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Differenzieren & Fördern / 08.07.2026

Ursachen und Symptome der Lese-Rechtschreibstörung und wie betroffenen Kindern geholfen werden kann

Wenn die Buchstaben tanzen, macht das Lesen keinen Spaß

Wenn Kinder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, wird oft von einer Lese-Rechtschreibstörung gesprochen. Daneben kursieren die Bezeichnungen Legasthenie oder auch Lese-Rechtschreibeschwäche. Sind dies unterschiedliche Begriffe für ein und dasselbe Phänomen? Welche Ursachen gibt es überhaupt für diese Lernstörung? Und welche Strategien und Therapien können helfen? Das haben wir Dr. Lorenz Huck gefragt. Er ist Geschäftsführer der Duden Institute für Lerntherapie.

Mehrere verstreute Buchstaben auf einem Buch.
Bild: Shutterstock.com/Leka Sergeeva

Kurz & knapp

  • Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung in der Schule betreffen unterschiedliche Ebenen: Im schulischen Alltag ist vor allem entscheidend, ob Kinder die geforderten Lese- und Rechtschreibkompetenzen erreichen. Die medizinische Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung wird besonders dann relevant, wenn zusätzliche Unterstützung oder eine lerntherapeutische Maßnahme nötig wird.
  • Typische Anzeichen zeigen sich beim Lesen, Schreiben und Sprachverarbeiten: Bei Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung in der Schule fallen häufig Probleme bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung, beim flüssigen Lesen und beim sicheren Schreiben auf. Diese Schwierigkeiten können sich später in schwacher Leseflüssigkeit, geringem Textverständnis und sinkender Lernmotivation fortsetzen.
  • Frühe Förderung verbessert die Entwicklung betroffener Kinder: Für Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung in der Schule sind frühe Unterstützung, gezielte Fördermaßnahmen und passende Hilfen besonders wichtig. Eltern, pädagogische Fachkräfte und Schulen können gemeinsam dazu beitragen, Belastungen zu verringern und Kinder im Lesen und Schreiben wirksam zu stärken.

Herr Huck, wenn Kinder Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen haben, wird das mit unterschiedlichen Begriffen beschrieben. Warum?

Lorenz Huck: Der Hauptgrund dafür, dass so viele verschiedene Begriffe kursieren, liegt darin, dass unterschiedliche Fachleute mit unterschiedlichen Sichtweisen die besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben bearbeiten. Es gibt die medizinische oder klinisch-psychologische Perspektive auf die Schwierigkeiten mit den fachärztlichen Leitlinien zur Lese-Rechtschreibstörung. Das ist der korrekte Begriff. Man sagt nicht mehr Legasthenie, sondern entweder Dyslexie, wenn man ein Fremdwort benutzen möchte, oder Lese-Rechtschreibstörung. Und diese fachärztlichen Leitlinien besagen zum Beispiel, dass rund sieben Prozent der Kinder eine Lese-Rechtschreibstörung haben.

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Gut zu wissen:

Im Alltag werden die Begriffe Lese-Rechtschreib-Störung und 
Lese-Rechtschreib-Schwäche oft synonym verwendet, da beide mit LRS abgekürzt werden können. 

Es gibt jedoch einen Unter­schied: Eine Lese-Rechtschreib-Störung ist meist genetisch bedingt, während eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oft auf mangelnde Förderung zurückzuführen ist.

Betroffen sind die Gehirnregionen, die für die sprachliche Verarbeitung, die Zuordnung von Buchstaben zu Lauten und die Wortverarbeitung zuständig sind. Das führt zu Schwierigkeiten, einzelne Laute zu unterscheiden, zu speichern und abzurufen. 

Und wie ist die andere Sichtweise?

Lorenz Huck: Das ist eher eine pädagogische Sichtweise, die zum Beispiel auch in Studien wie PISA oder der IGLU vertreten wird. Dort gibt es bestimmte inhaltlich definierte Kompetenzkriterien: Das und das sollen Kinder im Lesen oder Schreiben können. Wer dieses Niveau nicht erreicht, der hat besondere Schwierigkeiten. Und da kommt man, zum Beispiel im Zusammenhang mit solchen Sondersituationen wie der Corona Pandemie, zu einer viel größeren Zahl an Kindern, bei denen man diese besonderen Schwierigkeiten feststellt. Die letzte IQB-Untersuchung hat zum Beispiel gezeigt, dass 30 Prozent der Kinder im orthographischen Bereich nicht mehr die Mindeststandards erfüllen, die die Schule setzt. Und das kann es ja aus der medizinischen Sicht nicht geben. Da gibt es nur diese sieben Prozent. Diese Sichtweisen gehen durcheinander und das führt zu viel Verwirrung bei Eltern, aber durchaus auch bei Fachleuten.
 

Welche Sichtweise ist nun die richtige?

Lorenz Huck: Wenn man sich als Lehrkraft in einem pädagogischen Kontext bewegt, dann hat diese zweite Sichtweise Sinn. Die sollte man hauptsächlich als Orientierungspunkt nehmen, weil ja das Ziel ist, dass möglichst alle Kinder Mindeststandards erreichen. Und die medizinische Perspektive braucht man als Lehrkraft nur dann, wenn man bei einem Kind denkt: Ich habe mein Handlungsrepertoire voll ausgeschöpft und jetzt braucht das Kind vielleicht noch zusätzliche Unterstützung durch eine Lerntherapie. Wenn diese Therapie durch die Jugendhilfe finanziert werden soll, braucht man die medizinische Perspektive und die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung.

Gut zu wissen:

  • Obwohl eine Lese- und/oder Rechtschreib-Störung meist chronisch verläuft und nicht heilbar ist, können früh erkannte Fälle durch gezielte Lernstrategien besser bewältigt werden.
     
  • Legasthenie hat nichts mit der Intelligenz zu tun und wird daher als „Teilleistungs­störung“ bezeichnet, da die Betroffenen nur beim Lesen und Schreiben Schwierig­keiten haben, nicht aber in anderen Lern- oder Lebensbereichen.
     
  • Die Ursachen der Legasthenie sind noch nicht vollständig erforscht, aber genetische Faktoren spielen eine Rolle: etwa 50 Prozent der betroffenen Kinder haben ein Elternteil mit Legasthenie. 

Gibt es eindeutige Symptome für eine Lese- Rechtschreibstörung?

Lorenz Huck: Die Symptome kann man relativ klar beschreiben, weil sie bei fast allen Kindern ähnlich sind. Es gibt zwar nicht die typischen Legastheniefehler, wie man früher dachte, denn die Fehler tauchen kunterbunt durcheinander auf. Typisch hingegen ist, dass jüngere Kinder sehr häufig grundlegende Probleme damit haben, den Lauten in der gesprochenen Sprache die richtigen Buchstaben zuzuweisen. Da kommt es zu Auslassungen oder zu Verwechslungen von Buchstaben. Häufig hat das auch seinen Grund darin, dass die sogenannte phonologische Bewusstheit nicht gut ausgeprägt ist, dass also ein Kind aus dem Strom der Sprache die einzelnen Laute nicht gut ausgliedern kann. Bei einer Frage wie: „Welche Laute klingen denn in dem Wort Auto?“, würden wir sagen: „Es gibt das Au, das T und das O.“ Das ist aber eine Fähigkeit, die man erst entwickeln muss und die manche Kinder nicht entwickelt haben.
 

Gibt es noch andere Hinweise?

Lorenz Huck: Typisch bei jüngeren Kindern im Lesebereich ist, dass jedem einzelnen Buchstaben mühsam ein Laut zugeordnet werden muss und sich so irgendwann das Wort zusammenstückelt. Das ist zwar bei jedem Kind in einer bestimmten Phase der Leseentwicklung so zu beobachten, nur bei den Leseschwachen eben später und auch hartnäckiger. Und wenn ein Kind vom technischen Prozess des Lesens so stark absorbiert ist, ist natürlich auch beim Leseverständnis noch sehr wenig zu erwarten.

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Und bei älteren Kindern?

Lorenz Huck: Bei Kindern in der fünften Klasse zum Beispiel ist das lautgetreue Schreiben, die sogenannte phonematische Strategie, meist schon ganz gut ausgeprägt, aber das orthographische Wissen konnte noch sehr wenig entwickelt werden, weil die Kinder so lange damit beschäftigt waren, diese grundlegende Strategie zu lernen. Beim Lesen ist das ganz ähnlich. Die Kinder können Wörter unterdessen gut entziffern, aber die Flüssigkeit ist nicht groß genug und dadurch fällt nach wie vor das Sinnverständnis schwer und auch die Lese- und Schreibmotivation leidet. Und dann setzt das sogenannte Matthäus Prinzip ein, von dem in der Forschung immer gesprochen wird. Die Schere geht im Laufe der Schulzeit immer weiter auf. Diejenigen, die am Anfang gut und flüssiger lesen konnten, lesen lieber und mehr. Und die, die es schlecht konnten, vermeiden eher das Lesen.

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Was können Eltern tun?

Das sind die Symptome und was ist mit den Ursachen?

Lorenz Huck: Man kann mittlerweile klar sagen, dass es auch eine genetische Komponente gibt. Wichtig ist aber, sich immer klarzumachen, es ist nicht das eine Schicksals-Gen, das sozusagen wie ein An-Ausschalter entscheidet, ob das Kind eine Lese-Rechtschreibstörung bekommt oder nicht, sondern es gibt eine Vielzahl von Gen-Orten, wo bestimmte Varianten die Wahrscheinlichkeit für eine Lese-Rechtschreibstörung erhöhen. Und es gibt auch immer die Möglichkeit, dass ein Kind trotz genetischer Vorbelastung keine Lese-Rechtschreibstörung entwickelt.
 

Was können Eltern tun?

Lorenz Huck: Eine gute Kita ist wichtig. Eltern sollten ihren Kindern außerdem sehr früh und sehr regelmäßig vorlesen und beim Vorlesen auch mal mit dem Finger zeigen. „Guck mal, hier bin ich gerade“ oder zum Beispiel sagen: „Jetzt kam auf dieser Seite so oft das Wort Zoo vor. Da hörst du diese Os und du weißt vielleicht auch schon, wie das O aussieht. Wo siehst du denn jetzt das Wort Zoo?“ Und die pädagogischen Fachkräfte im Vorschulbereich sollten vor allem die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit fördern. In meiner Kindheit gab es dieses furchtbare Lied mit den drei Chinesen und dem Kontrabass. Das ist ja aus verschiedenen Gründen zweifelhaft, aber es hatte eine gute Sache. Es war eine spielerische Übung zur phonologischen Bewusstheit, weil Kinder experimentieren konnten, was passiert, wenn man Laute systematisch verschiebt. Man kann das ja auch mit weniger zweifelhaften Inhalten machen.

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Wie die Schule unterstützen kann

Wie geht es in der Schule weiter?

Lorenz Huck: In der Schule fallen Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, früh auf. Das heißt, man kann auch relativ früh mit dem Handlungsrepertoire der Schule gegensteuern. Also Förderunterricht, Nachteilsausgleich, Notenschutz. Je mehr davon gelingt, desto besser und desto höher sind auch die Chancen, dass man die Lese-Rechtschreib-Störung im eigentlichen Sinne vermeiden kann.
 

Das heißt, die Lese- Rechtschreibstörung ist heilbar?

Lorenz Huck: Mit den richtigen Inventionen kann man Kinder, die ihre Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben nur sehr mangelhaft entwickelt haben, soweit fördern, dass sie schon sehr gut damit leben können - auch wenn es immer noch nicht optimal läuft.
 

Die Schule spielt also eine entscheidende Rolle?

Lorenz Huck: In den wirklich schweren Fällen fehlt der Schule im Moment ein ganz wichtiger Baustein im Repertoire, nämlich die Möglichkeit zur Einzelförderung. Die hat eine Lehrkraft nie. Sogar die Kleingruppenförderung, bei der man nur mit zwei oder drei Kindern arbeitet, ist fast nie möglich und das macht es dann eben schwierig in der Schulpraxis.

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Das Startchancen-Programm nutzen

Fehlen die Ressourcen?

Lorenz Huck: Die Ampelregierung hat ja das sogenannte Startchancen-Programm mit der Zielsetzung geschaffen, dass sich die Zahl der Kinder halbieren soll, die Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen nicht erreichen, und zwar an besonders belasteten Schulen. Über dieses Startchancen-Programm können spezielle Förderungsmöglichkeiten an den Schulen eingerichtet werden. Leider läuft dieses Programm in manchen Bundesländern nur schleppend an. Ich wünsche mir dringend, dass an dieser Stelle mehr passiert.
 

Und wann ist eine Therapie nötig?

Lorenz Huck: Spätestens dann, wenn aus den Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten auch eine psychosoziale Belastung entstanden ist, die für das Kind schwer erträglich ist oder sogar eine psychische Störung.
 

Und was ist das Ziel der Therapie?

Lorenz Huck: Das Ziel der Therapie ist, dass es den Kindern besser geht, dass der Selbstwert sich auf einem vernünftigen Niveau stabilisiert, dass die Kinder nicht denken, sie wären weniger wert oder sie wären ein für alle Mal zu dumm zum Lesen und Schreiben. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen die Kinder auch Erfolgserlebnisse in ihren Problembereichen. Sie sollen lesen, schreiben, rechnen lernen und in vielen Fällen führt das tatsächlich auch dazu, dass ihre Noten besser werden. Aber das ist eben nicht das Ziel einer Lerntherapie, sondern, dass es dem Kind besser geht.
 

Und diese Erfolge haben Sie auch?

Lorenz Huck: Ja. Das haben wir glücklicherweise durch Studien nachweisen können und auch durch unsere Evaluationsbefragungen, die wir mit den Eltern am Ende der Therapie machen. Lerntherapie als Jugendhilfeleistung ist in Berlin Anfang der 2010er Jahre untersucht worden, mit dem Ergebnis, dass die Lerntherapie von allen Jugendhilfeleistungen die höchste Effektstärke hatte. Die Therapie wird sehr selten von den Familien abgebrochen und erreicht sehr häufig die Hilfeziele.

Zur Person

Der Psychologe Dr. Lorenz Huck ist Geschäftsführer der Duden Institute für Lerntherapie. Er ist außerdem Fachdozent für integrative Lerntherapie an der SRH Fernhochschule - The Mobile University, Riedlingen.

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