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Künstliche Intelligenz / 22.06.2026

Skill Skipping: Wenn KI das Lernen überspringt

Wie KI den Lernprozess verändert – und was jetzt wichtig ist 

Wie wird die KI das Lernen und Lehren verändern? Diese Frage beschäftigt alle im Bildungsbereich Tätigen seit mehr als drei Jahren, nämlich seitdem ChatGPT veröffentlicht wurde. Längst ist klar: Die generative KI ist nicht mehr aus dem Alltag – also auch nicht aus der Schule – wegzudenken. Darüber hinaus hat die Schule die Verpflichtung, Kinder und Jugendliche auf eine Zukunft vorzubereiten, in der die KI eine immer größere Rolle spielen wird. Wie kann sie das leisten und vor allen Dingen, wie kann KI sinnvoll genutzt werden und wann sollte sie nicht eingesetzt werden? Das haben wir Florian Nuxoll gefragt. Der Gymnasiallehrer und wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Tübingen hat in Zusammenhang mit KI in der Schule den Begriff Skill Skipping geprägt.

Eine Schülerin nutzt einen Laptop und macht Hausaufgaben mit Unterstützung einer KI.
Bild: Shutterstock.com/byswat

Was bedeutet Skill Skipping überhaupt? 

Herr Nuxoll, von Ihnen stammt der Begriff Skill Skipping. Was ist bedeutet er?

Florian Nuxoll: Den Begriff Skill Skipping habe ich tatsächlich in der Ko-Konstruktion mit der KI entwickelt. Als ich meine Schülerinnen und Schüler vor inzwischen zweieinhalb Jahren intensiv mit KI habe arbeiten lassen, habe ich schnell gemerkt, dass viele die KI nicht als sokratischen Dialogpartner genommen haben, sondern sich gleich die Ergebnisse haben produzieren lassen. Das heißt, sie hatten tolle Ergebnisse, haben aber nichts gelernt. Ich habe die KI dann nach passenden Begriffen zu diesem Phänomen gefragt und bekam 20, 30 Vorschläge. Dann habe ich die Suche auf eine Alliteration eingeschränkt. Das Ergebnis war unter anderem Skill Skipping. Ich fand, das passt sehr gut, denn die Schülerinnen und Schüler können zu einem Ergebnis kommen, ohne Skills dafür angewandt zu haben. Sie überspringen also die Skills, sie überspringen das Lernen.

Bild: Gestaltung der Icons: Stan Hema, Berlin 2017/2018

Florian Nuxoll

In der Schule geht es letztendlich nicht um die Produkte, sondern um den Lernprozess.

Warum lernen Schüler/-innen trotz guter Ergebnisse weniger? 

Heißt das, KI sollte man in der Schule nicht nutzen?

Florian Nuxoll: Ich selbst nutze die KI intensiv und meine Schüler fragen dann: „Wieso dürfen wir es nicht nutzen? Sie haben doch dieses Material auch mit der KI erstellt.“ Dann muss ich Ihnen vermitteln, dass es ein Riesenunterschied ist, ob es um die Arbeitswelt oder um das Lernen geht. In der Arbeitswelt ist es relativ unwichtig, wie man zu einem Ergebnis kommt. Ob der Statiker die Stabilität meines Hauses mit Excel, mit einem Taschenrechner oder im Kopf berechnet, ist mir egal. Es geht darum, dass das Haus stabil ist. Aber in der Schule geht es letztendlich nicht um die Produkte, sondern um den Lernprozess. Das heißt, wenn ich es nicht schaffe, in bestimmten Phasen des Unterrichts Schülerinnen und Schüler dazu zu bewegen, auf die KI zu verzichten, um dieses Skill Skipping zu verhindern, dann muss ich die Nutzung verbieten. 

Es gibt ganz klare Phasen in meinem Unterricht, in denen ich kein Tablet mehr erlaube und auch kein Smartphone. Ein Beispiel: In meinem Englischunterricht in der sechsten Klasse schreiben die Schülerinnen und Schüler immer ein Theaterstück. In diesem Jahr haben alle mit DeepL oder auch mit ChatGPT gearbeitet. Die Theaterstücke waren großartig, aber sie selbst haben kaum ein Wort davon verstanden, weil das natürlich weit über ihrem Sprachniveau lag. Da musste ich dann noch einmal neu beginnen und habe gesagt: „Ihr arbeitet jetzt komplett ohne digitale Tools.“ Sie hatten Sorge, dass das Ergebnis dann nicht gut sein würde. Das konnte ich nur bestätigen. Ich habe ihnen aber auch erklärt, dass es nicht darum geht, ein tolles KI-Projekt zu präsentieren, sondern darum, etwas zu lernen.

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Skill Skipping

Dieser Selbstlernkurs zeigt, wie Lehrkräfte KI didaktisch reflektiert und lernförderlich einsetzen können – ohne den Kern schulischen Lernens preiszugeben.

In bestimmten Phasen Ihres Unterrichts wird die KI also genutzt, in anderen nicht. In welchem Verhältnis?

Florian Nuxoll: Ja. Das ist zwar nicht der ideale Weg, aber das ist der Weg, den ich gerade gehe. Denn wir hatten auch Situationen, in denen Schülerinnen und Schüler selbst im Unterrichtsgespräch schnell ihr Tablet genutzt, die KI etwas gefragt und dann eine perfekte mündliche Antwort gegeben haben. Das ist unfair denjenigen gegenüber, die kein Tablet zur Verfügung haben und selbstständig denken. Als Lehrkraft muss man dann ganz genau hinschauen, um zu erkennen, ob es eine Eigenleistung oder eine Dienstleistung der KI war. Etwa 95 Prozent meines Unterrichts finden ohne KI und fünf Prozent mit KI statt. Meine Klassen waren in der Zeit vor KI digitaler als jetzt, weil jetzt dieses Tool zu oft zum Skill Skipping genutzt wird.

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Wie kann KI Lernprozesse sinnvoll unterstützen? 

Statt Skill Skipping: Welches positive Beispiel für den Einsatz von KI fällt Ihnen ein?

Florian Nuxoll: Ich habe meinen Schülern im letzten Jahr zwei, drei Monate vor dem Abitur empfohlen: Holt euch Gemini in der Plus Version für 20 Euro im Monat. Das ist die beste Abiturvorbereitung. Und das hat tatsächlich sehr gut funktioniert. Es war ein durchschnittlicher Kurs, aber er hat das bislang beste schriftliche Abitur abgeliefert, auch weil vor dem Abitur die Selbstregulation funktioniert. Sie hatten zuvor ihre Hausaufgaben regelmäßig mithilfe der KI gemacht und nichts gelernt. Aber vor dem Abitur haben die Schülerinnen und Schüler die KI ganz anders genutzt und zum Beispiel gesagt: „Erklär mir das Preis-Mengen-Diagramm, als ob ich ein Grundschüler wäre.“ Die KI hat das wirklich heruntergebrochen und ganz kleinschrittig erklärt. Und das war sehr lernwirksam.
 

Viele sagen, KI kann zu mehr Gerechtigkeit beitragen, andere fürchten, die Ungerechtigkeit wird größer. Was stimmt?

Florian Nuxoll: Wir müssen unterscheiden zwischen klassischen LLMs, also der generativen KI und intelligenten Tutorensystemen. Letztere können individuell Aufgaben zuweisen und so sehr lernwirksam sein. Nehmen wir zum Beispiel das Lesen. Wenn das System analysiert: „Du bist ein starker Leser, du kriegst längere Texte, du bist ein schwacher Leser, du kriegst kürzere Texte oder du bist so ein schwacher Leser und es geht gerade nicht um das Lesen, sondern um den Inhalt, dann bekommst du eine Audiodatei“ - dann kann das zu einer guten Förderung und also auch zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. Auf der anderen Seite ist es natürlich ein Problem, dass LLMs unterschiedlich leistungsstark sind. Das kostenlose Modell ist zwar in Ordnung, aber nicht so gut wie das kostenpflichtige. Jemand, der mit KI umgehen kann, der eine gewisse Digitalkompetenz hat, kann sie auch besser nutzen als jemand, der diese Kompetenzen nicht hat. Es ist also ein „sowohl als auch“. Es kann die Bildungsgerechtigkeit unterstützen. Es kann aber auch zu mehr Bildungsungerechtigkeit führen.

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Welche Voraussetzungen müssen Schulen schaffen? 

Kann Schule das auffangen? Muss sie zum Beispiel allen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu einem leistungsfähigen Programm gewährleisten?

Florian Nuxoll: Genau. Die Schule muss sicherstellen, dass alle Schülerinnen und Schüler Zugang zu einer KI haben, die good enough ist - also zu einem relativ modernen Sprachmodell. Das wird beispielsweise schon über AIS.chat gemacht. Meine Schule hat jetzt fobizz für alle Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte lizenziert. Es wird auch nicht unendlich oft eingesetzt, aber die Schülerinnen und Schüler haben den Zugang, wenn sie ihn brauchen.
 

Und wenn Sie in die Zukunft schauen, wie wird es weitergehen?

Florian Nuxoll: Ich habe einmal in einem Spiegel-Interview gesagt: „Wir brauchen mehr KI und wir brauchen weniger KI in der Schule.“ Denn in beide Richtungen müssen wir Vollgas geben. So absurd das klingt, das ist das, was ich wirklich glaube. Wir brauchen mehr, etwa zum Individualisieren, zum Unterstützen. Auf der anderen Seite müssen wir sicherstellen, dass die KI weniger genutzt wird, damit das Lernen nicht übersprungen wird.
 

Lehrkräfte müssen also viel dazulernen?

Florian Nuxoll: Die KI führt zu einem Paradigmenwechsel in der Schule und wir sind ein bisschen transformationsmüde. Man hat uns seit 20, 30 Jahren immer wieder gesagt: Mit dem Computer wird sich alles ändern, mit den CD-ROMs wird sich alles ändern und dann mit dem Internet, den Tablets und den Smartphones. Aber es hat sich wenig verändert. Doch die KI wird jetzt vieles verändern. Die Transformation kommt jetzt. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und wir brauchen Zeit, um uns damit auseinanderzusetzen.
 

Und wie kann diese Auseinandersetzung funktionieren?

Florian Nuxoll: Zunächst einmal sind Weiterbildungen wichtig. Es gibt inzwischen auch gute Onlineangebote, zum Beispiel bei der Cornelsen Akademie. Und man kann die KI einfach mal in seinem Arbeitsalltag ausprobieren, um zu gucken, wo die Grenzen sind, was funktioniert und was nicht funktioniert. Auch Austauschplattformen mit anderen Lehrkräften sind sehr empfehlenswert, zum Beispiel auf Fachschaftsebene. Kürzlich ist eine Kollegin kopfschüttelnd aus meiner Fortbildungsveranstaltung gegangen und ich habe sie gefragt: „Was habe ich falsch gemacht?“ Sie sagte: „Ich finde KI nicht gut.“ Ich habe erklärt, dass ich das zwar verstehen kann und mein Unterricht vermutlich gerade auch anders und das Lernen in vielerlei Hinsicht vielleicht sogar besser wäre ohne KI. Aber: „Ich finde auch die Erderwärmung nicht gut, aber sie ist da und KI ist auch da.“ Das heißt, egal wie ich dazu stehe, ich muss mich damit auseinandersetzen. Und das ist, was wirklich verstanden werden muss. Das ist nichts, was man ignorieren kann.

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Gut zu wissen:

Generative KI ist der Oberbegriff für alle KI-Systeme, die neue Inhalte erschaffen, seien es Texte, Bilder, Musik, Videos, Programmcodes oder 3D-Modelle.

LLMs (Large Language Models) hingegen sind ein Teilbereich der generativen KI. LLMs sind ausschließlich auf das Verstehen und Generieren von Texten spezialisiert.

Alle Bundesländer stellen ihren Schulen mittlerweile KI-Chatbots zu Verfügung. Meist handelt es sich dabei um AIS.chat oder fobizz.

AIS.chat ist eine KI-gestützte und datenschutzkonforme Chatbot-Oberfläche, die speziell auf den Einsatz im Unterricht zugeschnitten ist. Das KI-Tool wurde länderübergreifend mit Mitteln aus dem DigitalPakt Schule entwickelt. 

Bei fobizz handelt es sich um eine webbasierte Plattform, die den Zugang zu verschiedenen KI-Anwendungen ermöglicht. Hinter fobizz steht ein Hamburger Startup aus dem EdTech Bereich.

Zur Person

Florian Nuxoll ist Lehrer für Englisch, Politik und Wirtschaft an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen. Er ist außerdem Dozent des Selbstlernkurses Skill Skipping - Was ist das und wie muss Schule darauf reagieren?

Schlagworte:

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