Selbstkompetenz / Gesundheit / 22.06.2018

Volle Kraft für volles Korn

Gesunde Ernährung in der Schule ist kein Selbstläufer.

Schokoriegel versus Vollkornschnitte – auf dem Schulhof hat Ersterer meist klar die Nase vorn. Lehrer, die ihren Schülern ganz tatkräftig Lust machen wollen auf gutes Essen in den Pausen, brauchen Kondition und kreative Ideen. Zwei Schulen in Bayern haben es ausprobiert. Mit Erfolg.

Bild: Fotolia/airborne77

Von gesundem Essen will Mathilde Kersting am liebsten gar nichts hören. „Das Wort ‚gesund‘ vermeiden wir“, sagt sie. Dabei würde man von ihr als Chefin des Dortmunder Forschungsinstituts für Kinderernährung das am allerwenigsten erwarten. Sie hat vielen Kindern und Jugendlichen zugehört und will ihnen zwar Vollkorn, Obst und Co. schmackhaft machen, aber eben so, wie es in die Lebenswelt der Schüler passt. „‚Fit‘ ist schon ein besseres Wort als ‚gesund‘“, erzählt sie, genauso wie die Kids lieber zum Joghurt mit dem Kakadu auf dem Etikett griffen als zu dem, der schlicht mit dem Hinweis auf „Früchte und Cerealien“ bedruckt ist.

Viele Schüler kommen ohne Frühstück zum Unterricht

Immer seltener essen Kinder und Jugendliche Vollkorngetreide, insgesamt spielen Ballaststoffe eine immer geringere Rolle in ihrer Ernährung. Gleichzeitig konsumieren sie mehr und mehr zugesetzten Zucker, so das Ergebnis einer Langzeitstudie, an der auch das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung mitgewirkt hat. Alarmierend ist auch: Nur einer von zehn Kindern und Jugendlichen kommt tatsächlich auf die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag. Und während von den Drei- bis Sechsjährigen noch knapp 90 Prozent vor der Schule zu Hause gefrühstückt haben, schrumpft die Frühstückslaune mit zunehmendem Alter. Nur noch rund die Hälfte der Schüler zwischen 14 und 17 Jahren hat vor der ersten Schulstunde etwas gegessen, haben Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts herausgefunden.

Kampf gegen die Chipstüten

Sarah Worbs kann das bestätigen: Auch von ihren Schülern komme jeder zweite ohne Frühstück zum Unterricht. Die Lehrerin an der Mittelschule in Taufkirchen, am südlichen Stadtrand von München, hatte vor gut zwei Jahren satt, was sie in den Pausen beobachtete: „Viele haben sich Chips und 1,5-Liter-Colaflaschen gekauft. Das kann doch nicht sein.“ 

Nach vielen Beratungen im Lehrerkollegium und einer Umfrage unter den Schülern – „die haben sich Cheeseburger und Pizza gewünscht“ – sind Lehrer und Schüler aufeinander zugegangen.In der Pause werden jetzt belegte Vollkornsemmeln verkauft, aber auch solche mit Weißmehl. „Die kosten allerdings 1,20 Euro und die Vollkorn-Variante nur 50 Cent, das überzeugt dann viele“, erzählt Worbs. Inzwischen gibt es eine ganze Schülerfirma rund ums Schulessen – von den Pausenangeboten über das Schülercafé bis hin zum Catering für Feste. 

Die Schüler machen freiwillig mit, neben dem Unterricht. „Am Anfang ist die Motivation groß, im Laufe des Schuljahres lässt sie nach, aber mit einer Ehrung und Urkundenverleihung vor der gesamten Schule belohnen wir alle Freiwilligen vor den Sommerferien“, so die Pädagogin. Sie ist beeindruckt, dass Schüler mitmachen, weil sie Mitschülern mit einem guten Essen helfen und so was Gutes tun wollen. „Und, immerhin, die mosern jetzt nimmer so, dass es statt Schokoriegeln nun die Müslischnitten gibt“, sagt Sarah Worbs schmunzelnd.

Die Mühe wird belohnt

Dabei täuscht die Begeisterung nicht darüber hinweg, dass in den Pausenbroten richtig viel Arbeit steckt. Vier Schüler kommen eine halbe Stunde vor Schulbeginn, um die Stullen zu schmieren. Die Semmeln, Brezen und Laugenstangen holt die Lehrerin selbst jeden Morgen vom Bäcker ab. Zwei Jugendliche übernehmen den Pausenverkauf, zwei weitere Zehntklässler führen die Geschäfte und machen mithilfe der Lehrer die Abrechnung. Sarah Worbs bekommt für ihr Engagement keine nennenswerte Erleichterung ihres Unterrichtspensums. Dennoch bleibt sie dran: „Das kostet schon viel Zeit und Nerven. Aber ich kann jetzt mit gutem Gewissen sagen, dass meine Schüler wenigstens einmal am Tag was Gesundes gegessen haben, und viele sogar die Vollkornsemmeln, die sie sich zu Hause nie machen würden.“

Eine Idee: die Eltern dazuholen

Die Mädchenrealschule des Franziskanerinnen-Klosters im fränkischen Volkach ist in puncto Essen einen eigenen Weg gegangen. Dort ist das inzwischen acht Jahre laufende Projekt „Gesundes Pausenbrot“ aus dem Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern entstanden. Michaela Klein ist Mutter und organisiert das Projekt. Acht Mütter bereiten den Schülerinnen freitags ein gutes Pausenbrot inklusive Nachtisch zu, machen mit Fantasienamen wie „Feenzauber“ oder „Künstlerbrot“ Lust aufs Probieren und kümmern sich um alles, vom Einkauf bis zum Rezeptbuch, das zum Nachmachen zu Hause anregt.

140 bis 180 Pausenbrote werden freitags serviert, für nur einen Euro. Um die Mahlzeit bezahlbar zu halten, setzen die Volkacher auf gute, langjährige Kontakte zu Bäckerei, Fleischerei und anderen Händlern vor Ort. „Wenn ich dann von den Mädels höre, dass die Mahlzeit ‚voll lecker‘ ist, freut mich das sehr“, sagt Michaela Klein. Die Lehrerin Birgit Engel, die das Projekt mit gegründet hat, legt großen Wert darauf, den Müttern immer wieder ihre Anerkennung zu zeigen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Die Anschubzeit sei sehr intensiv gewesen, sagt sie. „Aber jetzt zahlt sich das hunderttausendmal aus.“

Tipps für gesundes Schulessen

Bei der Wahl der Lebensmittel rät Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, sich nach Vollkornvarianten umzusehen. Statt eines fettreichen Camemberts sollte man sich lieber für mageren Käse und fettarme Wurst- und Schinkensorten entscheiden. Tomaten, Gurken und Obst – ob als ganze Früchte oder Salat – stehen bei ihr ebenfalls hoch im Kurs. Neben dem Essen empfehlen Ernährungsexperten auch, die Getränke sorgfältig auszuwählen und statt Limonade lieber Wasser, Saftschorlen, ungesüßten Tee oder Milch anzubieten.

Die Kreativität spielen lassen

Das Schöne am guten Essen in der Schule ist, dass es Schülern und Lehrern jede Menge Raum für Kreativität lässt. Antje Gahl hat dafür viele Tipps parat. Ihr wichtigster: die Schüler einbeziehen und nicht über ihre Köpfe hinweg planen. Von einer Umfrage zu den Essenswünschen bis hin zur gemeinsamen Gestaltung einer hellen, freundlichen Essecke in der Schule oder auf dem Pausenhof gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht haben auch die Grafiktalente unter den Schülern Lust dazu, Plakate zu malen, eine leckere Präsentation zu dekorieren oder ein Rezeptbuch zu gestalten. Ein Ausflug zum lokalen Apfelhof bringt gute Kontakte zu einem Lieferanten in spe. Und die Forscherin Mathilde Kersting schlägt eine Bonuskarte vor: Wer zehnmal ins volle Korn beißt, wird belohnt.

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