Selbstkompetenz / Gesundheit / 13.01.2021

Was das Nervensystem mit guter Selbstfürsorge zu tun hat

Interview mit Traumatherapeutin Kati Bohnet zu Selbstschutz und Selbstregulation für Lehrende

Die Belastungen für Lehrkräfte im Schulalltag nehmen zu, gerade in Zeiten von Corona. Was tun, um gut für sich zu sorgen? Für Traumatherapeutin Kati Bohnet ist ein grundlegendes Wissen über die Funktionsweise des Nervensystems ein wichtiger Schritt zu einer gesunden Abgrenzung. Warum das so ist, erzählt sie im Interview.

Bild: Shutterstock.com/pathdoc

Wer kennt das nicht: Manchmal geht einem einfach alles auf die Nerven. Die Schüler, die Arbeit, der Lockdown, die Kolleginnen … Alles nervt. Und tatsächlich hat unser Nervensystem sehr viel damit zu tun, wie wir auf Stress und Überforderung reagieren. Dessen Funktionsweise ist das Spezialgebiet von Traumatherapeutin Kati Bohnet. Sie kennt Wege aus dem Stress. Das Wissen um die körperlichen Abläufe in schwierigen Situationen hält sie für den Schlüssel zu einem entspannteren Umgang mit den Herausforderungen des Schulalltags. 

Lehrerinnen und Lehrer sind in verschiedenen Bereichen gefordert, die über das rein Fachliche hinausgehen – nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie. Frau Bohnet, was sind die Punkte, an denen Lehrkräfte Ihrer Erfahrung nach immer wieder an ihre Belastungsgrenzen stoßen? 

Kati Bohnet: Neben den strukturellen Arbeitsbedingungen sind es häufig die "anstrengenden" Kinder, die Lehrkräfte vor Herausforderungen stellen. Diejenigen, die den Unterricht und das Miteinander auf verschiedene Weise stören und durch ihr Verhalten den Aufwand erhöhen. Dabei spielen auch Aggression und Depression eine große Rolle. Studien zeigen: Die psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu, und die Corona-Zeit hat diese Entwicklung ganz offensichtlich noch einmal verschärft.

Was kann Lehrkräften an dieser Stelle helfen?

Kati Bohnet: Fachwissen über das Nervensystem. Es ist ungemein hilfreich, über die grundlegenden Überlebensimpulse Bescheid zu wissen, über die in der Traumatherapie viel gesprochen wird. Das erhöht das Verständnis, verändert den Blick auf das Kind und sorgt dafür, dass sich die Lehrkraft persönlich nicht mehr so angegriffen fühlt. Weil sie nun das scheinbar anstrengende Verhalten als etwas anderes erkennen kann: als gesunden Impuls des Kindes auf eine anstrengende Situation, in der es versucht, sein Gefühl von Sicherheit wiederzuerlangen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Kati Bohnet: Nehmen wir den Kampfimpuls, der relativ verbreitet und wahnsinnig anstrengend ist, auch für die ganze Klasse oder Lerngruppe. Ein Kind ist beispielsweise aggressiv gegen andere Kinder. Damit versucht es unter Umständen, sich vor etwas innerlich als Gefahr Wahrgenommenem zu schützen, das für alle anderen gerade nicht erkennbar ist. Oft ist es so, dass ein innerer „Alarm“ ausgelöst wird, im Außen jedoch keine reale Gefahr besteht. Das Nervensystem reagiert trotzdem, als sei es eine Gefahrensituation. Durch das Fachwissen um die Funktionsweise des Nervensystems bekommen Lehrkräfte viel schneller eine Idee von wirksamen Interventionsmöglichkeiten. Wir müssen viel mehr mit der Physiologie arbeiten und nicht gegen sie. Wenn ich also einem aggressiven Kind sage: "Du bist so gewalttätig, das ist falsch", und es wird für sein Verhalten verurteilt, dann fühlt es sich noch unsicherer. Und wenn das der Impuls ist, mit dem es sich gerade zu schützen versucht, dann wird die Notwendigkeit, sich zu schützen, noch größer.

Die Alternative wäre, das Kind nicht als Aggressor zu empfinden, sondern es in seiner Not zu sehen – und zu sagen: "Ich sehe, dass du wütend bist und dass du am liebsten alles zerschmettern würdest – das geht hier natürlich nicht. Ich weiß zwar gerade nicht, was dich so wütend macht, aber ich kann deine Wut spüren." Das allein macht einen totalen Unterschied. 

"Es ist gut, seine eigenen Körpersignale zu kennen"

Sind die Schmerzpunkte und Probleme Ihrer Erfahrung nach bei Lehrkräften an Grundschulen andere als an weiterführenden Schulen?

Kati Bohnet: Ja und nein. An weiterführenden Schulen kommt natürlich noch die Pubertät hinzu. Auch Schuldistanz ist weiter verbreitet. Dabei gilt es zu verstehen, dass es auch Aufgabe der Lehrkraft ist, einen Zugang zum Kind oder Jugendlichen zu finden – nicht umgekehrt. Und zu akzeptieren, dass das manchmal unheimlich frustrierend sein kann. Was aber nicht heißt, dass das Kind nicht erreichbar oder beschulbar oder therapierbar wäre. Es ist nicht Aufgabe des Kindes, seine Antennen nach mir auszurichten, sondern umgekehrt. Und so ein Kind braucht manchmal einen anderen Kanal – das ist eine totale Herausforderung für Lehrkräfte. Zu verstehen, was bei Stress im Körper passiert, macht die Arbeit für Lehrkräfte weniger kraftaufwendig, weil sie schneller intervenieren können und der Frust abnimmt.

Wie können Lehrer/-innen mit emotional herausfordernden Situationen umgehen und sich im Sinne der Burn-out-Prophylaxe an den richtigen Stellen abgrenzen?

Kati Bohnet: Da kommt das Thema Selbstschutz ins Spiel. Durch die Beschäftigung mit der Funktionsweise des Nervensystems lernt man gleichzeitig viel über sich und versteht, welche Schutzmechanismen man selbst in schwierigen Situationen aktiviert: ob man eher Zuflucht sucht oder in den Widerstand geht oder in die Erstarrung oder ob man immer Ja und Amen zu allem sagt, um jeglichen Konflikt zu vermeiden. Es ist also erst mal gut, sein eigenes typisches Verhalten und seine Körpersignale zu kennen. Und dann entsprechend reagieren zu können, am besten mit Körperübungen.

Dazu muss man wissen: 80 Prozent unserer Nervenbahnen führen von den Organen zum Gehirn und nur 20 Prozent von unserem Gehirn zu den Organen. Das heißt, wenn ich mir kognitiv sage: "Jetzt beruhige dich mal", dann läuft das über 20 Prozent der Bahnen. Wenn ich es aber auf körperliche Weise schaffe, dass mein Herzschlag ruhiger und mein Atem tiefer wird, dann geht diese Information über 80 Prozent der Bahnen direkt ans Gehirn. Das zeigt, wieso es so sinnvoll ist, mit Körperübungen zu versuchen, aus dem Stress rauszukommen.

Wie kann das konkret aussehen? Bringt es auch etwas, solche Übungen mit der Klasse zusammen zu machen?

Kati Bohnet: Ich arbeite gerne mit von mir zusammengestellten Übungen zur Emotionalen Ersten Hilfe und Stressregulation, die für alle Altersgruppen ab drei Jahren funktionieren. Sie basieren auf dem Wissen über die Funktionsweise unseres Gehirns unter Stress. Es ist gut, als Lehrkraft solche Übungen als Tools an der Hand zu haben. Auch vor Prüfungssituationen, Klassenarbeiten oder in anderen stressigen, potenziell angstauslösenden Situationen. Da kann man beispielsweise Orientierungsübungen mit den Kindern oder Jugendlichen machen wie: "Schau dich um und zähle alle runden Dinge". Solche einfachen Sachen sind ein super Trick, um in einen ruhigen, konzentrierten Zustand zu gelangen.

"Lehrkräfte sind Hochleistungssportler/-innen"

Wie können Lehrkräfte die Hemmschwelle überwinden, so etwas mal mit der Klasse auszuprobieren?

Kati Bohnet: An vielen Schulen gibt es Programme wie Antistresstrainings, oft im Rahmen von Aktionstagen. Das ist hilfreich für einen ersten Kontakt zum Thema, aber es wäre gut, dieses Wissen auch als feste Konstante im Schulalltag zu etablieren. Denn das Nervensystem kann und muss man trainieren. Das ist wie beim Sport. Wenn man etwas in Extremsituationen anwenden möchte, muss man anfangen, es in entspannten Situationen immer wieder zu üben. So setzen sich die Abläufe im Unterbewusstsein fest. Beim Tennis nimmt man auch nicht erst im Wettkampfspiel zum ersten Mal einen Schläger in die Hand. Hier geht es um die psycho-physische Konstitution, das heißt, der Körper springt schneller auf etwas an, weil ich es tagtäglich trainiere. Und wer längere Zeit nicht übt, merkt einen Trainingsrückstand. In dieser Hinsicht sind Lehrkräfte Hochleistungssportler/-innen, nur in einem anderen Feld. Sie sind konstant einer hohen psycho-physischen Belastung ausgesetzt.

Regelmäßig zu üben und Neues zu etablieren – dafür fehlt allerdings vielen Menschen die Zeit, gerade wenn die allgemeine Belastung akut sehr hoch ist …

Kati Bohnet: Ja, viele Lehrerinnen und Lehrer sagen: "Puh, wenn das jetzt auch noch in meinen Aufgabenbereich fallen soll, dann komme ich ja zu gar nichts mehr." Aber das ist ein Teil ihrer Verantwortung. Genau wie die Institution Schule einen Teil der Verantwortung trägt, und der Staat im Hinblick auf die Struktur und Finanzierung von Schule. Auch die Gestaltung der Lehrkräfteausbildung spielt natürlich eine Rolle. Aber ein Teil der Verantwortung liegt eben auch bei den Lehrkräften selber. Leider kommen viele Menschen erst durch die eigene Erfahrung eines Zusammenbruchs oder Burn-outs zu dieser Erkenntnis. In meiner Praxis frage ich Klientinnen und Klienten, die geradewegs auf so einen Zustand zusteuern, dann gerne: "Wie gesellschaftlich anerkannt müssen Ihre Symptome sein, damit Sie sie anerkennen?" Viele Menschen relativieren ihre körperlichen Beschwerden. Sie bewerten sich selbst als schwach oder überempfindlich, anstatt ihren Stress ernst zu nehmen und eigenverantwortlich zu handeln.

Wie kann man eine solche verantwortungsbewusste Haltung beispielsweise im Kollegium etablieren? Gemeinsam geht es ja oft leichter.

Kati Bohnet: Es ist unheimlich gut und wichtig, sich mit anderen zusammenzutun. An manchen Schulen gibt es schon Buddy-Systeme, und wo es sie nicht gibt, kann man versuchen, sich auf anderen Wegen Communitys zu suchen und diese Themen miteinander zu teilen. Ob es therapeutische Kontexte sind, Supervisionsgruppen oder Kolleginnen und Kollegen, mit denen man sich über belastende Situationen austauscht. Manchmal tut es auch einfach gut, mal bewusst miteinander über die Zustände zu stöhnen, zu ächzen und zu seufzen. Diesen Empfindungen gemeinsam Ausdruck zu geben, ist kraftvoll. Daraus kann dann wieder Raum entstehen für das Leichte und es öffnet sich der Blick auf das Positive.

 

 Zur Person

Kati Bohnet ist Gestalt- und Traumatherapeutin (Somatic Experiencing®) mit eigener Praxis in Berlin. Als Gründerin und Leiterin des Bildungszentrums und Netzwerks helpers circle engagiert sie sich für die Gesundheit von Menschen in helfenden Berufen. Ihr Wissen rund um das Nervensystem gibt sie auch in kostenlosen Videos und einem Blog weiter. Ihr Motto: "Nur wenn wir gut stehen, können wir andere gut halten." 

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