Selbstkompetenz / Gesundheit / 01.07.2020

Lehrergesundheit – Was Lehrer krank macht

In Grundschulen sind besondere Aufgaben zu meistern

Die Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern spielt in Schulen eine immer größere Rolle. Schüler/-innen, Eltern, Kolleginnen und Kollegen und auch die Schulpolitik stellen immer höhere Anforderungen. Werden die Probleme zu zahlreich, setzt das der Lehrergesundheit zu. Wie können Grundschullehrer/-innen mit den speziellen Belastungen in der ersten Schulphase umgehen?

Bild: Shutterstock.com/stockfour

Es ist früh am Morgen, die erste Stunde ist vorbereitet, die Grundschulklasse wartet auf den Unterrichtsbeginn. Und dann das: Eine aufgeregte Mutter fängt die Lehrerin vor der Klassentür ab. Man müsse reden, und zwar sofort. Denn das gehe ja so nicht weiter, ihr Kind sei im Unterricht vollkommen unterfordert. Szenen wie diese rauben Grundschullehrer/-innen nicht nur mit der Zeit die Freude am Unterrichten, sondern können zusammen mit vielen anderen, ähnlichen Momenten auf lange Sicht richtig krank machen. Lehrkräfte, die wegen chronischer Erschöpfung, Burn-out oder Depression ausfallen, sind keine Seltenheit. Der Stress kann Lehrerinnen und Lehrern in allen Jahrgangsstufen hart zusetzen. Aber: "Lehrer in Grundschulen sind speziellen Anforderungen ausgesetzt, die sehr belasten können", sagt Nikolaus Kirstein. Er arbeitet selbst als Lehrer in Wien und beschäftigt sich als Autor intensiv mit dem Thema Lehrergesundheit.

Wichtige Weichenstellung in der Grundschule

Welche besonderen Faktoren sind das, die Grundschulpädagoginnen und -pädagogen so stressen können? Zum einen, so Kirstein, lernen in den Grundschulen – mehr als in anderen Schulformen – Kinder gemeinsam, die in ganz verschiedenen familiären Verhältnissen aufwachsen. Nicht selten gebe es im Elternhaus gravierende soziale, sprachliche oder erzieherische Defizite, sodass die Schüler/-innen schon zu Beginn ihrer schulischen Laufbahn nicht mit anderen mithalten können. Dabei steht während der Grundschulzeit die wichtige Entscheidung an, welche weiterführende Schule den Kindern offenstehen wird. Eine Entscheidung, die Kinder, Eltern und Lehrkräfte schon früh unter Druck setzt.

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Kooperation mit den Eltern

Diese Weichenstellung könne Lehrkräfte sehr belasten, so Kirstein. Hinzu komme, dass die Eltern, viel stärker als in der späteren Schulzeit, eine wichtige Rolle spielen und die Lehrer/-innen ihnen eine Menge Energie und Aufmerksamkeit widmen müssen. Sind die Eltern nicht greifbar oder, umgekehrt, sind sie ständig mit Forderungen und Wünschen in der Schule präsent, kann das Lehrkräften psychisch zusetzen. Heidrun Augendopler ist seit 20 Jahren Grundschullehrerin in Wien und kennt einige belastende Faktoren aus eigener Erfahrung. "Von der Schulpolitik und -verwaltung werden immer mehr Forderungen und Aufgaben an uns herangetragen, zum Beispiel die Mitarbeit am Qualitätsmanagement", sagt sie. In jeder Klasse gebe es zudem ein oder zwei Schüler/-innen, die nur schwer zu bändigen seien. Und von den Schülerinnen und Schülern selbst komme immer schneller die Forderung nach neuen, spannenden Herausforderungen. Auch der Druck durch die Eltern nehme zu, beobachtet Heidrun Augendopler. In jedem Schuljahr fielen deshalb Lehrer/-innen für längere Zeit aus. "Früher hat man verschämt von einem grippalen Effekt gesprochen. Heute benennt man offen die psychischen Belastungen." 
 

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Zu mehr Gesundheit in kleinen Schritten

Nikolaus Kirstein war selbst "auf dem besten Weg in Richtung Burn-out", wie er heute sagt. Er hat dann seine Belastung reduziert und weniger gearbeitet. Aber das allein hat ihm keine Besserung gebracht. "Ich habe gemerkt, dass es nicht reicht, weniger zu machen. Auch das, was man macht, muss sich verändern, damit man beruflich erfüllt ist und sich eben nicht leer und ausgebrannt fühlt." In vielen kleinen Schritten hat er daraufhin seine Art zu unterrichten verändert: Zum Beispiel gelang es ihm, seine Korrekturen so zu verbessern, dass konkret Umsetzbares für die Schüler/-innen dabei herauskommt, und Entspannungsübungen in den Unterricht einzubauen.

Verantwortung bewusst abgeben

Besonders für Lehrer/-innen in Grundschulen hat er einige Empfehlungen: Sie sollten sich bewusst machen, wofür sie Verantwortung übernehmen – und wofür nicht. Gerade bei der Frage, welche weiterführende Schule für die Kinder am besten ist, trügen die Lehrkräfte nicht die alleinige Verantwortung. Auch wenn finanzielle und zeitliche Ressourcen fehlen, etwa für besondere Unterrichtsangebote oder eine intensive Elternarbeit, sollten Lehrerinnen und Lehrer die Verantwortung nicht bei sich sehen. Es sei viel besser, die eigenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen und damit erfolgreich zu arbeiten, als sich an Mängeln des schulischen Systems aufzureiben.

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Sich Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen holen

Mit Blick auf die Elternarbeit empfiehlt Kirstein, zum einen klare Termine zu vereinbaren, zum anderen durch die Gesprächsatmosphäre und die Agenda dafür zu sorgen, dass Gräben nicht aufreißen, und alle Eltern zur Zusammenarbeit einzuladen, ohne Druck aufzubauen. Komme es doch zum Konflikt, sollte man sachlich auf der erklärenden Ebene bleiben und Rechtfertigungen vermeiden. Unterstützung könne man sich von Kolleg/-innen holen. "Der Lehrerberuf ist einer, in dem man quasi gemeinsam alt wird", sagt Kirstein. Aktiv an einem guten Klima zu arbeiten, um Belastungen gemeinsam zu schultern, sei eine sehr gute Sache.

Schule und Privatleben klar trennen

Heidrun Augendopler, selbst Mutter von zwei Kindern, hat für sich einen Weg gefunden, besser mit der Belastung umzugehen: Sie unterrichtet als Teamlehrerin in verschiedenen Klassen und unterstützt so die jeweilige Klassenlehrerin, ohne allein die komplette Verantwortung für eine Klasse zu übernehmen. "Früher hätten Kollegen gesagt ‚Die packt es nicht‘, wenn jemand kürzer tritt", sagt sie. Inzwischen sei Verständnis da. Wenn die Schulleitung offen und einfühlsam mit Stressbelastungen umgehe, strahle das auch ins Kollegium aus. Die Wiener Pädagogin achtet außerdem darauf, sich regelmäßig Zeit für Sport und Entspannungsübungen zu nehmen. Schule und Privates trennt sie inzwischen klar voneinander und hält sich am Wochenende einen Tag ganz für die Familie frei. Und so steht für sie auch nicht mehr die Stressbewältigung im Vordergrund, sondern der Spaß am Unterrichten: "Für mich ist es der spannendste Beruf, den ich mir vorstellen kann, gerade in der Grundschule."
 

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