Unterricht gestalten / 15.09.2022

Auf die Gesundheit achten

Was Schulen und Lehrkräfte tun können

Bereits vor mehr als 15 Jahren belegte die Potsdamer Lehrerstudie, dass Lehrkräfte unter hohen Belastungen stehen und dass es um die Lehrergesundheit nicht gut bestellt ist. Die Corona-Pandemie und der Lehrkräftemangel haben an deutschen Schulen weitere tiefe Spuren hinterlassen: Die aktuellen  Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Umfrage der Robert Bosch Stiftung, zeigen, dass 92 Prozent der Lehrkräfte das Kollegium und 84 Prozent  sich selbst derzeit als stark oder sehr stark belastet erleben. Viele spielen mit dem Gedanken, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Und das würde wahrscheinlich den Lehrermangel und den Stress für die Kollegien noch verschärfen. Was also tun?

Bild: Shutterstock.com/Yuganov Konstantin

Jetzt das Problem selbst angehen

Gute Ratschläge, Literatur und Weiterbildungsangebote zur eigenen Gesundheitsvorsorge und zum Fitbleiben gibt es genug. Solange sich aber an der eigentlichen problematischen Situation nichts ändert, können sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein - nicht viel mehr als Kosmetik. Also kann man nur darauf warten, bis sich am System Schule Grundlegendes verändert? Das wäre fatal. Denn entscheidende Verbesserungen sind nicht in Sicht. Deswegen heißt es, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich geht es darum, die eigene Gesundheit zu schützen und eine gute Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu sichern. Viele Schulen haben gerade in der jüngsten Zeit unter den Pandemiebedingungen bewiesen, dass Veränderungen ohne ein Plazet von „oben“ möglich sind. Das sollte auch beim Thema Gesundheit funktionieren.

Das Schulprogramm

Es ist eine Binsenweisheit: Wenn es mit den Schülerinnen und Schülern sowie den Kolleginnen und Kollegen klappt, dann macht der Lehrerberuf auch (mehr) Spaß und die Gesundheitsrisiken sinken. Wenn aber der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern und der fehlende Zusammenhalt im Kollegium zu Belastungsfaktoren werden, dann muss an genau diesen Stellschrauben gedreht werden. Denn wenn diese Beziehungen gut funktionieren, bilden sie eine der stärksten Gesundheitsressourcen für die Lehrkräfte. Und dafür braucht es zunächst eine für alle verlässliche Basis – wie etwa das Schulprogramm. Allein schon die Entwicklung eines solchen Programms – das unterdessen in vielen Bundesländern verpflichtend vorgeschrieben ist -  kann dabei helfen, den Zusammenhalt zu stärken, sich gemeinsame Ziele zu setzen und Verantwortlichkeiten aufzuteilen.

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Das Lehrerraumprinzip

Lehrkräfte haben meist einen durchgetakteten Schultag mit sechs, sieben Stunden Unterricht hintereinander. Selten liegen Freistunden dazwischen und falls doch, gibt es keinen Rückzugsort. Das Lehrerzimmer ist selten dafür geeignet und die Fünf-Minuten-Pausen zwischen den Stunden reichen gerade einmal dafür, den Klassenraum zu wechseln, oft noch begleitet von Schülerfragen. Ideal ist, wenn es Räume in der Schule gibt, in die sich Lehrer zurückziehen können. Aber das lässt sich wohl kaum umsetzen. Helfen könnte ein anderes Modell ohne zusätzlichen Raumbedarf: Das Lehrerraumprinzip, bei dem die Unterrichtsräume nicht den einzelnen Klassen, sondern den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern zugeordnet werden.

Verbindlichkeit und Konsequenz

Verbindlichkeit, Konsequenz und klare Vorgaben sind entscheidende Instrumente für einen geregelten Arbeitsalltag  - auch in der Schule. Die Frage: „Wie gehen wir in der Schule mit unserer und der Lebenszeit anderer um?“ kann man – zum Beispiel angesichts der Abläufe von Konferenzen – oftmals mit „nicht besonders sorgsam“ beantworten. Das muss nicht sein. Konferenzen zum Beispiel sollten pünktlich beginnen und zuverlässig enden. Die Tagesordnung sollte klar strukturiert sein und auch am Abstimmungsmodus lässt sich etwas ändern. Sind zum Beispiel Enthaltungen wirklich sinnvoll, oder sollte jede Lehrkraft eine Entscheidung treffen?  Schließlich geht es um das Wohl aller Beteiligten im System Schule – da sollte eigentlich ein klares Ja oder Nein möglich sein.

Die eigenen Leistungen würdigen

Wie steht es um meine Leistungen und meine Erfolge und welches sind die entscheidenden Schritte, um selbstgesteckte Ziele zu erreichen?  Diese Fragen kann sich jede Lehrkraft selbst stellen. Sie können aber auch Teil des gesamten schulischen Alltags werden. Schulen können Ziele formulieren, die Wege dorthin unterstützen und auch die Zielerreichung überprüfen. Wenn alle an einem Strang ziehen, dann werden sie sich auch mit ihrer Schule identifizieren und bestenfalls stolz darauf sein, dort zu arbeiten. Lehrkräfte sollten sich außerdem  ihrer entscheidenden Funktion in der Schule immer bewusst sein. Sie sind wichtige Orientierungs- und Führungspersonen für ihre Schülerinnen und Schüler. Es ist ein Zeichen von Professionalität, wenn sie diese Rolle annehmen. Das hat Auswirkungen auf ihre beruflichen Erfolge und damit auch auf ihr eigenes Wohlbefinden.

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Thema für die ganze Schule

Für schulinterne Fortbildungen gibt es viele wichtige Themen, dennoch sollte die Lehrergesundheit ganz weit oben in der Prioritätenliste stehen Die gesamte Schule sollte dieses Thema in den Fokus rücken und alle Bereiche abklopfen, in denen es mit der Gesundheit hapert und dann gemeinsam Vorschläge zur Verbesserung erarbeiten. Lehrkräfte fühlen sich in der Regel als Einzelkämpfer, aber gemeinsam lassen sich Probleme oft besser bewältigen und Ziele erfolgreicher erreichen. Allein schon die Frage: „Wo können wir uns gegenseitig unterstützen?“ kann zu einem Umdenken führen. Denn eine Antwort könnte sein, dass zwei Lehrkräfte ein Tandem bilden und sich gegenseitig im Unterricht begleiten, um sich danach zum Beispiel über die Lehrer-Schüler-Interaktion, über Stressfaktoren oder über gelungene Unterrichtssequenzen auszutauschen.

Nicht alles auf einmal

Schön, wenn das Kollegium ein großes gemeinsames Ziel hat, und dies auch mit Engagement verfolgt. Es müssen aber nicht über Nacht sämtliche Konferenzregeln geändert, das Lehrerraumprinzip eingeführt und Tandems gebildet werden. Es genügt, mit den Veränderungen nach und nach zu beginnen und sie auch immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. So werden auf wichtige erste Schritte die nächsten folgen.

Was der/die Einzelne tun kann

Und wenn diese getan sind, kann auch jede einzelne Lehrkraft sich besser und erfolgversprechender um die eigene Gesundheit kümmern – etwa mit Meditation, Yoga, anderen sportlichen Aktivitäten, durch gesundes  Essen und ausreichenden Schlaf. 

Auch ist es hilfreich, den Arbeitstag schriftlich zu planen. Dabei sollten unbedingt auch Ruhezeiten und Zeiten für soziale Kontakte eingeplant werden. Gerade weil das eigene Zuhause gleichzeitig der zweite Arbeitsplatz ist, fällt dies vielen Lehrerinnen und Lehrern nicht leicht. Für Abhilfe kann hier ein Büro außerhalb der eigenen vier Wände schaffen. Solange die Schulen keine Arbeitsräume für ihre Lehrkräfte anbieten, könnten Lehrer sich beispielsweise zusammentun und gemeinsam einen Büroraum anmieten. So können Arbeitszeit und Freizeit besser getrennt werden. Gute Erfahrungen wurden mit diesem Modell bereits gemacht. Und wenn Schule dann noch von Politik und Verwaltung tatsächlich die notwendige  Unterstützung bekommt, sollte es mit der Gesundheit der Lehrkräfte bald besser bestellt sein.

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