Selbstcoaching für Lehrkräfte: mehr Klarheit im Schulalltag
Menschen stärken, die die Schülerinnen und Schüler begleiten
Lehrkräfte sind ständig in Interaktion, mit den Schülerinnen und Schülern, mit dem Kollegium, mit den Eltern. Sie sitzen in Konferenzen, in Steuerungs- oder Fachgruppen und gestalten Elternabende. Dazu kommen Probleme wie Lehrermangel, der Inklusionsanspruch, marode Schulgebäude und immer wieder neue Herausforderungen wie jetzt der Umgang mit KI. Da bleibt wenig Zeit, um auf das eigene Befinden zu schauen, um die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen oder um Grenzen zu setzen. „Wie können Schulen Orte sein, an denen Menschen gesund bleiben, während sie Großes leisten?“, hat sich Dr. Christiane Nill-Theobald gefragt und gemeinsam mit Julia Hayden das Buch Lehrkräfte Journal geschrieben. Warum Selbstcoaching nicht nur den einzelnen Lehrkräften, sondern der gesamten Organisation Schule helfen kann, erklärt sie im Interview.

Frau Theobald, Sie sind Juristin und Managementcoachin. Jetzt haben Sie ein Buch für Lehrkräfte geschrieben. Wie kam es dazu?
Christiane Theobald: Ich habe vor zwölf Jahren Schule hautnah erleben können, als ich ein Jahr lang täglich meinen siebenjährigen Adoptivsohn, der kein Wort Deutsch sprach, im Unterricht begleitet habe. Ich habe gesehen, wie Lehrkräfte sich engagieren, aber auch, wie sie an ihre Grenzen stoßen. Und da war mir schnell klar, wenn wir Kinder stärken wollen, dann müssen wir die Menschen stärken, die die Kinder begleiten. Ich bin seit rund 30 Jahren in der Organisationsentwicklung und seit 25 Jahren als Führungskräftecoach tätig. In der Wirtschaft ist Coaching längst ein bewährtes Instrument der Persönlichkeits- und Führungskräfteentwicklung. Es hilft Menschen, sich selbst besser zu verstehen, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. In Schulen wird dieses Potenzial für die einzelne Lehrkraft bislang kaum genutzt. Dabei sind auch Lehrkräfte Führungskräfte: Sie führen Klassen, gestalten Beziehungen und tragen täglich große Verantwortung. Also habe ich mir gesagt: Warum nicht ein Buch entwickeln, das Coaching-Know-how in die Schulen bringt? Ein Buch, das Lehrkräften hilft, sich selbst besser zu verstehen und ihren Schulalltag aktiv mitzugestalten. Mir war wichtig, Selbstcoaching im Schulalltag zugänglich zu machen.
Warum Journaling Lehrkräften beim Reflektieren hilft
Und was bedeutet in diesem Zusammenhang Journal, beziehungsweise Journaling?
Christiane Theobald: Journaling bedeutet im Grunde, dass ich meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen aufschreibe, um darüber nachzudenken. Dabei sind zwei Aspekte wichtig. Die Psychologen sagen, dass es den mentalen Stress reduziert. Mir als Coach ist aber viel wichtiger, dass das Aufschreiben hilft, Gedanken zu ordnen. Der Akt des Schreibens zwingt mich dazu, meine Gedanken zu strukturieren und in Worte zu fassen. Unser Journal unterstützt die Lehrkräfte letztlich darin, über eigene Situationen nachzudenken und dadurch zu Handlungsmöglichkeiten zu kommen. Unser Journal verbindet deshalb das Aufschreiben mit gezielten Coachingfragen und Übungen.
Das Buch ist in zwölf Kapitel unterteilt. Warum?
Christiane Theobald: Darüber haben wir lange nachgedacht und dann entschieden, wir nehmen ein ganzes Jahr, also zwölf Monate. Jedes Kapitel hat einen eigenen Schwerpunkt. Uns war allerdings wichtig, dass das Journal flexibel nutzbar ist. Bis auf eine Ausnahme. Man sollte mit Kapitel eins, in dem es um die Lehrkraftpersönlichkeit geht, anfangen. Denn wenn ich mich in irgendeiner Form verändern möchte, dann brauche ich so etwas wie eine Standortbestimmung. Ich muss zunächst wissen: Wo stehe ich denn? Was läuft gut, was kostet mich Kraft? Aber die übrigen Themen sind frei wählbar, ob es nun um Stressbewältigung, Empathie, Abgrenzung oder Prioritätensetzung geht.
Wie wird aus Selbstreflexion konkretes Handeln?
Und wie kann ich als Lehrkraft das Buch nutzen?
Christiane Theobald: Das Journal führt in das Selbstcoaching ein und das heißt, ich nehme mir bewusst Zeit, um die eigenen Gedanken und Verhaltensweisen zu reflektieren, um die eigene Situation besser zu verstehen, und um dann schließlich ins Handeln zu kommen. Selbstcoaching schafft einen Moment des Innehaltens. Das Buch selbst ist unterteilt in Geschichten, in Reflexionsfragen, in Impulse und Übungen. Das Wichtigste sind für mich die Übungen, weil sie helfen, Erkenntnisse in das eigene Handeln zu übersetzen. Also wenn es in den Übungen um Fragen geht, sollen sie nicht allgemein formuliert werden, zum Beispiel „Warum gelingt mir das schon wieder nicht?“, sondern „Was hat die Situation schwierig gemacht und was könnte mir beim nächsten Mal helfen?“ Oder „Was könnte ich anders machen?“ Das eröffnet einen ganz anderen Blick auf mich selbst und auf meine Möglichkeiten. Auch der Satz „Ich muss mich besser abgrenzen“ verändert nichts. Sondern, um ein Beispiel zu nehmen: „Ich möchte Elternnachrichten zu festen Zeiten beantworten.“ Das ist eine Form von Abgrenzung, und ich habe den Handlungsschritt bereits formuliert.
Wie oft und wie intensiv sollte ich als Lehrkraft das Journal nutzen?
Christiane Theobald: Wichtig war uns, dass das Journal nicht zu einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin langen To-do-Liste wird, sondern in kleinen Schritten nutzbar ist. Also manchmal reichen zehn Minuten, eine Frage und ein paar persönliche Notizen. Ich verstehe diese Zeit als Investition in die eigene Professionalität und Zufriedenheit. Wirklich hilfreich ist ein fester Moment, eine Art Routine. Dass ich mich zum Beispiel am Ende der Schulwoche frage: Was hat gut funktioniert, was hat mich belastet, was möchte ich anders machen? Das Entscheidende ist, dass man sich regelmäßig damit beschäftigt, aber regelmäßig heißt nicht jeden Tag.
Und das zeigt dann Wirkung?
Christiane Theobald: Ja, wenn aus der Reflexion tatsächlich verändertes Handeln entsteht. Wenn ich erkenne, was mich immer wieder Kraft kostet, und dabei auch meine kleinen Teufelchen aufdecke, kann ich anfangen etwas zu verändern. Dann kann ich Prioritäten setzen, ich kann meinen Anspruch überprüfen und ich kann schließlich auch notwendige Absprachen anstoßen, im Team oder sogar mit der Schulleitung. Und das kann auf Dauer entlasten. Entscheidend ist, dass aus der Erkenntnis auch verändertes Handeln wird. Denn Selbstreflexion allein bewirkt noch keine Veränderung.
Selbstcoaching bedeutet, ich mache das immer allein?
Christiane Theobald: Nicht unbedingt. Selbstcoaching bedeutet zunächst, dass ich selbst die Verantwortung für meinen Reflexions- und Entwicklungsprozess übernehme. Mein Tipp ist, sich mit jemandem zusammenzutun, bei dem man sich wohlfühlt und dem man vertraut. So entsteht die Möglichkeit, Gegenfragen zu stellen. Das ist im Prinzip genau das, was professionelle Coaches machen. Wir strukturieren, wir leiten das Gespräch mit fachlichen Fragen. Wenn Lehrkräfte diese Form der Reflexion auch miteinander praktizieren, kann daraus eine wertvolle Kultur des kollegialen Lernens entstehen.

Christiane Nill-Theobald
Selbstreflexion allein bewirkt noch keine Veränderung.
Kollegien können diesen Weg gemeinsam gehen
Wenn aber Lehrkräfte so unter Druck stehen, reichen dann Selbstcoaching und Journaling aus, um die Situation zu verbessern oder müsste nicht vielmehr etwas am System geändert werden?
Christiane Theobald: Darüber sind wir uns einig: Personalmangel, ungünstige Arbeitsbedingungen, widersprüchliche Anforderungen, das alles lässt sich nicht durch Selbstcoaching und durch eine persönliche Reflexion auflösen. Viele Lehrkräfte kritisieren Dinge, die sie kaum bis gar nicht beeinflussen können. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von den drei sogenannten Wirkkreisen. Es geht darum, zu unterscheiden zwischen dem, was man direkt steuern kann, also: Wo wirke ich? Damit meine ich meine Haltung, mein Verhalten, wie kommuniziere ich, wie ist mein Umgang mit Belastung und natürlich mein Umgang mit anderen. Bei dieser Frage habe ich Wirkung. Und dann kommt für mich ein zweiter Wirkkreis: Was kann ich zusammen mit anderen beeinflussen? Da bin ich beim Bewirken: Habe ich ein gutes Teamklima, wie sind die Teamprozesse, wie geht die Schulleitung mit ihren Lehrkräften um? Dazu gehört auch der Umgang mit Eltern, das Klassenklima, die Lernkultur. Und der dritte Kreis bezieht sich auf Ihre Frage. Da habe ich so gut wie gar keinen Einfluss, ich kann auf die Straße gehen, aber ich kann so gut wie gar nichts bewegen. Ich sage immer, den dritten Kreis könnt ihr nicht beeinflussen, aber in den ersten beiden Kreisen könnt ihr etwas tun. Bleiben wir doch beim Thema Lehrermangel. Den kann ich nicht beheben, aber ich kann im Team darüber nachdenken, welche Aufgaben und Prioritäten strukturiert werden können. Wer bekommt welche Aufgaben? Ich kann eine Belastungsgrenze, die ich erreicht habe, gegenüber der Schulleitung oder im Team benennen und sagen: Ich bin jetzt nicht mehr in der Steuergruppe, das schaffe ich nicht. Für mich gehören die Stärkung des Menschen und die Strukturen, die Entwicklung zusammen. Persönlichkeitsentwicklung, also Coaching kann helfen, schwierige Situation zu erkennen, zu ordnen, und auch zu beeinflussen. Ich kann nicht mehr Lehrer einstellen, aber ich kann versuchen, Entlastungen durch Coaching-Know-How zu finden.
Das Beste ist, wenn die Schule gemeinsam diesen Weg geht. Denn dann kann daraus wirklich Organisationsentwicklung entstehen. Dazu braucht es die Bereitschaft jedes Einzelnen, die Handlungsmöglichkeit zu erkennen und zu ergreifen und damit Abläufe und Bedingungen tatsächlich zu verändern. Für mich gehören Persönlichkeitsentwicklung und Organisationsentwicklung eng zusammen. Das kenne ich aus meiner langjährigen Arbeit in der Wirtschaft: Wenn Menschen beginnen, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und zu verändern, kann sich das auch auf die Zusammenarbeit und die Organisation auswirken. Deshalb wäre es für mich das Schönste, wenn nicht nur einzelne Lehrkräfte mit unserem Journal arbeiten, sondern ganze Kollegien diesen Weg gemeinsam gehen. Dann kann aus individueller Selbstreflexion ein wichtiger Impuls für Schulentwicklung werden.
Zur Person
Dr. jur. Christiane Nill-Theobald ist Juristin, Managementcoachin und Professional Speakerin (SHB) mit 28 Jahren Erfahrung in Führung und Organisationsentwicklung. Mit ihrer Initiative My Life Matters engagiert sie sich für die Potenzialentfaltung junger Menschen mit Unterstützungsbedarf – mit dem Ziel, Systeme zu schaffen, in denen Entwicklung wirklich möglich wird. Zusammen mit Julia Hayden hat sie bei Cornelsen das Buch Lehrkräfte Journal - Das Selbstcoaching für mehr Wirksamkeit und Balance veröffentlicht.




