Warum Lernen unbedingt gute Beziehungen braucht
Ein Gespräch mit Angela Jensen-Markhoff über Noten, verkrustete Systeme und die Energie, das Schulwesen zu ändern
Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler verbringen täglich viele Stunden in der Schule und das über Jahre. Wichtig also, dass es ihnen an diesem Ort gut geht. Das betrifft sowohl die äußeren Bedingungen wie etwa das Gebäude oder den Klassenraum als auch und das ganz besonders: ihre Beziehungen untereinander. Gerade gute Beziehungen sind entscheidend für das Lernen und Lehren. Doch wie können sie unter den gegebenen Bedingungen gelingen? Das haben wir Angela Jensen-Markhoff gefragt. Die ehemalige Lehrerin und Weiterbildnerin hat jetzt bei Cornelsen das Buch „Lernen braucht Beziehung“ veröffentlicht.

Frau Jensen-Markhoff, im Vorwort Ihres Buches beschreiben Sie, welche äußeren Bedingungen es für gute Beziehungsarbeit braucht. Diese sind in der Schule nicht unbedingt gegeben. Wie kann Beziehungsarbeit dennoch gelingen?
Angela Jensen-Markhoff: Wenn überhaupt irgendetwas in der Schule gelingt, dann nur, weil Beziehungsarbeit gelingt. Es ist nicht nur hinderlich, was im Moment in Schulen passiert, es ist eine Katastrophe. Das fängt bei der Lehrerausbildung an, geht bei den Räumlichkeiten weiter, bei überfüllten Klassen, dann kommt das alte, verkrustete, administrative System mit 45- bis 90-Minuten-Rhythmen dazu und mit Klassen, die altersmäßig zusammengesetzt sind. All das ist hinderlich.
Auch Sie mussten sich mit diesem System arrangieren.
Angela Jensen-Markhoff: Ich habe mich, als ich älter war, ganz oft über Konferenzbeschlüsse und Bildungspläne hinweggesetzt. Ich habe keine Zentralarbeiten mitgeschrieben. Das traut man sich aber als junge Lehrkraft oder als Referendarin nicht.
Ein Tipp: Das Karteikartensystem
Was können Lehrkräfte stattdessen tun, um eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen? Haben Sie ein Beispiel?
Angela Jensen-Markhoff: Ja. Sie können zum Beispiel das Karteikartensystem nutzen. Jede Schülerin und jeder Schüler trägt in die eigene Karteikarte das ein, was er oder sie geleistet hat. Ein M dafür, dass die Mappe mitgebracht oder ein B dafür, dass das Buch nicht vergessen wurde oder noch ein HA, weil die Hausaufgaben erledigt wurden. Ich mache mir also keine Negativlisten über vergessene Bücher oder unerledigte Hausaufgaben. Das machen die Schülerinnen und Schüler selbst. Am Anfang des Schuljahres notieren sie außerdem, was ihr Notenziel in einem halben Jahr ist. Etwa so: Im letzten Jahr hatte ich eine vier und ich will eine zwei erreichen. Im Dezember besprechen wir dann die Karteikarten. Ich habe mir notiert, wie oft ich Hausaufgaben aufgegeben habe. Dann kann jede Schülerin und jeder Schülerin sehen, von den 18-mal habe ich nur dreimal Hausaufgaben gemacht. Ich habe so und so oft keine Mappe dabeigehabt oder kein Buch. Sie wissen, dass ich keine Noten geben mag und dass ich immer nur dann eine Note gebe, wenn es vorher angekündigt war. Aber diese Halbjahresnote muss ich geben und dann frage ich: Was glaubst du, welche Note ist gerecht? Tatsächlich geben sich die Schülerinnen und Schüler selbst meistens schlechtere Noten, weil sie ja sehen, was sie nicht erledigt haben. All dies ermöglicht mir dann ein sehr ergiebiges Gespräch mit dem einzelnen Schüler oder der einzelnen Schülerin. Die anderen habe ich derweil mit irgendeiner anderen Aufgabe betraut, denn leider bekomme ich für solche Gespräche keine Extrazeiten. Ich muss das irgendwie im normalen Unterricht hinkriegen.
„Es geht um natürliche Autorität“
Zur Schule gehören auch Disziplin, Bewertungen, Autorität. Ist all dies in Einklang zu bringen mit Beziehungsarbeit?
Angela Jensen-Markhoff: Es geht um natürliche Autorität. Ich komme in den Raum und die Schülerinnen und Schüler wollen meine Aufmerksamkeit. Sie wollen mir zeigen, dass sie etwas können. Sie wollen sich Anerkennung und möglichst natürlich Wertschätzung abholen und sind dann auch bereit, so etwas wie das Periodensystem der Elemente zu lernen oder alle adverbialen Bestimmungen in einem Text zu suchen. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie noch nicht erwachsen sind, sie wissen, dass sie die Unterstützung von Erwachsenen brauchen, und sie lechzen nach Persönlichkeiten, von denen sie sich etwas abgucken können. Wenn Schülerinnen und Schüler Lehrkräfte erleben, die zufrieden mit ihrem Beruf sind und jungen Menschen zugewandt, dann gehen sie auch gern zur Schule. Es gibt Lehrkräfte, die drohen damit: „Wenn das so weitergeht, muss ich deine Eltern anrufen.“ Ich habe das umgedreht. Ich habe die Eltern meiner Schüler angerufen, wenn die Schüler etwas Gutes gemacht haben und es dauerte keine drei Wochen, da kamen die Bitten: „Frau Jensen, können Sie auch mal meine Eltern anrufen?“ Die Schülerinnen und Schüler wollten, dass ich anrufe, weil sie wussten, da kommt etwas Positives und nichts Negatives.
Und wie lassen sich Bewertungen und eine gute Beziehung in Einklang bringen?
Angela Jensen-Markhoff: Ich nehme es hin, dass Noten bislang nun mal zu unserem Schulsystem zu gehören scheinen. Aber ich nutze sie als „Beziehungs“-Instrument. Die einzelnen Schülerinnen und Schüler sollen sich von mir gesehen fühlen. Mittlerweile werden überall Lernentwicklungsgespräche geführt. Das ist schon mal nicht schlecht. Aber mich stört, dass man das so formalisiert macht, dass die Schülerinnen und Schüler zunächst einen Fragebogen ausfüllen müssen, über den anschließend gesprochen wird. Ich finde, das muss man sehr individuell machen. Jede Schülerin und jeder Schüler will sich einzeln gesehen fühlen. Das ist in den Grundbedürfnissen von uns Menschen begründet.
Ihr Unterricht war also ganz anders als der vieler Kolleginnen und Kollegen?
Angela Jensen-Markhoff: Zum Teil. Ich habe zum Beispiel selten frontal unterrichtet. Aber wenn ich das gemacht habe, dann nur kurz und dann war ich sehr rigide. Alle müssen stillsitzen, mit den Knien nach vorn. Alle legen den Stift auf den Tisch und alle gucken mich an. Und wenn sie mich nicht angucken, schweige ich. Wenn ich dann jemanden ansehe und der dreht sich zu mir um, dann sage ich „Danke“. Ich ermahne möglichst wenig. Schüler müssen sich Tag für Tag viele Ermahnungen anhören und stehen zudem unter großem Druck. Und ich finde, dass ich mit solchen Kleinigkeiten viel zu einer guten Beziehung beitragen kann. Mir ist auch mal der Kragen geplatzt und ich habe geschimpft oder gar geschrien. Aber dann habe ich mich entschuldigt und gesagt: „Wisst ihr was, daran seht ihr, wie wichtig ihr mir seid.“ Aber ich bin keine gute Lehrerin, wenn ich schimpfe – und es fühlt sich auch nicht gut an! Man sollte also einsehen, wenn man Fehler gemacht hat und das auch zugeben.
„Das hätte ich mal eher wissen sollen“
Wie haben andere Kollegen auf Ihre Art, zu unterrichten reagiert?
Angela Jensen-Markhoff: Ich habe einzelne Kapitel aus meinem Buch für meine Inhouse-Fortbildungen genutzt. Dieses System mit den Karteikarten zum Beispiel. Und dann kamen Reaktionen wie: „Ich bin jetzt schon 25 Jahre Lehrer, das hätte ich mal eher wissen sollen.“
Wie können oder sollten Lehrkräfte ihr Buch nutzen?
Angela Jensen-Markhoff: Ich empfehle, das Inhaltsverzeichnis durchzulesen und dann das herauszusuchen, was interessant klingt oder was mich als Lehrkraft gerade beschäftigt. Wenn Lehrkräfte das Gefühl haben, sie müssen erst Kapitel eins bis vier gelesen haben und können dann mit Kapitel fünf beginnen, legen sie das Buch beiseite. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann sind es sogenannte Intervisionsgruppen – auch unter dem Stichwort ‚kollegiale Fallbesprechung‘ bekannt. Einmal pro Woche sitzt man mit fünf, sechs Kolleginnen und Kollegen zusammen und geht Stück für Stück einzelne Kapitel durch oder einen aktuellen „Problemfall“ und dann werden praktische Ideen dazu ausgetauscht. Die wirklich guten Ideen kann man nämlich schlecht von außen geben.
Geht es in Ihrem Buch neben praktischen Beispielen auch um theoretische Grundlagen?
Angela Jensen-Markhoff: Ja, insbesondere aus einem Bereich. Das sind kurze Texte mit Fakten aus der Neurobiologie. Da gab es in den letzten drei Jahrzehnten wichtige Erkenntnisse – von denen man übrigens so gut wie nichts im Studium erfährt. Denn diese einzelnen Fakten haben Konsequenzen für mein Tun als Lehrkraft. Nur ein Beispiel: Wenn ich weiß, dass Stress und Adrenalin eine Denkblockade im Gehirn bewirken, dann prüfe ich anders!
Hoffnung, dass die Lust und die Energie zunehmen, dieses Schulwesen zu ändern
Welche Wirkung erwarten Sie von Ihrem Buch?
Angela Jensen-Markhoff: Meine Hoffnung ist, wenn viele so arbeiten, wie ich es dort beschrieben habe, dann wird deutlich, wie attraktiv dieser Beruf ist und wie viel Spaß es macht, zu unterrichten. Und dann kommt man vielleicht auch auf den Gedanken, sich seine Freiräume anders zu gestalten, mehr auf Beziehung zu achten und sich aufrichtig zu fragen: Wie war das heute bei mir im Unterricht, wie konnten sich die Schüler gesehen fühlen? Wie habe ich heute geguckt, wie habe ich gestanden, wie hat sich meine Stimme angehört, was habe ich heute für mich getan? Denn die Beziehung zu mir selbst muss ebenfalls stimmen, genau wie die zu den Schülerinnen und Schülern. Ich hoffe so ein bisschen, dass daraus auch kleine Pflanzen entstehen, die dann dazu führen, dass die Lust und die Energie zunehmen, dieses Schulwesen zu ändern.
Zur Person
Angela Jensen-Markhoff war 45 Jahre Fachlehrerin und Klassenlehrerin in der Sekundarstufe I in Hamburger Schulen. Sie ist außerdem Beratungslehrerin, zertifizierte Trainerin für STEP-Eltern- und Lehrerkurse und Seminarleiterin für Lehrertraining in der Hamburger Lehrkräfteausbildung.




