Schulrecht / 29.10.2018

So, du bleibst im Klassenraum!

Schulrechtsfall November

Vor allem an Grundschulen werden störende Schüler gerne mit einem sog. „Pausenverbot“ belegt. Ist das zulässig?

Bild: Fotolia/Corgarashu

Der Fall

Damit die heutige Kolumne ihre größte Realitätsnähe bekommt, wird unsere sympathische Kollegin Anna Nass von mir kurzerhand mit der Hälfte ihrer Stunden an eine Grundschule abgeordnet. Das passt ihr zwar nicht, weil sie jetzt zwischen zwei Arbeitsstätten pendeln muss, aber als brave Beamtin fügt sie sich in ihr Schicksal. Und nach einiger Zeit gefällt es ihr sogar, wenn die „Kurzen“ sie am Montagmorgen bestürmen und ihr erzählen wollen, was sich am Wochenende alles ereignet hat. Sie erfährt von Kaninchen, Meerschweinchen und jungen Hunden, von Besuchen in Zirkussen oder Freizeitparks und von Filmen, die für diese Altersgruppe noch lange nicht vorgesehen sind.

So angenehm solche Gespräche sind, so unangenehm ist es, wenn einige Schüler immer wieder den Unterricht erheblich stören. Sie sind völlig überdreht und können keine 5 Minuten ruhig sitzen. Ständig suchen sie nach Aufmerksamkeit, die sie zu Hause nicht bekommen. Sie laufen herum, rufen irgendetwas in den Raum, werfen Dinge herunter oder schubsen und schlagen Mitschüler. Anna weiß nicht so recht, wie sie an der Grundschule mit solchem Verhalten umgehen soll und fragt in der großen Pause ihre neuen Kolleginnen. Wie aus einem Munde antworten diese: „Pausenverbot. Du sollst mal sehen, das wirkt.“ Als Anna ratlos in die Runde schaut, erklärt man ihr das System: Die störenden Schüler dürfen in der großen Pause nicht mit den anderen auf dem Pausenhof herumtoben, sondern müssen stattdessen alleine im Klassenraum bleiben und etwas abschreiben oder eine Aufgabe lösen. Anna wirkt nach dieser Erklärung jedoch weiterhin verunsichert, weil sie sich fragt…

Rechtsfrage:

Ist ein solches Pausenverbot eigentlich zulässig? 

Antwort:

Nein, in dieser Form geht es nicht.  

Kommentar:

Ich verstehe die Kolleginnen an den Grundschulen und beneide sie nicht um ihren anstrengenden Job, der von Jahr zu Jahr deutlich schwieriger wird. Wenn Sie als Lehrkraft mit diesem Verfahren des Pausenverbots gute Erfolge erzielen, dann bleiben Sie ruhig dabei, solange sich niemand darüber beschwert. Ich verpetze Sie nicht. Falls jedoch kritische Eltern kritisch nachfragen, sollten Sie die Rechtslage kennen.

In vielen Bereichen werden Schüler rechtlich wie jugendliche Arbeitnehmer behandelt. Das gilt nicht nur für Unfälle auf dem Weg zur Schule (Arbeitsstätte) oder das Einnehmen der Mittagsverpflegung außerhalb der Schule, sondern ebenfalls für die Pausenzeiten. Denn diese sind gesetzlich geregelt und somit auch für die Schule bindend. Wenn man die Volljährigen an Berufsschulen und gymnasialen Oberstufen einmal ausklammert, dann greift für die Mehrheit der Schüler das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG), das in Zeitstunden (nicht Unterrichtsstunden!) rechnet. Es schreibt vor: Bei einer Arbeitszeit von bis zu 6 Stunden (das wären 8 Unterrichtsstunden) sind mindestens 30 Minuten Pause zu gewähren. Und eine „Pause“ - im Sinne des JArbSchG - muss mindestens 15 Minuten betragen.

Was bedeutet das nun für ein Pausenverbot in der Schule? Es ist unzulässig, einen Schüler während der gesamten großen Pause eine Aufgabe bearbeiten zu lassen. Bei Jugendlichen (ab 14 Jahre) könnten große Pausen durchaus so weit verkürzt werden, dass nur noch die gesetzlich geforderte Mindestzeit von 15 Minuten als Pause übrig bleibt. Bei Grundschülern (Kindern), die eine längere Erholung benötigen, darf diese Regenerationsphase jedoch nicht gekürzt werden. Es ist folglich nicht erlaubt, einem Schüler die Pause zu nehmen, aber man kann sie bei älteren Schülern etwas kürzen. Und was auf jeden Fall erlaubt ist: Man darf die Pause räumlich verlagern. Deshalb ist es zulässig, einen störenden Schüler in der Pause von den anderen zu isolieren, damit er diese nicht mehr stört und (pädagogische Fürsorge!) selbst zur Ruhe kommt. Man kann ihm deshalb den Klassenraum als Pausenraum zuweisen, in dem er (beaufsichtigt!) alleine sitzt. Natürlich hat der Schüler das Recht, in seiner Pause auf die Toilette zu gehen. Essen, trinken und entspannen kann er sich jedoch genauso gut im Klassenraum.

Mit dieser Auskunft kann Anna sehr gut leben. Und in der nächsten Dienstbesprechung  schlägt sie ihren Kolleginnen vor, in Zukunft nicht mehr von einem (unzulässigen) Pausenverbot, sondern von einer (zulässigen) Pausenverlagerung zu sprechen.

      

Fortbildungstipp

Schulrecht für die Praxis
Kaum ein Lehrer wird praxisbezogen in sein Berufsrecht eingewiesen. Trotzdem müssen täglich wichtige Entscheidungen gefällt werden, die von außen schulrechtlich überprüft werden können. Der damit verbundenen Unsicherheit tritt die Fortbildung entgegen.

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