Schule gestalten / 22.06.2018

Interkulturelle Kompetenz in der ganzen Schule verankern

Viele verschiedene Kulturen unter einem Schuldach sind Chance und Herausforderung zugleich.

In vielen Schulen ist es bereits Alltag: Lehrer und noch viel mehr Schüler unterschiedlicher Herkunft, geprägt von verschiedenen kulturellen Normen und Werten, lehren und lernen unter einem Dach. In Deutschklassen für Flüchtlingskinder ist es unerlässlich, mit Vielfalt umgehen zu können.

Bild: stock.adobe.com/jovannig

„Interkulturelle Kompetenz“ ist ein schillernder Begriff. Für Rana Chati-Dia hat er vor allem diese fünf Facetten: Empathie mit den Schülern, ein klares Rollenverständnis als Lehrkraft, die Toleranz von Fremdheit und Anderssein, die offene Kommunikation mit den Schülern und schließlich ein Wissensfundus über verschiedene Kulturen. Die Pädagogin unterrichtet an einem Berufskolleg in Gelsenkirchen, sie führt Weiterbildungen im Bereich der interkulturellen Kompetenz durch und ist im Sprechergremium des Netzwerks von Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte in Nordrhein-Westfalen. Eine breite Vielfalt in den Klassenräumen habe es schon immer gegeben, betont sie. „Sie ist in Zukunft nicht mehr wegzudenken.“ Umso wichtiger sei es, dass die Schulen sie als essenziellen Teil ihrer Schulentwicklung aufnehmen.

Ausprobieren statt Abschreiben

„Interkulturelle Kompetenz“ ist ein schillernder Begriff. Für Rana Chati-Dia hat er vor allem diese fünf Facetten: Empathie mit den Schülern, ein klares Rollenverständnis als Lehrkraft, die Toleranz von Fremdheit und Anderssein, die offene Kommunikation mit den Schülern und schließlich ein Wissensfundus über verschiedene Kulturen. Die Pädagogin unterrichtet an einem Berufskolleg in Gelsenkirchen, sie führt Weiterbildungen im Bereich der interkulturellen Kompetenz durch und ist im Sprechergremium des Netzwerks von Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte in Nordrhein-Westfalen. Eine breite Vielfalt in den Klassenräumen habe es schon immer gegeben, betont sie. „Sie ist in Zukunft nicht mehr wegzudenken.“ Umso wichtiger sei es, dass die Schulen sie als essenziellen Teil In der Praxis gibt es bereits viele erfolgreiche Wege. Das Margaretha-Rothe-Gymnasium ist dafür ein gutes Beispiel. Stefan Mewes ist Lehrer an dem Hamburger Gymnasium und eine der „tragenden Säulen“ des Interkulturellen Kompetenzkurses, den die Schule seit mehreren Jahren anbietet. Für eine Woche kommen die Oberstufenschüler raus aus dem Schulalltag und setzen sich bewusst mit kulturellen Unterschieden und möglichen Konflikten auseinander. „Am Anfang packen alle ihre Schreibblöcke aus und erwarten, dass wir ihnen vorne theoretisches Wissen vermitteln“, sagt Mewes. Dabei geht es in dem Kurs ganz praktisch darum, Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren, praktikable Lösungen zu finden. 

Zum Beispiel, wie es ist, von außen zu einer Gruppe dazuzukommen und erst mal nicht dazuzugehören. Einfach, aber nachdrücklich wird das in einer Art Spiel erprobt: Eine Gruppe von Schülern vereinbart einen Code – etwa Begriffsfelder zu kreuzen und den Schul- mit einem Krankenhauskontext zu tauschen –, den der außenstehende Schüler erraten und knacken muss. Oder Mewes spielt den Betrunkenen, der zufällig von einem Passanten berührt wird, sich aufregt und sich immer mehr in die Aggressivität hochschaukelt. Die Herausforderung an die Schüler: dem in die Enge getriebenen Passanten zu helfen.

Im geschützten Raum für draußen üben
Zwei ganz verschiedene Situationen, die gar nicht direkt mit interkulturellen Konflikten zu tun haben. Im Gegenteil: „Wir meiden bestimmte Kontexte ganz bewusst, etwa konkrete ethnische oder rassistische Konflikte. Weil manche unserer Schüler solche Situationen tatsächlich schon erlebt haben und wir es für kontraproduktiv halten, das hier noch mal durchzuspielen“, sagt Mewes. Trotzdem treffen die im Kurs behandelten Situationen den Kern und machen fit für die Realität: Wie ist es, wenn ein Flüchtlingskind neu in eine fremde Klasse kommt? Was macht man, wenn in der U-Bahn jemand rassistisch angepöbelt und angegriffen wird?

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Kulturelle Vielfalt als gelebter Schulalltag

Dass der 2009 zunächst nur im Rahmen einer Förderung erprobte Kurs sich fest in der Schule etabliert hat, liegt laut Mewes auch daran, dass er eingebettet ist in ein pädagogisches Gesamtkonzept, hinter dem die Schule steht. „Wir haben hier eine sehr bunt strukturierte Schülerschaft und kulturelle Vielfalt ist bei uns einfach gelebte Praxis, auch wenn das jetzt etwas abgedroschen klingt. Das fängt damit an, dass wir konsequent dazwischengehen, wenn Schüler sich rassistisch äußern oder andere diskriminieren. Das wird ganz schnell thematisiert, und darüber sind wir uns im Kollegium auch einig“, sagt Mewes. Und freut sich: „In den höheren Klassen merken wir dann, dass die Schüler das dann unter sich regeln und ein starkes Kontra von den Mitschülern kommt.“ Dazu brauche es aber ein gesundes Selbstbewusstsein. „Und das müssen wir trainieren, von der fünften Klasse an.“ 

Dementsprechend gibt es an dem Hamburger Gymnasium bereits ab Klasse fünf viele Unterrichtsformate, die interkulturelle Kompetenz und Selbstbewusstsein schulen. Ein intensives Kennenlernen zu Beginn gehört ebenso dazu wie entsprechende Lerninhalte in den Fächern Politik, Religion und Deutsch, um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Im Kollegium um Unterstützung werben
Lehrern, die sich an ihrer Schule für mehr interkulturellen Respekt und entsprechende Lerninhalte einsetzen wollen, empfiehlt Mewes, im Kollegium um Unterstützung zu werben. „Die Bereitschaft von Kollegen, da mitzugehen, ist zentral“, sagt er. Denn zum einen koste es viel Zeit und Kraft, selbst Projekte und längerfristig greifende Veränderungen zu initiieren. Zum anderen gebe es auch ganz praktische Argumente – zum Beispiel brauche man auch mal die Hilfe von Kollegen, wenn man wegen Projekttagen oder Ähnlichem eine Vertretung für die sonst ausfallenden Unterrichtsstunden organisieren muss.

Allen die Gewissheit geben, dass sie dazugehören

Rana Chati-Dia hält genau diese breite Unterstützung in Kollegium und Schulleitung für unverzichtbar. Die Idee, man könne interkulturelle Kompetenz in der Schule mit ein paar Projekttagen abhaken oder an ein oder zwei Lehrer delegieren, die sich dann darum kümmern sollen, regt die Pädagogin immer wieder auf. „Man kann punktuell zwar einiges erreichen, aber interkulturelle Kompetenz muss im Schulverständnis und in der Schulentwicklung fest verankert sein, um wirklich etwas zu verändern und um allen Beteiligten vom Hausmeister bis zu den Eltern die Gewissheit zu geben dazuzugehören“, sagt sie. 

Gegen Pauschalisierungen angehen
Und wenn es im Unterricht doch einmal knallt, wenn religiöse oder politische Konflikte vor dem Klassenraum nicht haltmachen? Rana Chati-Dia hält sich dann klar an die Devise: schnell von der emotionalen auf die sachliche Ebene wechseln. Wenn es um „die Schiiten“ oder „die Muslime“ gehe, dann frage sie sofort: „Wer sind die?“ Denn: „Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede sind ja nichts Schlechtes. Aber die Diskussionen müssen Hand und Fuß haben.“

Interview mit dem Schulpsychologen Klaus Seifried 

Kulturelle Unterschiede bereichern den Schulalltag, schaffen aber auch Probleme. Umso wichtiger ist es, dass Lehrer darauf angemessene pädagogische Antworten finden. Wir sprechen darüber mit Klaus Seifried. Der Lehrer und Diplom-Psychologe leitet das Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungszentrum im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg.

Warum ist es so wichtig, den Umgang mit kultureller Vielfalt im Schulalltag zu trainieren? 
Seifried: Kulturelle Vielfalt kann eine Bereicherung sein, aber im schulischen Alltag auch viele pädagogische Probleme verursachen. Wir erleben es in Schulklassen immer wieder, dass sich Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturkreisen und mit verschiedenen Religionen gegenseitig beschimpfen und Konflikte austragen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die moralischen und kulturellen Werte, die wir in Deutschland haben, deutlich machen: Wir dulden keine Gewalt und keinen Streit in der Schule. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. 
 

Welche pädagogischen Anforderungen stellt das an die Lehrkräfte?
Seifried: Kulturelle Unterschiede erfordern flexible, unterschiedliche pädagogische Reaktionen seitens der Lehrkräfte. Einige Beispiele: Einem arabischen Jungen, der die Autorität einer Lehrerin nicht anerkennt, müssen klare Grenzen gesetzt werden. Ebenso einem Jungen, der Mädchen aggressiv begrapscht. Ganz anders ist es bei einem Mädchen, das nur mit gesenktem Blick und sehr leise mit seinen Lehrern spricht, weil es ein solches Verhalten gegenüber Autoritäten gelernt hat. Hier muss man sehr sensibel vorgehen und das Selbstbewusstsein des Mädchens stärken. 
 

Welche Methoden erweisen sich dabei als wirkungsvoll?
Seifried: Um interkulturelle Kompetenz zu vermitteln, ist es am besten und wirkungsvollsten, wenn Lehrkräfte als Vorbilder agieren und Werte vorleben: Die selbstbewusste, gut ausgebildete Lehrerin zeigt ein neues Frauenbild. Der freundliche, zugewandte Lehrer zeigt klare Autorität auch ohne Schläge. Ebenso hat es sich bewährt, wenn Kinder aus geflüchteten Familien so schnell wie möglich mit anderen Schülern zusammen Zeit verbringen, etwa beim Mittagessen oder beim Sport, um sie auch möglichst schnell in Regelklassen integrieren zu können. Auch Schülerpatenschaften sind eine gute Sache. 

Worauf kommt es in der Elternarbeit an?
Seifried: Die Elternarbeit ist sehr wichtig. Schulen brauchen die Unterstützung der Eltern. Die Schulen müssen klare Positionen beziehen, zum Beispiel dazu, dass in Deutschland Kinder nicht geschlagen werden und Gewalt gegen Kinder unter Strafe steht. 

Was braucht es, um die Lehrer besser zu unterstützen?
Seifried: Für die Lehrkräfte müssen mehr Möglichkeiten zur Beratung und Supervision angeboten werden, doch ein Schulpsychologe hat in Berlin zehn Schulen oder 5.000 Schüler zu versorgen. Auch die Teamarbeit muss gestärkt werden, damit sich die Lehrkräfte in Netzwerken gegenseitig unterstützen.

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