Warum das Thema Schönheit in den Schulunterricht gehört – Interview mit Stephan Sigg
„Entscheidend ist, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu agieren“
Jugendliche fühlen sich durch die im Internet propagierten Schönheitsideale stark unter Druck gesetzt. Das ergab bereits eine österreichische Studie aus dem Jahr 2023 im Auftrag der EU-Initiative Safer Internet. Mehr als die Hälfte der in dieser Studie befragten Jugendlichen gab an, gern etwas an ihrem Aussehen ändern zu wollen, mehr als ein Viertel hatte sogar schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht. Dazu kommt: Im Internet werden nicht nur Schönheitsideale propagiert, Menschen werden wegen ihres Aussehens diffamiert und beleidigt. Beides kann für Jugendliche gravierende Folgen haben, schließlich suchen sie gerade jetzt nach Vorbildern und Orientierung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema sei eine entscheidende Aufgabe der Schule, so die Autor/-innen dieser Studie. Doch wie und in welchen Fächern kann dies gelingen? Das haben wir Stephan Sigg gefragt, der jetzt das Themenheft Schönheit und Charakter bei Cornelsen veröffentlicht hat.

Herr Sigg, gehört das Thema Schönheit überhaupt in den Schulunterricht?
Stephan Sigg: Auf jeden Fall, auch wenn es vielleicht nicht explizit im Lehrplan aufgeführt wird. Bei der Erarbeitung dieser Kopiervorlagen habe ich festgestellt, dass es in ganz viele Unterrichtsfächer passt. Es betrifft Fragen aus den Bereichen Ethik, Kunst oder Geschichte. Beispielsweise: Wie haben sich Schönheitsideale im Laufe der Zeit verändert? Schönheit ist ein Thema für das Fach Philosophie, natürlich auch für den Religionsunterricht, weil es um Werte geht, um Gesellschaft, um Identität. Ich glaube, man könnte in fast jedem Unterrichtsfach einen Aufhänger für dieses Thema finden. Ich hoffe, dass sich viele Lehrkräfte motiviert fühlen, wenn sie das Buch durchblättern und realisieren: Das Thema ist wichtig.
Und was hat Sie selbst zu dem Thema gebracht?
Stephan Sigg: Jeder Mensch, der heute mit dem Smartphone zu tun hat und täglich mit schönen Bildern und Videos konfrontiert wird, beginnt, sich Gedanken zu machen. Ich glaube, kaum jemand stellt sich nicht selbst ab und zu in Frage: Wie muss ich aussehen, entspreche ich diesen Erwartungen, die in den Medien, auf Social Media und online an uns herangetragen werden? Dazu kommen auch meine Beobachtungen an den Schulen. Ich mache oft Lesungen und Workshops an Schulen und da bekomme ich ein bisschen mit, was Jugendliche beschäftigt. Das sehe ich auch im privaten Bereich. Ich habe im Fitnessstudio beobachtet, dass Teenies dort bereits schwere Hanteln stemmen und sich gleichzeitig mit Videos aus dem Netz vergleichen. Und eine Szene in einer Parfümerie, die ich kürzlich beobachtet habe, hat sich mir sehr eingeprägt. Da standen plötzlich neben mir einige Jungs, die sich mit den Parfums beschäftigt haben, als ob es um eine Lebensentscheidung ginge. Wenn ich in meiner Jugend in eine Parfümerie gegangen wäre, hätten alle laut gelacht. Das Thema betrifft also heute nicht nur Mädchen, sondern auch Jungs. Da merkt man, dass Smartphones und Social Media dieses Bewusstsein für die Schönheitsideale und den Druck, ihnen zu entsprechen, zum Mainstream-Thema gemacht hat.

Stephan Sigg
Ich hoffe, dass ich mit diesem Buch ganz viele Jugendliche erreichen kann. Und ich hoffe, dass ich ein paar Jugendlichen bewusst machen kann: Du bist okay, so wie du bist.
Das heißt, geht es auch um Medienkompetenz?
Stephan Sigg: Das ist ein wichtiger Punkt bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema. Jugendliche sollten erkennen können, welche Wirkung solche Bilder und Videos haben. Dass auch das Unterbewusstsein eine große Rolle spielt. Wir sehen die Bilder, realisieren aber nicht, dass sie uns beeinflussen. Dazu kommt: Es fehlt immer noch das Bewusstsein, dass diese Bilder, diese Videos oft extrem bearbeitet sind, dass mehrere Filter drübergelegt wurden, und dass Fotografinnen und Fotografen genau wissen, wie sie die Personen ablichten müssen, damit sie optimal ausschauen. Als Jugendlicher habe ich kaum Wissen davon dem, was hinter solch einem Bild steckt. Also: Wie funktionieren solche Aufnahmen und warum werden solche Bilder produziert - das sind wichtige Fragen. Oft stecken kommerzielle Anbieter dahinter und es geht – ganz schlicht gesagt - um Geld. Allein schon dies Jugendlichen bewusst zu machen, ist ein wichtiges Ziel.
Nun kann das Thema Schönheit gerade für Jugendliche durchaus heikel sein. Wie kann ich als Lehrkraft am besten einsteigen?
Stephan Sigg: Man sollte sich im Vorfeld gut überlegen: Mit welcher Klasse habe ich es zu tun und welche Themen kommen infrage? Gibt es Jugendliche, die besonders betroffen sind von einem Aspekt? Zum Beispiel wenn es um Körpergewicht geht, das ist ein sehr heikles Thema, darüber war ich mir bei der Erarbeitung der Unterrichtsmaterialien auch bewusst. Ich glaube, es hilft, authentisch zu sein. Also auch von eigenen Erfahrungen zu erzählen. Etwa, dass man selbst in der eigenen Jugend mit diesen Fragen konfrontiert war und dass dies nichts Neues ist, das heute erst stattfindet. Nur, dass es heute ein ganz anderes Gewicht hat. Oder auch, wie ich als Erwachsener damit umgehe. Ich glaube, das beeindruckt Jugendliche. Wichtig ist auch, sich Zeit zu nehmen. Denn dann besteht auch die Chance, dass man Gespräche führen kann, die in Tiefe gehen.
Und das bedeutet ganz konkret?
Stephan Sigg: Entscheidend ist, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu agieren. Wenn Jugendliche gern ins Fitnessstudio gehen oder wenn ihnen das Schminken wichtig ist, sollte man das auch zuerst einmal positiv wahrnehmen und nicht direkt kritisieren. Fitness, Sport, Körperbewusstsein, der Umgang mit der Frage „Wie sehe ich aus?“ - all das kann auch positiv sein. Das ist nicht per se problematisch, gefährlich oder negativ. Diese differenzierte Sichtweise sollte man als Lehrkraft haben und auch den Jugendlichen mitgeben, damit sie merken, es geht nicht um ein entweder/oder, sondern um das richtige Maß. Ich glaube außerdem, das Thema wurde im Unterricht bisher kaum bearbeitet. Deshalb ist es auch nicht negativ vorbelastet und ich kann mir gut vorstellen, dass Jugendliche Freude daran haben, sich im Unterricht damit zu beschäftigen.
Sie sprachen gerade vom Thema Körpergewicht, das kann ja ein großes Problem für Heranwachsende sein. Ausgrenzungen und Mobbing zum Beispiel können die Folge sein. Wie kann ich mich da als Lehrkraft einschalten?
Stephan Sigg: Dieses Thema bietet eine Chance, um Jugendlichen zu signalisieren, dass ich als Lehrkraft bei persönlichen Problemen und Anliegen immer ansprechbar bin. Wenn bei einer Schülerin oder einem Schüler der Druck zu groß wird, kann eine Lehrkraft unterstützen und zeigen, an welchen Stellen und bei welchen Personen Jugendliche weiterführende Hilfe bekommen. Das ist das eine. Das andere ist, dass man sehr vorsichtig mit dem Thema umgehen sollte. Es gibt in meinem Heft Kopiervorlagen, die das ganz bewusst nicht explizit benennen, so dass sich niemand vorgeführt fühlt.
In Ihrem Buch gibt es 37 Kopiervorlagen. Sind sie aufeinander aufgebaut oder kann ich als Lehrkraft auch nur einzelne Vorlagen nutzen?
Stephan Sigg: Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste ist, ich kann vorne beginnen und mich dann durcharbeiten. Ich kann aber auch einfach das herauspicken, was gerade für meine Klasse wichtig ist oder was in meinen Jahresplan passt. Das Heft ist außerdem so konzipiert, dass es auch perfekt für Projektarbeiten, Projekttage oder Projektwochen geeignet ist, weil die Schülerinnen und Schüler sich dann intensiv und in Ruhe mit dem Thema auseinandersetzen können
Und was erhoffen Sie sich selbst vom Einsatz Ihres Buches?
Stephan Sigg: Ich hoffe, dass ich mit diesem Buch ganz viele Jugendliche erreichen kann. Ich lasse jetzt mal die Lehrkräfte außen vor und bin bei der Endzielgruppe, bei den Jugendlichen. Es ist mir immer ein Anliegen, mit meinen Projekten Jugendliche bei ihrer Identitätsbildung, bei ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Und ich hoffe, dass ich ein paar Jugendlichen bewusst machen kann: „Du bist okay, so wie du bist. Und lass dich nicht zu sehr von irgendwelchen Vorgaben aus den Medien, aus Social Media oder von deinen Mitmenschen unter Druck setzen. Bleibe entspannt und gelassen.“ Die innere Schönheit, die persönliche Schönheit zu entdecken, ist auch ein Thema meines Buches. Und zurück zur Lehrkraft: Ich habe als Lehrkraft zwar wenig Einfluss, dennoch glaube ich, wie bei so vielem, es beginnt beim Einzelnen. Jeder von uns kann einen Anfang machen. Auch wenn es ein bisschen naiv klingt, so bin ich dennoch überzeugt, auch kleine Schritte können etwas bewirken. Und wenn ich als einzelne Lehrkraft in meiner Klasse und an meiner Schule ein Bewusstsein für dieses Thema etablieren kann, dann kann ich auch eine Entwicklung ins Positive anstoßen.
Zur Person
Stephan Sigg arbeitete nach dem Theologiestudium einige Jahre als Religionslehrer. Heute ist er als Autor, Journalist und in der Aus- und Weiterbildung von Religionslehrkräften tätig und leitet regelmäßig Schreibworkshops an Schulen. Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen von ihm, darunter viele Unterrichtsmaterialien für die Fächer Religion, Ethik und Deutsch.




