Schulküche (aus hygienischen Gründen) nur mit Einmalhandschuhen für Lebensmittel arbeiten dürfen und daher keinen Hautkontakt mit dem Fleisch haben, kann die Jungen nicht bewegen, das Fleisch zu berühren.

Beim Schweinefleisch stört sie vor allem das Unreine des Schweins, beim Hühnerfleisch ist der Grund, dass diese Tiere nicht geschächtet wurden, ihr Fleisch also nicht "halal" ist. In beiden Fällen erlaube der Koran es ihnen nicht, das Fleisch zu berühren. Anna ist hochgradig verunsichert. Einerseits sieht sie überhaupt keinen Grund, warum die Schüler das Fleisch nicht mit Handschuhen anfassen können. Andererseits möchte sie die Schüler nicht zu etwas zwingen, das ihnen aus religiösen Gründen verboten ist. 

Rechtsfrage:

Müssen die Schüler von der Zubereitung des Fleisches befreit werden? 

Antwort:

Nein. 

Kommentar:

Wenn Sie meinen, der Fall sei erfunden, um ein theoretisches Problem durchzuspielen, dann täuschen Sie sich. In letzter Zeit wurde ich auf meinen Fortbildungen schon drei Mal mit dieser Frage konfrontiert. Sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, hieraus einen Fall des Monats zu machen. Offensichtlich gibt es unter jungen Muslimen die Tendenz, in Bezug auf religiöse Gebote "päpstlicher zu sein als der Papst", wenn Sie mir diesen ökumenischen Vergleich erlauben. Ein Grund dafür könnte sein, anderen zu demonstrieren, wie überaus ernst man es selbst mit dem Glauben nimmt. Der zweite Grund könnte jedoch darin liegen, über diesen Weg unangenehme Arbeiten zu vermeiden. Es ist natürlich angenehmer, einen Müsliriegel zu verkaufen als das kalte, feuchte Fleisch für ein Schnitzelbrötchen zu schneiden und zu braten.

In diesem Moment frage ich mich, ob diese Schüler, die vermutlich schon einmal bei Mc Donald‘s Rindfleisch oder bei KFC Hühnerfleisch gegessen haben, eigentlich davon ausgehen, das dort angebotene Fleisch sei "halal". Nein, das ist es nicht, und trotzdem verstoßen Muslime mit dem Verzehr eines Big Mäc oder einer Packung Hot Wings nicht gegen ihre Religion.
Damit kommen wir zu den 5 Stufen von Handlungen, die der Koran unterscheidet: 

Die 1. Stufe: Der Verzehr von Schweinefleisch ist "haram" (verboten, unzulässig). Darüber gibt es die wenig bekannte Stufe des "makruh", was bedeutet: Etwas ist religiös nicht gern gesehen, aber nicht verboten. Das wäre der Verzehr von herkömmlich geschlachteten Rindern und Hühnern. Es ist für Muslime zwar wünschenswert, vor allem geschächtetes Fleisch zu verzehren, aber es gibt inzwischen eine Reihe Religionsgelehrter, die den Verzehr von herkömmlich geschlachtetem Fleisch (betäubte Tiere) ebenfalls für zulässig halten. 3. Stufe: Etwas kann erlaubt sein (muhbah), das wäre der Verzehr von geschächtetem Fleisch. Es ist grundsätzlich "halal", solange es nicht vom Schwein oder verendeten Tieren stammt. Die 4. Stufe bezeichnet Handlungen, die empfohlen (mandub) und die 5. Stufe solche, die sogar obligatorisch (fard) sind.

Also, der langen Rede kurzer Sinn: Der Koran verbietet den Verzehr von Schweinefleisch, nicht aber das Anfassen, schon gar nicht mit Handschuhen.

Anna ist mit dieser Auskunft hochzufrieden, weil sie genau das bestätigt, was sie selbst intuitiv schon vermutet hatte. Sie teilt den Schülern ihre Entscheidung mit und schlägt ihnen vor, sich doch, wenn sie damit nicht einverstanden sind, bei der vorgesetzten Schulbehörde darüber zu beschweren. Und die entscheidet dann die Angelegenheit.

 

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