Differenzieren & Fördern, Inklusion / 22.06.2018

Unterrichtsentwicklung - der Kern einer guten Schule

Worauf es ankommt, um systematisch den eigenen Unterricht zu verbessern.

Es ist ein Vorhaben, das im Schulalltag leider oft zu kurz kommt: sich in Ruhe zu überlegen, wie man die Qualität des eigenen Unterrichts verbessern kann. Hilbert Meyer, Schulpädagoge und emeritierter Professor der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, gibt Lehrern in seinem neuen Buch Unterrichtsentwicklung einen theoretisch fundierten Leitfaden. Wir sprechen mit ihm darüber, worauf es in der Praxis ankommt.

Bild: Shutterstock.com/wavebreakmedia

Der Weg zum eigenen Projekt der Unterrichtsentwicklung

Was ist Unterrichtsentwicklung?

Unterrichtsentwicklung umfasst den Prozess und die Ergebnisse von individuellen und gemeinsamen, mehr oder wenigen systematischen Anstrengungen von Lehrern, Schülern und weiteren beteiligten Personen, die Lernbedingungen der Schüler zu verbessern. Ziel ist es, den Lernerfolg der Schüler zu erhöhen soll und die Arbeitsbedingungen des Personals zufriedenstellend zu gestalten. 

Wie fange ich an? 

Als Erstes braucht man eine kluge Idee. Aber sie muss auch umgesetzt werden können – und dafür liefert Meyers ENTWICKLUNGSVIERECK einen Ausgangspunkt. Die vier Ecken sind jeweils durch eine Entwicklungsetappe gekennzeichnet – die Reihenfolge kann individuell ausgewählt werden. Meyer schlägt vor: (1) die kluge Idee zu einem Entwicklungsziel zu verdichten, (2) die Stärken und Schwächen des eigenen Unterrichts zu analysieren, (3) Hilfen und Kontrollen für das eigene Vorhaben zu organisieren und dann (4) die persönliche Entwicklungsaufgabe auszuformulieren. 

Welche Themen eignen sich? 

Grundsätzlich ist das natürlich eine individuelle Frage. Jedes Thema, an dem man selbst arbeiten möchte, ist geeignet. Meyer gibt einige Anregungen auf der Basis seines DIDAKTISCHEN SECHSECKS. Die Entwicklungsarbeit kann sich beziehen auf:

  • die Zielstruktur (Welches sind meine Unterrichtsziele? Haben die Schüler die Voraussetzungen dafür?)
  • die Inhaltsstruktur (zum Beispiel: Will ich mehr fächerübergreifend unterrichten? Oder ein neues Lehrbuch ausprobieren?)
  • die Methodik (Will ich mehr kooperative Arbeitsformen einsetzen? Oder meinen Unterricht stärker individualisieren?)
  • die Raumstruktur (Will ich den Klassenraum verändern und zum Beispiel Werkstattecken einrichten?)
  • die Zeitstruktur (Will ich den zeitlichen Rhythmus meines Unterrichts verändern?)
  • die Sozialstruktur (Will ich die „soziale Architektur“ meiner Klasse verändern und zum Beispiel ein Helfersystem oder feste Tischgruppen etablieren?)


Wohin soll die Reise gehen? 

Eine gute Grundlage ist laut Meyer das DREI-SÄULEN-MODELL des Unterrichts, in das alle heute diskutierten Lehr-Lern-Arrangements eingeordnet werden können. Meyer empfiehlt, nicht jeder Mode hinterherzulaufen, sondern gezielt auszuwählen und dabei eine ausgewogene Balance zwischen den drei Säulen herzustellen. Jede der drei Säulen kann mit einer Vielzahl von Methoden und Arbeitsformen mit Leben gefüllt werden, hier einige Beispiele:
Säule 1 – Individualisierender Unterricht (Planarbeit), zum Beispiel Freiarbeit, Stationenlernen oder ein Praktikum
Säule 2 – Direkte Instruktion (Fachunterricht), zum Beispiel Wahlpflichtkurse, Vorlesungen
Säule 3 – Kooperativer Unterricht (Projektarbeit), zum Beispiel Projektwochen, Exkursionen, kooperative Kleinformen
Die Lernforschung hat ja gezeigt, dass eine Vielfalt der Unterrichtsangebote das Lernen erleichtert und den Lernerfolg erhöht. Deshalb lautet Meyers Maxime: „Mischwald ist besser als Monokultur“. 

Woran messe ich den Erfolg meines Projekts? 

Den Erfolg konkret zu bestimmen, ist nicht einfach. Meyer schlägt dafür zehn Kriterien vor, die sowohl die Rahmenbedingungen und den Entwicklungsprozess als auch die beobachteten Wirkungen erfassen.

Vier Beispiele: 

  • Gesprächskultur – Wird im Kollegium lebhaft und konstruktiv über die Entwicklungsziele diskutiert?
  • Selbst- und Mitbestimmung – Kann im Kollegium selbstbestimmt gearbeitet werden oder müssen nur Vorgaben von oben umgesetzt werden?
  • Lernerfolge der Schüler – Gibt es sichtbare Resultate? Geben die Schüler positives Feedback?
  • Nachhaltigkeit – Können die Ergebnisse meines Projekts zur Unterrichtsentwicklung kontinuierlich in der Schule genutzt werden? Halten sie dem Stress des Schulalltags stand?

Sein Fazit: Nichts wird so umgesetzt, wie es ursprünglich geplant war. Aber es ist wichtig, einen roten Faden haben, um mit den ungeplanten Ereignissen gelassen umgehen zu können. Dann ist Unterrichtsentwicklung nicht nur mühsame Arbeit – dann kann sie auch Spaß machen.

basierend auf dem Buch „Unterrichtsentwicklung“ von Hilbert Meyer

Interview mit Hilbert Meyer

Herr Meyer, Sie kommen gerade aus Mittelamerika und Kiew zurück, wo Sie Lehrer fortgebildet haben. Jetzt erreiche ich Sie an Ihrem Arbeitsplatz in Oldenburg. Dabei sind Sie seit sechs Jahren emeritiert und könnten die pädagogische Entwicklung aus gelassener Distanz beobachten. Was treibt Sie an?

Hilbert Meyer: Die Arbeit macht mir weiterhin viel Spaß. Ich renne ihr nicht hinterher, aber es gibt unverändert viele Anfragen, ob ich eine schulinterne Fortbildung machen, als Gastprofessor ins Ausland gehen oder ein Buch schreiben könne. Solche Arbeiten sind hochgradig selbstbestimmt und deshalb spüre ich nicht einmal den Hauch eines Burn-out-Syndroms. Meine Frau und die Enkelkinder würden sich allerdings freuen, wenn ich mich doch ganz langsam an das Pensionärsleben gewöhnen würde. 

Kommen wir zum Thema Ihres neu erschienenen Buches zur Unterrichtsentwicklung. Sich in seiner Arbeit kontinuierlich und systematisch zu verbessern wird auch in vielen anderen Berufen gefordert. Was macht die Lehrerarbeit so besonders? 

Hilbert Meyer: Ich nenne vier Faktoren: Zum einen werden die Lernvoraussetzungen der Schüler immer heterogener; immer mehr von ihnen sind „überraschungsintensiv“. Zweitens: Die Unterrichtsinhalte und die Erwartungen an die Unterrichtsgestaltung verändern sich in rasantem Tempo. Ich nenne nur die Stichworte Kompetenzorientierung und Inklusion. Drittens: Den Lehrern wird heute immer mehr Teamarbeit abverlangt. Aktuelle Studien zeigen aber, dass die Bereitschaft dazu kontinuierlich anwächst – wie schön! Viertens: Der Umfang der Bürokratiearbeit wächst immer mehr an. Zusammengefasst: Es hat in den letzten 30 Jahren eine spürbare Verdichtung der Lehrerarbeit gegeben. Sie ist immer anspruchsvoller und komplexer geworden. Das ist auch empirisch untersucht worden, zum Beispiel von dem US-Amerikaner Lee Shulman. Lehrerarbeit, so sein Fazit, ist deutlich komplexer als die Arbeit von Ärzten. Das hat die Lehrerinnen und Lehrer, ob sie dies wollen oder nicht, zu Weltmeistern im Komplexitätsmanagement gemacht.

Unterrichtsentwicklung in jeder Schule verankern

Sie fordern, die Unterrichtsentwicklung in jeder Schule fest zu verankern. Wie soll das funktionieren?

Hilbert Meyer: Die Krux ist, dass vieles zufällig passiert. Die Unterrichtsentwicklung sollte aber mit System angegangen werden. Damit meine ich, dass ein klares Zielkonzept entwickelt wird, mit dem sich das ganze Kollegium identifizieren kann. Dafür habe ich das Drei-Säulen-Modell aus individualisierendem Unterricht (Planarbeit), direkter Instruktion (Fachunterricht) und kooperativem Unterricht (Projektunterricht) entwickelt. Und auch die Umsetzung des Zielkonzepts sollte systematisch betrieben werden. Dafür gibt es heute einen ganzen Koffer voller Instrumente, zum Beispiel die Arbeit in Jahrgangsteams, das kollegiale Hospitieren, die systematische Fortbildungsplanung oder die Netzwerkarbeit mit Schulen aus der Nachbarschaft. 

Schulentwicklung ist an vielen Schulen ein großes Stichwort. Wie gliedert sich die Unterrichtsentwicklung in die Schulentwicklung ein? 

Hilbert Meyer: Alle Schulentwicklungsforscher sind sich einig: Unterrichtsentwicklung ist der Kern der Schulentwicklung. Aber wer den Unterricht entwickeln will, muss auch die Personal- und die Organisationsentwicklung voranbringen. Dabei kann und muss arbeitsteilig vorgegangen werden. Die Lehrer sollten – einzeln und in kleinen Teams – kleine und große Vorhaben bearbeiten. Schulleitung und Steuergruppen müssen dafür sorgen, dass die verschiedenen Vorhaben stimmig zueinander sind und dass sich die Arbeitsbelastung in Grenzen hält. Entscheidend ist, dass die Ergebnisse der Entwicklungsarbeit verstetigt werden, damit sie nicht versacken, wenn zum Beispiel eine Lehrerin in Elternzeit geht oder ein Lehrer die Schule wechselt.

Projektarbeit zur Unterrichtsentwicklung

Können Sie an einem Beispiel aus Ihrer Erfahrung beschreiben, wie ein Projekt zur Unterrichtsentwicklung abläuft – vom ersten Anstoß bis zum Abschluss?

Hilbert Meyer: Ich beteilige mich am Kieler Masterstudiengang „Schulmanagement“. Dort bereiten sich berufserfahrene Lehrerinnen und Lehrer auf Schulleitungsaufgaben vor. Einer meiner „Studenten“ ist Sonderschullehrer in Norddeutschland. Er war mit seiner Rolle als „Ausputzer“ und „Hilfssheriff“ im inklusiven Fachunterricht total unzufrieden und wollte das ändern. Er hat sich daraufhin in ein bundesweites Netzwerk zur Projektarbeit eingeklinkt und dann sukzessive mit den Fachlehrern seiner Schule daran gearbeitet, diese Form des kooperativen Unterrichts in seiner Schule stärker zu nutzen. Jetzt kann er seine Kompetenzen viel besser einbringen und ist dadurch auch zufriedener. Seine Ergebnisse und Erfahrungen hat er in seiner Masterarbeit zusammengefasst. 

Sie plädieren dafür, ein „Arbeitsbündnis“ mit den Schülern zu schließen. Was meinen Sie damit? 

Hilbert Meyer: Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen; sie sollen über das eigene Lernen nachdenken und herausfinden, was für sie gut und hilfreich ist. Das können sie auch überraschend gut. Und deshalb empfehlen Bildungsforscher wie Mats Ekholm aus Schweden und John Hattie aus Neuseeland, Schülerfeedback zum festen Bestandteil der Unterrichtsarbeit zu machen und ihre Ideen ernst zu nehmen. Das wird in einigen Schulen schon gemacht, aber dieses Potenzial könnte insgesamt noch besser ausgeschöpft werden.

Persönliche und gemeinsame Entwicklungsaufgaben

Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen persönlichen und gemeinsamen Entwicklungsaufgaben. Wie können Lehrer ihre persönlichen Projekte zur Unterrichtsentwicklung finden?

Hilbert Meyer: Lehrer wissen in aller Regel sehr genau, wo es drückt. Natürlich kann es sinnvoll sein, mit Kollegen darüber zu sprechen oder auch mit den Schülern. Aber das Projekt sollte einen biografischen Bezug haben, also auf die eigenen Erfahrungen und Lernwege aufbauen. Michael Fullan aus Kanada hat einmal gesagt: „You can’t mandate teachers!“ (Zu Deutsch: Man kann Lehrern nicht befehlen, was sie für wichtig halten sollen.) Er hat Recht. Deshalb besteht ein wesentlicher Teil der Schulleitungsaufgaben darin, Überzeugungsarbeit zu leisten. 

Wer soll all die Arbeit leisten? Sie haben doch zu Beginn unseres Gesprächs selbst gesagt, dass es eine ganz erhebliche Verdichtung der Arbeitsplatzstrukturen gegeben hat. Haben Sie eine konkrete Empfehlung, wie sich die Unterrichtsentwicklung zeitlich sinnvoll in den schulischen Alltag integrieren lässt? 

Hilbert Meyer: Das ist die entscheidende Frage. Man müsste Zeit und Geld wie Heu haben – aber das hat niemand. Deshalb akzeptiere ich, wenn die Kolleginnen und Kollegen sagen, dass die Bewältigung des Alltags Priorität haben muss. Es ist die Aufgabe der Schulleitung, für Zeitfenster zu sorgen. Ein Beispiel: Einige Schulen, die neu mit Jahrgangsteams arbeiten, haben es hinbekommen, eine Stunde pro Woche für eine gemeinsame Besprechung freizustellen. Das gibt den Lehrern auch Zeit für persönliche und für gemeinsame Unterrichtsentwicklung, und dafür sind sie sehr dankbar.

 

Fortbildungstipp

Schulinterne Lehrerfortbildung (SchiLf): Unterrichtsentwicklung
Hier finden Sie schulinterne Lehrerfortbildung für den Bereich Unterrichtsentwicklung.
 

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