Schulrecht / 29.08.2019

Kleines Tier - große Gefahr: Dürfen Lehrer Zecken entfernen?

Schulrechtsfall September 2019  

Auf Tages- und Klassenfahrten in freier Natur gibt es ein kleines Tierchen, das große Probleme verursachen kann: Die Zecke. Darf man sie an Schülern entfernen? 

Bild: stock.adobe.com/Corgarashu

Fall:  

Wenn Anna geahnt hätte, in welches Dilemma sie gleich gerät, wäre sie mit ihrer Klasse in der Schule geblieben. Aber da sie ihren Schülern mehr als nur trockenen Unterricht bieten will, hat sie einen Tagesausflug in ein nahegelegenes Naturschutzgebiet geplant. Es ist ein wunderschöner Tag: Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Man wandert durch die Natur, betrachtet Tiere und Pflanzen und macht an einem kleinen See ein ausgiebiges Picknick. Alle sind zufrieden und entspannt.  
Das ändert sich schlagartig, als zunächst nur ein Schüler, dann noch drei andere laut "Iiih!" schreien, auf Anna zulaufen und ihr kleine Tierchen zeigen, die auf Armen und Beinen sitzen. Ameisen sind es nicht, weil sie nicht herumkrabbeln, das haben die Schüler schon selbst festgestellt. Es sind Zecken, wie Anna mit ihrem geschulten Auge gleich erkennt, und zwar der Gemeine Holzbock (Ixodes ricius), der Borreliose oder FSME (Frühsommer- Meningoenzephalitis) übertragen kann.  
In diesem Moment wird ihr voller Entsetzen klar, dass die Eltern für den Ausflug zwar einiges unterschrieben haben, nicht aber die Erlaubnis, bei ihrem Kind eine Zecke zu entfernen.  
Anna weiß, wie heikel es ist, eine Zecke, die sich bereits festgebissen hat, schnell und rückstandslos zu entfernen, ohne dass sie sich dabei entleert. Sie kennt ebenfalls die gefährlichen Krankheiten (s.o), die ein Zeckenbiss übertragen kann. Und zu allem Überfluss fällt ihr in diesem Moment ein, wie ihr Freund Peter Sielje ihr kürzlich erzählt hat, die Entfernung einer Zecke sei ein medizinischer Eingriff und darum selbst dann unzulässig, wenn die Eltern ihre Erlaubnis dazu gegeben haben. Damit ist Annas Verwirrung komplett und sie fragt sich:   
 

Rechtsfrage: 

Darf sie die Zecken entfernen? 

Antwort: 

Nein, nicht ohne Zustimmung der Eltern.

Kommentar: 

Gleich wird es ein wenig kompliziert. Aber Sie lesen diese Kolumne ja nicht, um einfache Antworten auf einfache Fragen zu bekommen. Fangen wir mit dem Gerücht an, das Peter Sielje und andere Lehrkräfte verbreiten: Wer nur eine Minute darüber in Ruhe nachdenkt, merkt schnell, warum es falsch ist. Spielen wir es einmal durch:

Die Lehrkraft entdeckt eine Zecke, die sich festgebissen hat. Da die Eltern wissen, dass eine Zecke so schnell wie möglich entfernt werden sollte, haben sie der Lehrkraft die Erlaubnis gegeben, eine Zecke zu entfernen. Wegen des besagten Gerüchts entfernt die Kollegin die Zecke jedoch nicht, sondern geht mit der gesamten Klasse in den nächsten Ort zu einem Arzt. Das Wartezimmer ist gut gefüllt, so dass es vom Entdecken der Zecke bis zur Entfernung zwei Stunden dauert. In dieser Zeit hat die Zecke sich entleert und die qualvolle Krankheit übertragen. Was werden die Eltern tun? Sie verklagen die Lehrkraft wegen unterlassener Hilfeleistung und fordern zivilrechtlich Schadensersatz. Wenn derjenige, der dieses unverantwortliche Gerücht in die Welt gesetzt hat, jetzt für die Lehrkraft zahlt, dann beruhige ich mich wieder.

Nun kommen wir zu meinem Gespräch mit einem Herrn von der gesetzlichen Unfallversicherung (Nds.), der mir sagte, auch ohne Einwilligung der Eltern dürfe man eine Zecke entfernen. Das stimmt, falls man das Entfernen einer Zecke als eine Maßnahme der lebensrettenden Ersten Hilfe einstuft. Das ist aber nicht so klar, das könnte ein Gericht auch anders sehen. Zudem ist ein Zeckenentferner nur bei leichter Fahrlässigkeit von der Haftung befreit. Ob aber bei unsachgemäßem Vorgehen vielleicht nicht doch grobe Fahrlässigkeit vorliegt, darüber kann man sich ebenfalls juristisch streiten. Also, das wäre mir persönlich zu unsicher. Lassen Sie deshalb die Eltern schriftlich erklären, ob Sie im Notfall bei ihrem Kind eine Zecke entfernen dürfen oder nicht. Und heben Sie diese Erklärung gut auf. Dann sind Sie in jedem Fall auf der sicheren Seite.

Kommen wir nun zu meiner Einschätzung der unterschiedlichen Möglichkeiten, eine Zecke zu entfernen: Ungeeignet ist das Beträufeln der Zecke mit Öl oder anderen Flüssigkeiten.

Der sichere Einsatz einer Zeckenzange erfordert relativ viel Übung - und Entschlossenheit. Wer jedoch die Zange erst einige Male vergeblich ansetzt, bevor er die Zecke sicher im Griff hat, bewirkt dadurch vielleicht, dass sie sich entleert. Auch das manchmal empfohlene vorsichtige Herausdrehen (mit Zeckenzange oder Pinzette) kostet unnötige Zeit und stresst die Zecke, die keine Schraube ist, die sich hineingedreht hat und die man nun langsam wieder herausdrehen müsste.

Einfacher ist die Zeckenkarte bzw. der Zeckenhebel (Zeckenhaken), weil sie die Zecke schneller erfasst. Allerdings braucht man auch dafür ein wenig Übung. Also erst einmal am eigenen Körper testen, sofern Sie nicht die ersten Schüler als Versuchskaninchen nehmen wollen.

Mein persönlicher Favorit ist das kleine handliche Vereisungsspray (mit Zeckenhebel). Das gab es früher ("Tickner") aus der Schweiz, jetzt wird es ähnlich von einer deutschen Firma (Suchbegriff: Vereisungsspray mit Zeckenzange, ca. 8.- €) angeboten. Durch das Vereisen wird die Zecke innerhalb einer Sekunde tiefgefroren. Dann kann man sie mit dem Zeckenhebel herausziehen. Ich habe das System mehrfach erfolgreich ausprobiert. Allerdings sollten Sie die Schüler warnen, dass es gleich kalt wird und es hinterher (aufgrund der Kälte) eine leichte Rötung gibt.

Zum Schluss etwas zur Geografie: Früher fand man die gefährlichen Zecken nur in Südeuropa und in Bayern. Durch die stärkere Erwärmung tauchen sie jetzt auch bei uns im Norden auf, einige sind (bei milden Wintern) sogar ganzjährig aktiv.

Anna ruft die Eltern der betroffenen Schüler an und holt sich (zu ihrer Absicherung per SMS!) die Zustimmung zum Entfernen der Zecke. Am Abend führt sie zu Hause ein ernstes Gespräch mit ihrem Lebensgefährten über Zecken und Gerüchte. Und für den nächsten Ausflug lässt sie sich die Erlaubnis der Eltern vorher schriftlich geben. 

 

Laden Sie sich jetzt gerne den Schulrechtsfall inklusive Rechtsfrage und Kommentar herunter:

„Kleines Tier - große Gefahr: Dürfen Lehrer Zecken entfernen?“ - Schulrechtsfall des Monats September 2019

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