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Differenzieren & Fördern / 21.09.2026

Neurodivergenz in der Schule

Besonderheiten erkennen und Stärken fördern

Was bedeutet Neurodivergenz? Und was sollten Lehrkräfte darüber wissen? Welche Besonderheiten zeigen neurodivergente Kinder und was heißt dies für den Unterricht? Aber auch: Wie kann Neurodivergenz als Ressource wahrgenommen werden? Daniela Schmitten gibt im Gespräch Antworten auf all diese Fragen. Vielfalt im Kopf -Neurodivergenz als Stärke für die Schule erkennen heißt das Buch, das sie gemeinsam mit Corinna Stremme geschrieben hat und das im Oktober bei Cornelsen erscheint.

Abstrakte, farbenfrohe Illustration eines menschlichen Kopfprofils, aus dem fließende, bunte Linien und Formen wie Gedanken oder Ideen herausströmen.
Bild: stock.adobe.com/aicandy/erzeugt mit generativer KI

Was ist der Unterschied zwischen Neurodiversität und Neurodivergenz?

Frau Schmitten, was versteht man eigentlich unter Neurodiversität?

Daniela Schmitten: Neurodiversität beschreibt die Gesamtheit aller Nervensysteme, die theoretisch in einer Population auftreten können. Alle Nervensysteme sind sinnvoll vorhanden und verteilt. Aber sie sind unterschiedlich.
 

Und was unterscheidet die Neurodiversität von der Neurodivergenz?

Daniela Schmitten: Bestimmte Eigenschaften des Nervensystems, also ADHS, Autismus, Hochsensibilität, oder Hochbegabung bezeichnen wir als Neurodivergenzen. Neurodivergenzen sind die Formen von Nervensystemen, die von der Norm abweichen. Neurodiversität beschreibt alle vorkommenden Nervensysteme.

Woran erkennen Lehrkräfte neurodivergente Kinder?

Ist bekannt, wie viele Kinder neurodivergent sind?

Daniela Schmitten: Es kommt immer ein bisschen drauf an, welche Quelle man zu Rate zieht. Allgemein kann man aber sagen, wenn man alle Bereiche zusammenrechnet, sind wir bei knapp 30 Prozent. Das heißt, in jeder Klasse sitzen neurodivergente Kinder und auch in jedem Lehrerkollegium finden wir neurodivergente Lehrkräfte. Und neurodivergente Lehrkräfte sind, meiner Erfahrung nach, gerade diejenigen, die besonders gut mit den neurodivergenten Kindern klarkommen.
 

Wie erkenne ich als Lehrkraft überhaupt, ob ein Kind neurodivergent ist?

Daniela Schmitten: Zunächst ist es die Aufgabe von Psychologen oder Psychiatern, eine solche Diagnose zu stellen. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich ein paar Anhaltspunkte für Lehrkräfte. Was alle Neurodivergenzen gemeinsam haben, ist eine ausgeprägte Reaktion im Bereich der Reizaufnahme. Das heißt, wenn ich ein Kind habe, das bei einer hohen Reizdichte besondere Reaktionen zeigt, wie zum Beispiel Überlastungsreaktion, Rückzug, Weinen, Angst, Hysterie, Verweigerung, Sprachverlust, apathisches oder oppositionelles Verhalten, Unkonzentriertheit, Wegträumen, dann sollte ich genauer hingucken. Stress und Überlastung des Nervensystems löst bei Menschen unterschiedliche Reaktionen aus. Was aber bei neurodivergenten Kindern anders ist, ist, dass es schneller passiert als in einem neurotypischen Nervensystem. Schneller heißt, in der Klasse ist es laut und ein Kind zeigt dann relativ schnell besondere Reaktionen

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Warum ist die Zusammenarbeit mit Eltern so wichtig?

Gibt es noch andere Signale?

Daniela Schmitten: Im ADHS-Bereich können wir einen intensiven Bewegungsdrang wahrnehmen, motorische Unruhe in den Händen, oder – gerade bei Mädchen - das Wegträumen. Aber auch repetitive Verhaltensweisen geben - gerade im Autismus-Bereich - einen Hinweis. Stereotypien, die gleichbleibende Bewegungsabläufe beinhalten, aber auch Überkorrektheit, das extreme Bestehen auf Regeln, eine extreme Fairness oder ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn können Signale sein. Ein weiterer deutlicher Hinweis ist die Überangepasstheit von Kindern. Das heißt, die Eltern berichten zum Beispiel beim Elternsprechtag, dass das Kind sich zu Hause komplett anders verhält, dass es nach der Schule zusammenbricht, überhaupt keine Kraft mehr hat und gar nichts mehr im Nachmittagsbereich unternehmen kann. In der Schule zeigt sich aber ein völlig anderes Bild eines sehr angepassten Kindes, das versucht, sich an alle Regeln zu halten, sehr freundlich, sehr offen, sehr liebenswürdig ist. Dieses Angepasstsein erfordert sehr viel Kraft, die den Kindern dann zuhause fehlt.
 

Aber nicht jedes angepasste Kind ist neurodivergent.

Daniela Schmitten: Das stimmt. Deswegen ist der Austausch zwischen Eltern und Lehrkräften auch besonders wichtig, ebenso wie der interdisziplinäre Austausch.

Welche praktischen Hilfen gibt es im Klassenraum?

Was bedeutet das für die Schule? Was muss sich möglicherweise ändern?

Daniela Schmitten: Ich habe neurodivergente Kinder kennengelernt, die im Regelschulsystem gut zurechtkommen. Aber Schulen, die offener arbeiten, die eher im Bereich der Lernbegleitung arbeiten, haben mehr Möglichkeiten auf jedes einzelne Kind und damit auf jedes einzelne Nervensystem zu blicken. Sie können die Kinder individueller begleiten, denn das Problem entsteht in unserem Schulsystem dadurch, dass wir versuchen, allen Kindern auf die gleiche Art und Weise das Gleiche beizubringen. Das heißt, mehr Individualität, mehr Öffnung für andere Möglichkeiten, mehr Flexibilität in den Unterrichtsmethoden, mehr Ruheräume und kleinere Klassen sind bereits ein sehr guter Ansatz, um allen Kindern gerecht zu werden. Ich kenne viele Lehrkräfte, die das bereits im Regelschulsystem umsetzen, besonders in der Grundschule.


Das heißt konkret?

Daniela Schmitten: Sie schaffen in ihrem Klassenraum tolle Optionen wie kleine Zelte oder Abgrenzungen, wo die Kinder sich zurückziehen können. Es gibt Fidget-Kisten mit Kopfhörern, mit bestimmten Bewegungsmaterialien, die die Kinder während des Unterrichts nutzen können. Liegeplätze, Sitzplätze oder Stehplätze werden geschaffen, um den Kindern möglichst viele Bereiche zu bieten, in denen sie schauen können, wo fühle ich mich gerade am wohlsten? Möchte ich meine Aufgabe im Liegen auf dem Bauch machen? Möchte ich sie im Stehen machen? Möchte ich sie ganz normal sitzend auf dem Stuhl machen? Möchte ich vielleicht ein Theraband unten um die Stuhlbeine haben, um meine Füße zu bewegen, meine Muskeln ein bisschen anzuspannen? Ich glaube, da kann man sich schon einiges abgucken.

 

In den weiterführenden Schulen wird es dann wahrscheinlich etwas schwieriger mit diesen Optionen.

Daniela Schmitten: Ja, aber es ist möglich. Ich begleite zum Beispiel ein Gymnasium, wo wir in jeder Klasse bis zur Oberstufe Fidget-Kisten eingeführt haben. Die Lehrkräfte werden dazu inspiriert, dieses Angebot mit der ganzen Klasse zu teilen, denn jedes Kind hat mal eine reizüberflutende Situation. Und die neurodivergenten Kinder sollten mit ihren Eigenschaften oder Besonderheiten nicht im Mittelpunkt stehen. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, Aufklärung mit in den Unterricht zu bringen und mit den Kindern das Nervensystem zu erarbeiten. Das Wichtigste ist, dass die Kinder ihr eigenes Nervensystem kennenlernen, sich selbst reflektieren können, um herauszufinden: Was brauche ich eigentlich gerade, um mich konzentrieren zu können, um mich wohlzufühlen, um ausgeglichen zu sein?

Autismus und ADHS im Schulalltag: Kostenloser Selbstlernkurs

Diagnosen im Autismus-Spektrum sowie ADHS nehmen rapide zu, Kinder werden immer früher diagnostiziert und sind in jeder Schulform zu finden. Lehrkräfte sind aufgefordert, neurodivergente Kinder und Jugendliche in ihren Klassen zu unterrichten, oftmals ohne dass sie entsprechend auf diese Herausforderung vorbereitet worden wären. In diesem Kurs geht es um die wichtigsten Fragen zum Thema ADHS und Autismus und Schulalltag. Sie erhalten Einblicke in die Komplexität des Themas Neurodivergenz und bekommen konkrete Tipps, wie Sie Kinder und Jugendliche mit Autismus oder ADHS in Ihrer Klasse begleiten können.

Praxistipps für Lehrkräfte: Neurodivergenz im Schulalltag berücksichtigen

Nun lautet der Untertitel Ihres Buches Neurodivergenz als Stärke für die Schule entdecken. Was meinen Sie damit?

Daniela Schmitten: Wir wollten mit diesem Buch zeigen, dass es nicht nur Probleme und Herausforderungen gibt, wenn ich neurodivergente Kinder in meiner Klasse habe, sondern auch Ressourcen, Potenziale und Eigenschaften, die wertschätzend integriert werden können.
 

Welche Ressourcen sind das?

Daniela Schmitten: Jedes Kind ist individuell, ist ganz unterschiedlich ausgeprägt. Aber allgemein lässt sich sagen, im Hochsensibilitäts- oder auch im Hochbegabungsbereich haben wir eine besonders hohe Kreativität, ein unglaublich vernetztes Denken, was immer das große Ganze mit einbezieht, eine hohe Feinfühligkeit und Empathie und meistens ein sehr differenziertes Sprachverständnis. Im ADHS-Bereich haben wir ebenfalls eine hohe Kreativität, Millionen von Ideen, die ganz, ganz schnell hin und her springen und die ganz viele alternative Lösungswege bereithalten. Also ein sehr, sehr schnelles Denken in verschiedensten Bereichen. Das heißt, die Kinder springen wirklich mit ihren Ideen hin und her, haben aber ganz tolle Lösungsansätze, wenn sie nicht gezwungen werden, sich 45 Minuten auf ein Thema zu konzentrieren. Sie sind oftmals wirklich sehr wortgewandt, sehr lustig, sehr charmant in ihrem Auftreten, wenn sie diese Stärken auch ausleben dürfen. Im Autismus Bereich gibt es oft ein sehr hohes Regelbewusstsein, eine exakte Befolgung von Aufgabenstellungen. Das führt oftmals dazu, dass Lehrkräfte ihre Aufgabenstellung noch einmal hinterfragen, weil das autistische Kind sie darauf hinweist, das nicht klar formuliert ist, was gemacht werden soll. Es gibt so viele Potenziale und Ressourcen, die diese Kinder mitbringen, von denen wir alle profitieren können.
 

Die Lehrkräfte finden dazu in Ihrem Buch auch praktische Beispiele oder praktische Anregungen oder Ideen?

Daniela Schmitten: Genau, praktische Anregungen, Ideen, Beispiele. Sie sollten es als Inspiration sehen. Jede Idee, die wir liefern, kann zwar eins zu eins umgesetzt werden, aber jedes Kind ist individuell. Das heißt, wir liefern mit dem Buch eine große Vorratskammer an Zutaten, Grundwissen, Ideen, Möglichkeiten und jede Lehrkraft darf ihre eigenen Rezepte daraus erstellen. Es ist eine Inspirationsquelle, die das nötige Grundwissen und entsprechende Vorschläge mitliefert, um diesen kreativen Weg gehen zu können und um für den eigenen Unterricht Möglichkeiten mitzunehmen, wie man wirklich inklusiv arbeiten kann.

Zur Person

Nach dem Psychologiestudium hat Daniela Schmitten zahlreiche Aus- und Fortbildungen absolviert. Dazu gehören: Coaching und Fachberatung für Hochsensibilität, Hypnosetherapie, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), Entspannungstherapie und Autogenes Training, Epigenetik und Kundalini Energie Aktivierung. Sie ist außerdem Seminarleiterin, Autorin und Mitbegründerin der Akademie für Neurodiversität, die sie im Juli 2025 verlassen hat. In ihrer privaten Praxis diagnostiziert sie Autismus und ADHS bei Kindern. Mit Cocoon-Trainings and Retreats hat sie im August 2025 einen Raum geschaffen, der zahlreiche Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, sowie Persönlichkeitsentwicklung bietet. Im Oktober erscheint bei Cornelsen ihr Buch Vielfalt im Kopf - Neurodivergenz als Stärke für die Schule erkennen · ADHS, Autismus, Hochsensibilität.

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