Kindeswohlgefährdung: Maßnahmen zur Prävention und Intervention
Was Lehrkräfte und Schulen tun können
79.800 Fälle von Kindeswohlgefährdungen wurden 2025 bei den Jugendämtern gemeldet. Damit hat sich die Fallzahl seit Beginn der Zählung 2012 mehr als verdoppelt. Und das heißt, in vielen Schulklassen sitzen Kinder, die Hilfe brauchen. Doch wie können Lehrkräfte diese Gefährdung erkennen und vor allem: Wie können sie helfen? Welche Rechte und Pflichten haben sie und an wen können sie sich wenden? Das haben wir Annalena Röber gefragt. Bei Cornelsen erscheint im Oktober ihr Buch Kinderschutz und Kindeswohl - Maßnahmen zur Prävention und Intervention, das Antworten auf all diese Fragen gibt.

Was ist eine Kindeswohlgefährdung?
Frau Röber, wann spricht man von einer Kindeswohlgefährdung?
Annalena Röber: Eine Kindeswohlgefährdung liegt dann vor, wenn wir mit ziemlicher Sicherheit vorhersehen können, dass daraus eine erhebliche Schädigung der kindlichen Entwicklung hervorgeht. Und nur bei Kindeswohlgefährdung kann der Staat in das Recht von Eltern eingreifen. Alles, was wir vorher tun, was Kitas, was Schulen, was Jugendamt, was Beratungsstellen tun, beruht auf der Freiwilligkeit der Eltern. Da gibt es einen Riesenbedarf, um Schäden in der kindlichen Entwicklung zu verhindern. Und es gibt viele Möglichkeiten, dies zu tun.
Kindeswohlgefährdung erkennen: Welche Warnsignale gibt es?
Kindeswohlgefährdung kommt aber nicht nur in der Familie vor.
Annalena Röber: Die Zahlen sagen tatsächlich, dass Kindeswohlgefährdung am ehesten im sozialen Nahraum stattfindet, also im familiären Umfeld, aber eben auch in all den Räumen, wo die Kinder sich tagtäglich aufhalten, Schule, Kita, Sportvereine, durch Vertrauenspersonen, Verwandte oder Bekannte. Aber auch im Internet. Da sind fremde Personen die Akteure. Aber auch da ist es so, dass kindeswohlgefährdende Situationen dann entstehen, wenn Vertrauen aufgebaut wurde. Vertrauen ist also ein ganz zentrales Thema, wenn wir über Kindeswohlgefährdung sprechen.
Wie kann ich als Lehrkraft überhaupt eine Kindeswohlgefährdung erkennen?
Annalena Röber: Ich glaube, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte hier eine ganz besondere Rolle haben, weil sie tagtäglich mit den Kindern zusammen sind, weil sie den Kindern Orientierung geben und die Kinder ihnen vertrauen. Und wenn Kinder Probleme haben, Gewalt erleben, nicht gut versorgt werden, dann wenden sie sich oft an diese Personen. Dabei sind verbale Äußerungen sehr sichere Signale. Und dann kann man mit den Kindern ins Gespräch kommen. Gleichzeitig gibt es viele Kinder, die sich das nicht trauen oder die versuchen, Dinge zu benennen und es wird nicht gehört. Da können wir sogenannte Anhaltspunkte im Verhalten der Kinder beobachten, sowohl in der Interaktion unter den Kindern als auch bei den einzelnen Kindern. Vor allem, wenn starke Verhaltensveränderungen auftreten, wenn ein Kind sich plötzlich zurückzieht oder nach vorne prescht und aggressiv wird.
Was sollten Lehrkräfte bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung tun?
Und was kann ich als Lehrkraft tun, wenn ich diese Signale wahrgenommen habe?
Annalena Röber: In meiner Beratungs- und Fortbildungstätigkeit erlebe ich oft, dass auch viele Lehrerinnen und Lehrer nicht genau wissen, was sie tun können und sogar müssen. Da ist es ganz wichtig, sich noch einmal den eigenen Auftrag anzugucken und der steht für Lehrkräfte in Paragraf 4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz. Da wird genau formuliert, was man tun muss, wenn man solche Anhaltspunkte beobachtet, oder wenn ein Kind einem etwas mitteilt. Dabei geht es darum, erst einmal Ruhe zu bewahren, in den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu gehen, die das Kind auch kennen, und es gilt, weitere Informationen zu sammeln, um schließlich die Gefährdung einschätzen zu können.
Dafür haben Lehrkräfte Anspruch auf eine Beratung durch eine sogenannte InsoFa – eine insoweit erfahrene Fachkraft für Kinderschutz. Diese Beratung können Lehrkräfte kostenlos über das Jugendamt bekommen, aber auch über andere Beratungsstellen. Und das Gesetz gibt dann vor, dass man mit der Familie in den Austausch geht, dass Hilfen angeboten werden, um die Gefahr abzuwenden. Erst wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Hilfe anzunehmen und die Gefahr abzuwenden oder wenn die Gefahr so akut ist, dass alles, was wir anbieten könnten, nicht wirkungsvoll ist, wird das Jugendamt eingeschaltet.
Kinderrechte als Grundlage für Prävention
Sie sprechen in Ihrem Buch auch von präventivem Kinderschutz in der Schule. Wie kann der aussehen?
Annalena Röber: Wir wissen mittlerweile, dass Kinder, die gut über ihre Rechte aufgeklärt sind, die Körperwissen haben, die wissen, an wen sie sich wenden können, einfach besser geschützt sind oder im Bedarf auch geschützt werden. Das heißt, dass Schule ganz viel Präventionsarbeit leisten kann, indem sie Kinderrechte präsent macht, indem darüber gesprochen wird und indem die Kinderrechte in der Schule gelebt werden. Auch die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern und der Austausch mit ihnen ist ganz zentral.
Und Lehrkräfte können genau zu diesen Themen Projekte machen: Was sind meine Rechte, wie heißen meine Körperteile, wo darf ich berührt werden und wo nicht, wo finde ich Hilfe im Bedarf? Dazu gehört außerdem ganz viel Partizipation. Gewaltthemen lassen sich enttabuisieren, wenn die Kinder wissen: Wir dürfen darüber reden und wir bekommen dann auch Hilfe. Das funktioniert nur, wenn sich die Lehrkräfte sicher fühlen. Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte ist also ein enormer Präventionsfaktor.
Wie sollte diese Partizipation ganz konkret aussehen?
Annalena Röber: Es ist ganz entscheidend, dass demokratische Grundwerte in der Schule gelebt werden. Etwa, indem ein Beschwerdemanagement etabliert wird. Und damit meine ich nicht den Briefkasten, der am Leitungsbüro hängt, denn in der Regel wirft da niemand einen Brief ein. Es geht vielmehr darum, Strukturen zu etablieren, damit die Kinder wissen: Da werde ich gehört. Auch Klassenräte sind ein wichtiges demokratisches Instrument. Dabei sollte man allerdings genau auf die einzelnen Kinder gucken. Werden wirklich alle gehört? Oder haben wir in den Klassenräten immer die gleichen fünf, sechs Kinder, die die Klasse vertreten?
Schutzkonzepte mit klaren Handlungsplänen für die Lehrkräfte
Es gibt aber nicht nur die Gefährdung zu Hause, sondern durchaus auch, Sie haben es vorhin angesprochen, in Vereinen, bei der Kirche und auch in der Schule. Wie kann Schule da agieren?
Annalena Röber: Aus meiner Arbeit kenne ich sowohl Fälle von Kindeswohlgefährdung, die unter Kindern und Jugendlichen stattfinden, als auch durch das pädagogische Personal. Und da greift der gleiche Schutzauftrag. Dafür braucht es Schutzkonzepte mit klaren Handlungsplänen für die Lehrkräfte. Das ist leider noch nicht in allen Bundesländern Pflicht. Ein solches Schutzkonzept soll Schulen zu sicheren Orten gegen jede Art von Gewalt machen.
Und was kann ich als Lehrkraft tun?
Annalena Röber: Ich dokumentiere die Dinge, die ich sehe, und zwar ganz sachlich, ich lasse mich beraten, ich gehe mit der Schulleitung ins Gespräch. Dann müssen Schulleitung und Schulaufsicht gegebenenfalls gemeinsam überlegen, welche weiteren Schritte es braucht, bis hin zu einem Ausschluss aus dem Job.
Und wenn ich Gewalt unter Kindern beobachte?
Annalena Röber: Kinder sind keine Täter, denn das ist ein strafrechtlicher Begriff. Bei Kindern gehen wir davon aus, dass aggressives Verhalten eine Notsituation symbolisiert. Und das bedeutet, dass beide Seiten Unterstützung brauchen. Zunächst müssen wir natürlich den Schutz der betroffenen Kinder sicherstellen, aber anschließend braucht es auch Unterstützungsmöglichkeiten für die übergriffig gewordenen Kinder und im Zweifel auch für die Kinder, die diesen Vorfall beobachtet haben. Je nachdem, was die Kinder brauchen, müssen die Eltern mitwirken, auch um zu schauen, welche externe Hilfe möglicherweise notwendig ist.
Das gemeinsame Ziel: das Wohlergehen der Kinder
Wie kann Ihr Buch den Lehrkräften bei all dem helfen?
Annalena Röber: Meine Idee war, dass die Lehrkräfte etwas in der Hand haben, das ihnen Sicherheit gibt. Deswegen enthält das Buch auch viel Grundlagenwissen bis hin zu Antworten auf die Frage: Was kann ich denn tun? Es werden Praxisbeispiele Schritt für Schritt erläutert: Wie sieht das Elterngespräch aus? Wie rede ich mit dem Kind? An wen kann ich mich wenden? Es sind Formulierungshilfen dabei. Ich habe versucht, die theoretischen Inhalte mit der Praxis zu verknüpfen. Und es sind Präventionsthemen drin, die im gesamten Schulalltag für das Thema sensibilisieren. Denn das Wichtigste ist, dass man sich sensibilisiert, dass man darüber ins Gespräch kommt und dass man sich Beratung und Unterstützung holt, weil wir ja alle das gleiche Ziel haben, nämlich das Wohlergehen der Kinder.
Zur Person
Annalena Röber ist Kindheitspädagogin (Bachelor of Arts) mit einem Masterabschluss in Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe. Außerdem ist sie zertifizierte Kinderschutzfachkraft, Verfahrensbeiständin, Sexualpädagogin und Resilienzcoachin. Seit 2021 arbeitet sie in einem Präventionsangebot für Eltern von Kindern zwischen 0 und 10 Jahren bei einem Jugendamt. Außerdem lehrt sie seit 2021 im Studiengang der Kindheitspädagogik an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf. Hier ist sie auch Teil des Fortbildungsteams des Kompetenzzentrums Kinderschutz. Seit 2023 veröffentlicht sie außerdem verschiedene Artikel und Fachbeiträge rund um das Themenfeld Kinderschutz.




