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Unterricht gestalten / 15.06.2026

Wortschatz im Englischunterricht neu denken

Mit Lexical Approach, Mental Lexicon und Lexiko-Grammatik zum Lernerfolg

Wie lernen Schülerinnen und Schüler eine Fremdsprache am erfolgreichsten? Grammatikalische Regeln lernen und Vokabeln pauken galten lange Zeit als die besten Methoden. Doch davon hat sich die Didaktik in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr verabschiedet. Lexical Approach, Mental Lexicon und Lexiko-Grammatik sind unterdessen zentrale Begriffe im Fremdsprachenunterricht. Was steckt dahinter und – wichtiger noch – wie funktionieren diese Konzepte im Unterricht? Das haben wir den Lehrer und Fachdidaktiker Martin Bastkowski gefragt. 

Eine Lupe liegt auf einem Holztisch, umgeben von verstreuten Holzbuchstaben.
Bild: Shutterstock.com/OneSideProFoto

Herr Bastkowski, wie kann eine Fremdsprache am besten gelernt werden? Die Antwort hat sich wahrscheinlich in den letzten Jahrzehnten verändert. Wie sieht sie heute aus? 

Martin Bastkowski: Ja, und zwar erheblich. Früher stand die Grammatik-Übersetzungs-Methode im Vordergrund: Regeln pauken, Vokabellisten auswendig lernen, Texte übersetzen. Das Ziel war Sprachkorrektheit – nicht Kommunikation. Heute wissen wir, dass Sprache in erster Linie bedeutungsvolles Handeln ist und dass Wortschatz dabei eine größere Rolle spielt als lange angenommen. Für den Unterricht bedeutet das konkret: Wortschatz wird nicht mehr isoliert eingeführt, sondern in Kollokationen und Phrasen. Lernstrategien müssen explizit vermittelt werden – „Lernt eure Vokabeln!“ ist keine Anleitung. Und die Bildungsstandards 2023 spiegeln das wider: Sie sprechen nicht mehr von getrennten Bereichen, sondern von „Lexiko-Grammatik“. 

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Feste Sprachbausteine von Anfang an 

Was bedeuten die Begriffe Lexical Approach, Mental Lexicon und Lexiko-Grammatik – wie hängen sie zusammen und welche Rolle spielen sie im modernen Fremdsprachenunterricht? 

Martin Bastkowski: Das sind drei Konzepte, die zusammen ein starkes fachdidaktisches Fundament bilden. Der Lexical Approach nach Michael Lewis besagt: Nicht Grammatik, sondern Wortschatz ist das Herzstück der Sprache – nicht die isolierte Vokabel, sondern eine Chunk-Anwendung, eine vorgefertigte sprachliche Einheit, das heißt feste Sprachbausteine, Wortgruppen oder Redemittel.  

Das klingt abstrakt, ist aber im Unterrichtsalltag bestens bekannt. Zwei Klassiker: Die Schülerinnen und Schüler sagen „I make my homework“ – weil sie „make“ für „machen“ und „homework“ für „Hausaufgaben“ gelernt haben und beides dann völlig folgerichtig kombinieren. Oder „I go with the bus“ statt „I go by bus“. Beides sind keine Grammatikfehler, sondern Kollokationsfehler: Die Schülerinnen und Schüler haben „do my homework“ und „go by bus“ offenbar nicht als feste Einheiten abgespeichert – was zeigt, wie wichtig es ist, feste Sprachbausteine von Anfang an als solche bewusst zu machen und zu üben. 

Das Mental Lexicon ist das semantisch vernetzte kognitive Wörterbuch im Langzeitgedächtnis. Je stärker Wortschatzelemente dort miteinander vernetzt sind, desto sicherer der Abruf. Thematisch einschlägige Wortschatzeinheiten gehören deshalb zusammen in Wordbanks – inhaltlich unpassende Querverbindungen stören. Beim Erwerb eines Wortschatzelements spielen immer drei Dimensionen eine Rolle: Meaning, Form und Use

Nehmen wir ‚make': Meaning – herstellen, machen. Form – unregelmäßiges Verb: ‚made', ‚making' und Use zeigt, welche Kollokationen typisch sind: ‚make a decision', ‚make a mistake', ‚make progress' – aber ‚do homework', ‚do sport', ‚do the dishes'. Wer nur ‚machen' als Übersetzung notiert, deckt davon lediglich einen Bruchteil ab. 

Die Lexiko-Grammatik schließlich zeigt: Grammatik und Wortschatz sind kein Gegensatz, sondern ein Kontinuum – wer beides verknüpft, hilft Lernenden, Sprache als System zu verstehen. Während die reine Chunk-Vermittlung feste, unveränderliche Wortverbindungen vermittelt (z.B. "do homework", "by bus"), geht die Lexiko-Grammatik einen Schritt weiter: Sie macht den Schülerinnen und Schülern bewusst, dass viele sprachliche Muster eine feste Struktur haben, aber an einer oder mehreren Stellen variabel sind – sogenannte "lexikalische Leerstellen". Das Muster selbst (die Grammatik) bleibt konstant, der eingesetzte Wortschatz wird flexibel ausgetauscht. 

Das Beispiel "I have to / I need to + Aktivität + Uhrzeit" zeigt das: Die Struktur signalisiert Verpflichtung, und die Schülerinnen und Schüler müssen nicht jeden Satz neu grammatisch konstruieren – sie füllen nur die Leerstellen ("go to school", "be there", "leave the house" + "at 8 o'clock"). Das entlastet den mentalen Arbeitsspeicher enorm, weil die Struktur automatisiert ist und kognitive Kapazität für den Inhalt frei bleibt, statt für die Grammatik.

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Welche Methoden und Wortschatzspiele unterstützen das Fremdsprachenlernen grundsätzlich? Und wie können Schülerinnen und Schüler Wortschatzelemente nachhaltig speichern? 

Martin Bastkowski: Ich arbeite mit einem Drei-Schritte-Modell: Identifying new vocabulary, Recording und Use. Bei der Speicherung (Recording) setze ich auf das Vocabulary Memorisation Toolkit – ein persönliches Strategieheft mit neun Zugängen zu neuem Wortschatz: 1. Bild zeichnen, 2. Merkmale notieren, 3. Verwendung beschreiben, 4. Synonym oder Antonym, 5. Definition, 6. thematische Kategorie, 7. Beispielsatz, 8. Reimwörter, 9. Assoziationsnetz. Die Strategien werden sukzessive eingeführt – etwa zwei pro Stunde – danach entscheidet jeder Lernende selbst, welche am besten passt. Entscheidend ist dabei auch die Wiederholung mit Abstand – spaced repetition – damit Gelerntes wirklich im Langzeitgedächtnis verankert wird. Rein bilinguale Übersetzungen einzufordern, greift dabei zu kurz. 

Beim aktiven Gebrauch kommen auch Wortschatzspiele ins Spiel: Scattergories, Word Wheel, Catchphrase, Jumbled words, Word toss, Word memory, Words on your back oder der Vocab warmer – ein Format, bei dem die Schülerinnen und Schüler einen Begriff über mehrere Techniken erschließen und spielerisch einschleifen. Solche Aktivitäten sind als Warm-up, in Revisionsphasen oder als Cooling-down direkt einsetzbar, ohne großen Vorbereitungsaufwand. Sie erzeugen den kommunikativen Druck, den das Gehirn braucht, um Wortschatz wirklich zu speichern. Insbesondere für die jüngeren Schülerinnen und Schüler ist die Website ESL Kids Games sehr zu empfehlen. 

Bild: Cornelsen/Elke Besen

Martin Bastkowski

Nicht Grammatik, sondern Wortschatz ist das Herzstück der Sprache – nicht die isolierte Vokabel, sondern eine Chunk-Anwendung, eine vorgefertigte sprachliche Einheit, das heißt feste Sprachbausteine, Wortgruppen oder Redemittel.

Welche Rolle spielen die Schulbücher? 

Martin Bastkowski: Das Lehrwerk ist nach wie vor das zentrale Medium und bietet eine durchdachte thematische Progression. Die vielfältigen Inputs, die es bereitstellt – Texte, Höraufgaben, Videos – sind ideale Ausgangspunkte, um unbekannte Wortschatzelemente zu identifizieren. Von dort aus können die Schülerinnen und Schüler selbstständig in die Phasen der Speicherung und Anwendung übergehen. Das Lehrwerk ist dabei ein hilfreicher Ausgangspunkt – aber kein Limit. Authentische Materialien, digitale Tools oder Wortschatzspiele lassen sich jederzeit ergänzen, wo das Buch aufhört. Als praktischen Tipp empfehle ich den Oxford Text Checker: Er hilft, das Sprachniveau eines Textes schnell einzuschätzen.
 

Wahrscheinlich gibt es große Unterschiede, ob Sie in einer fünften oder einer zwölften Klasse Englisch unterrichten. Können Sie jeweils ein Beispiel nennen? 

Martin Bastkowski: Absolut. In Klasse 5 knüpfe ich an die Grundkenntnisse an, die die Schülerinnen und Schüler aus der Grundschule mitbringen, und baue darauf systematisch auf. Dabei führe ich Lernstrategien sukzessive ein: angefangen bei einfachen Zugängen wie Brainstorming und Mindmaps über thematische Wordbanks bis hin zum Vocabulary Memorisation Toolkit mit seinen neun Strategien. So entwickeln die Schülerinnen und Schüler schrittweise ein eigenes Repertoire – und finden heraus, welche Strategie am besten zu ihnen passt. 

In der Oberstufe wird daraus echte Spracharbeit auf hohem Niveau. Bei der Lektüre eines Romans erarbeiten die Schülerinnen und Schüler eigenständig den Wortschatz zu zentralen Themen wie ‚identity' oder 'belonging' – sie recherchieren Kollokationen, typische Satzstrukturen und register-spezifischen Gebrauch entlang der drei Dimensionen Meaning, Form und Use. Der erschlossene Wortschatz fließt direkt in analytische Essays ein. Wortschatz wird hier nicht mehr primär vermittelt, sondern selbst erschlossen – und gezielt für die eigene Sprachproduktion nutzbar gemacht. Das ist der Unterschied. 

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„Eine Fehlerkultur pflegen, die Raum lässt“

Welche Fehler können Lehrkräfte beim Unterrichten einer Fremdsprache machen? 

Martin Bastkowski: Ich möchte das gar nicht als Fehler bezeichnen – Unterrichten ist ein kontinuierlicher Lernprozess, und gerade Entwicklungen wie der Wandel von getrennter Wortschatz- und Grammatikarbeit hin zur Lexiko-Grammatik verlangen von uns allen ein Umdenken, das Zeit braucht. Ich sehe daher folgende Zielsetzungen: Wortschatz nach der Einführung konsequent wiederholen – spaced repetition, also der wiederholte Kontakt mit zunehmendem Abstand, ist dafür entscheidend. Grammatik und Wortschatz als zusammenhängendes System denken, nicht als getrennte Bereiche. Lernstrategien explizit einführen, statt sie vorauszusetzen. Weiterhin nicht Übersetzungen einfordern, denn damit decken wir nur die Dimension Meaning ab. Und schließlich eine Fehlerkultur pflegen, die Raum lässt – wer zu früh und zu oft korrigiert wird, hört irgendwann auf zu sprechen.
 

Und welche – einfachen – Tipps haben Sie für Ihre Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch für die Schülerinnen und Schüler? 

Martin Bastkowski: Für Lehrkräfte: Das Denken in sprachlichen Mustern und Verbindungen. Kollokationen explizit darstellen und ergänzen, wenn das Lehrwerk sie nicht zeigt. Darüber hinaus kurze Revisionsphasen in den Unterricht einbauen – fünf Minuten reichen. Weiterhin das Vocabulary Memorisation Toolkit früh einführen, alle neun Strategien sukzessive erkunden und den Schülerinnen und Schülern dann Autonomie in der Wahl lassen. Und: Wortschatzspiele sind kein Entspannungsangebot, sondern echtes Revisionswerkzeug. 

Für die Schülerinnen und Schüler: Lerne nie ein einzelnes Wort – lerne es als Einheit. Wer „homework“ lernt, lernt „do homework“. Wer „bus“ lernt, lernt „go by bus“. Findet eure Lieblingsstrategie aus dem Toolkit. Und: Lernt Englisch auch außerhalb der Schule – Serien, Musik, Podcasts. Der beste Weg in eine Sprache führt durch echten, bedeutsamen Kontakt mit ihr.

Zur Person

Martin Bastkowski unterrichtet Englisch und Erdkunde an einer Kooperativen Gesamtschule in Pattensen (Niedersachsen), wo er als Fachbereichsleiter Fremdsprachen und stellvertretender Gymnasialzweigleiter tätig ist. Daneben lehrt er Fachdidaktik Englisch in der universitären Lehramtsausbildung und ist bundesweit als Fortbildungsreferent sowie als Fach- und Lehrwerksautor, Lehrwerksberater, Reviewer und Mitherausgeber für Verlage und Fachzeitschriften aktiv. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen 1) Unterrichtsmethodik und Lernaktivierung, 2) kommunikative Sprachkompetenzen, 3) die Optimierung von Lernprozessen, 4) Prüfungs- und Feedbackkultur sowie 5) Digitalisierung, Medien und KI. 

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