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Schule gestalten / 01.08.2020

Expertenrat nach dem Exkursionsstopp zu außerschulischen Lernorten

„Nehmt jetzt diese Angebote wahr“

Außerschulische Lernorte ergänzen das schulische Lernen, sie motivieren zum Forschen und Entdecken und bringen frischen Wind ins Klassenzimmer. Von den bundesweiten Schulschließungen wurden auch sie betroffen. Zumindest bis zu den Sommerferien waren Exkursionen zu den außerschulischen Lernorten untersagt. 

Bild: Shutterstock.com/Monkey Business Images

In manchen Bundesländern sind sie nach den Sommerferien wieder erlaubt, in anderen nach den Herbstferien oder erst im zweiten Schulhalbjahr. Was bedeutet das fürs außerschulische Lernen, haben die Lernorte neue Konzepte entwickelt, stehen sie auf der Kippe oder gibt es vielversprechende Zukunftspläne? Ein Gespräch mit Dr. Thomas Wendt, dem pädagogischen Leiter des größten Science Center Deutschlands, der experimenta in Heilbronn.

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Außerschulische Lernorte

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Interview

Herr Doktor Wendt, wie hat Ihre Einrichtung darauf reagiert, dass plötzlich keine Schulklassen mehr kommen durften? 

Thomas Wendt: Wir haben bereits am 6. März entschieden, das Haus komplett zu schließen. Zwei Wochen später wurden dann die Schulen in Baden-Württemberg geschlossen und alle außerschulischen Aktionen wurden bis zu den Sommerferien untersagt. Wir haben zunächst überlegt, einige Angebote direkt in den Schulen vor Ort durchzuführen, aber auch das war nicht möglich. Das heißt, wir haben seit März im Laborbereich keine Angebote für Schulklassen. Aber wir haben im Mai begonnen, unseren Ausstellungsbetrieb für die privaten Besucher wieder hochzufahren, wenn auch mit etwas reduziertem Angebot und mit begrenzter Besucherzahl: statt häufig über 2000 Besucher sind es jetzt 500-600 Besucher täglich.

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Spezielles Nachmittagsprogramm

Haben Sie denn andere Wege gefunden, Schülerinnen und Schüler zu erreichen?

Thomas Wendt: Der Laborbereich wird normalerweise zu 90-95 Prozent von Schulklassen genutzt - nach den Schulschließungen kamen keine Klassen mehr. Wir haben dann aber für die Zeit zwischen den Pfingst- und den Sommerferien ein Nachmittagsbetreuungsprogramm für einzelne Kinder aufgesetzt, auch um Eltern zu entlasten, die für die Kinder keine Betreuungsmöglichkeiten mehr hatten. Es waren Kinder von Klasse 1-7, die dann eine ganze Woche nachmittags kamen, sodass wir die Gruppendurchmischung möglichst reduziert halten konnten. Auch das Personal wurde entsprechend getrennt und wochenweise eingesetzt. Dieses Programm wird in den Sommerferien erweitert; wir werden es nun statt der ursprünglich geplanten zwei Sommerbetreuungswochen vier Wochen lang durchführen. Diese Kapazitäten waren schon innerhalb weniger Tage ausgebucht. Das hängt auch damit zusammen, dass die großen Ferienbetreuungsprogramme der Stadt abgesagt wurden.

Und wie sieht Zukunft aus? Werden nach den Sommerferien auch wieder Schulklassen die experimenta besuchen?

Thomas Wendt: Wir gehen davon aus, dass der Laborbetrieb nach den Sommerferien wieder startet. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg hat gestattet, dass außerschulische Lernorte wieder von Schulklassen für Tagesexkursionen besucht werden dürfen. Allerdings ohne Übernachtungen, denn mehrtägige Klassenfahrten sind - zumindest im ersten Schulhalbjahr - noch nicht erlaubt. Wir haben momentan in diesen Laboren die 1,5 Meter Abstandsregelung eingeführt. Das heißt, anstatt den Kurs mit 30 Kindern zu belegen, haben wir jetzt das Limit bei 12 Kindern gesetzt. Wir müssen allerdings nach den Sommerferien schauen, was die Rechtslage und die Verordnungen hergeben. An Schulen gilt nach den Sommerferien keine Abstandsregel mehr, aber für außerschulische Lernorte wird es sicherlich noch gewisse Auflagen geben.

Umstellung auf digitale Angebote

Während des Lockdowns haben die Schulen auf Homeschooling und digitalen Unterricht umgeschaltet. Ist das auch eine Möglichkeit für außerschulische Lernorte?

Thomas Wendt: Wir haben sehr zügig auf digitale Angebote für die verschiedenen Altersstufen umgestellt. Da gibt es zum Beispiel einstündige Tutorials aus unserem Maker Space „Wie mache ich CAD-Programmierung“ oder „Wie entwickle ich eine eigene Website“. Wir haben Angebote zu verbindlichen Grundschulexperimenten gemacht. Hier wurde den Kindern in einem ersten Videoclip die Forscherfrage vorgestellt, über die sie sich Gedanken machen sollten, und eine Woche später wurde die Lösung präsentiert. Wir haben in den letzten Monaten sehr viel Material produziert. Seit zwei Jahren bieten wir zum Beispiel eine Girls‘Day Akademie an: Hier findet in Form eines kompletten Schuljahresprogramms einmal pro Woche eine Nachmittagsaktivität statt. Dies haben wir ab März komplett auf ein Online-Angebot umgestellt. Wir haben auch den Schülerinnen Bausätze in die Schulen oder nach Hause geliefert, sodass sie damit einen Elektromotor, ein Solarmobil oder eine Kurbeltaschenlampe zuhause mithilfe eines Tutorials zusammenbauen konnten. Anschließend konnten sie anhand einer Hausaufgabe aufzeigen, dass sie sich mit dem Thema beschäftigt haben. Wir haben unsere Mitarbeiter in dieser Zeit also gut beschäftigt! Und alle kamen mit Ideen.

Impuls für außerschulische Lernorte?

Solche Angebote lassen sich aber nur mit den notwendigen Ressourcen stemmen. Die stehen der experimenta zur Verfügung. Aber was ist mit den vielen kleineren außerschulischen Lernorten, müssen die jetzt um ihr Überleben fürchten und ginge damit nicht ein wichtiger Teil des Lernens. verloren?

Thomas Wendt: Es stimmt, wir sind in der glücklichen Lage, durch eine solide und dauerhafte Finanzierung über die Dieter Schwarz Stiftung abgesichert zu sein. Ich kenne andere Einrichtungen, die Jahr für Jahr wieder auf Sponsorensuche gehen müssen - und das ist momentan sehr schwer. Bei der Industrie herrscht gegenwärtig eine deutliche Zurückhaltung. Viele außerschulische Lernorte, die nicht an einer großen Institution angedockt sind, werden jetzt also mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben. Und wenn tatsächlich außerschulische Lernorte in Zukunft ihre Arbeit einstellen oder stark reduzieren müssen, dann fehlen diese Zusatzimpulse, die man im normalen Unterricht nicht findet und die den schulischen Unterricht wunderbar ergänzen und unterstützen. Doch es gibt auch Grund zu der Hoffnung, dass wir in den Jahren nach Corona möglicherweise eine Stärkung der außerschulischen Lernorte erleben.

Woher nehmen Sie diese Hoffnung?

Thomas Wendt: Im Zuge der Schulschließungen hat es ja bereits einen Impuls beim Thema Digitalisierung gegeben. Man hat gemerkt, wo in Deutschland der Schuh drückt und was nachzuholen ist und hat dafür Mittel bereitgestellt. Wir selbst haben bei diesen Digitalangeboten für die Mädchenförderprogramme festgestellt, dass dies an Gymnasien sehr gut gelaufen ist, die Schülerinnen waren gut erreichbar. In Realschulen sah es schon ganz anders aus. Da gab es etliche Schülerinnen, denen zuhause einfach die technischen Möglichkeiten fehlten. Auf einen solchen Impuls wie bei der Digitalisierung hoffe ich auch bei den außerschulischen Lernorten, damit sie tatsächlich gestärkt aus dieser Krise gehen. Denn mittlerweile ist der Politik klar, dass außerschulische Lernorte eine unverzichtbare Ergänzung zur Schule darstellen.

Eine letzte Frage: Wenn nun bald die außerschulischen Lernorte wieder besucht werden dürfen, was empfehlen Sie Lehrkräften, die möglicherweise Bedenken haben?

Thomas Wendt: Ich kann für uns sagen, dass wir alle erdenklichen Hygienemaßnahmen umsetzen, die erforderlich sind. Und damit haben wir bessere Rahmenbedingungen als sie an Schulen machbar sind. Das heißt, ich empfehle den Lehrkräften: Nehmt diese Angebote wahr, entspannt und bereichert euren schulischen Alltag, indem ihr einen außerschulischen Lernort besucht.

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