Selbstkompetenz / Gesundheit / 22.06.2018

Besser unterrichten mit starker Stimme

Stimmtraining hilft Lehrern und Schülern beim Sprechen und Gesundbleiben.

Lehrer haben vor allem eine Aufgabe: ihren Schülern den Stoff so gut es geht zu vermitteln. Dabei kommt eines der effektivsten Instrumente oft zu kurz – die eigene Stimme. Um Schüler zu fesseln, zu beruhigen, zu motivieren und zu besänftigen ist eine starke Stimme Gold wert. Sie zu trainieren ist leichter, als viele denken.

Bild: Shutterstock.com/F8 studio

Sie kann Schüler in den Bann ziehen, eine aufgedrehte Klasse endlich zur Ruhe kommen lassen und den Schüchternen wunderbare Wortmeldungen entlocken. Wenn man sie richtig einsetzt. Die Stimme ist für Lehrer eines ihrer wertvollsten Werkzeuge – und zugleich wird sie oft grob vernachlässigt. „Lehrer müssen schwierige Inhalte verständlich machen, sie müssen sich durchsetzen und rund 30 Berufsjahre gut und entspannt mit ihrer Stimme arbeiten. Das sind hohe Anforderungen“, sagt Daniela Laengenfelder. Sie ist Logopädin und Trainerin für Stimme und Präsenz, auch an der Cornelsen Akademie.

Wie man die Stimme trainiert, wie man den ganzen Körper geschickt einsetzt, um präsent zu sein – und wie man mit Übungen, die Spaß machen, dorthin kommt, das ist Laengenfelders Leidenschaft. Ein Naturtalent muss man dafür nicht sein. Im Gegenteil. Wenn man von Natur aus eine dünne oder zerbrechliche Stimme mitbringt, wenn man ungern laut wird oder schnell heiser, kann man sich schon ziemlich rasch über Fortschritte freuen. Es gibt viele Übungen, die helfen. „Wer zuvor nie seine Stimme bewusst wahrgenommen und trainiert hat, hat viele Möglichkeiten, sie zu stärken“, sagt Laengenfelder.

Die Schüler mit an Bord holen

Eine starke Stimme zu haben und gut zu sprechen, ist aber nicht nur ein Thema für Lehrer. Schüler, die sich stimmlich nicht durchsetzen können, die vielleicht unter einem Sprachfehler leiden oder denen schlicht bei Aufregung die Stimme versagt, können ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen und werden leicht das Ziel von Mobbing. Manches Mal ist ein Logopäde gefragt, der Schülern mit einer Therapie außerhalb des Klassenraums am besten helfen kann. Doch auch als Lehrer kann man die Kinder und Jugendlichen spielerisch dabei unterstützen, ihre Stimme zu kräftigen, präsenter zu sein, und darüber auch ihr Selbstvertrauen und ihre Konzentration stärken. 

„Schüler sind oft ebenso gestresst wie Erwachsene, viele stehen in der Schule unter enormem Leistungsdruck“, beobachtet die Logopädin und Stimmtrainerin. „In meiner Praxis sitzen Schüler vor mir mit dunklen Ringen unter den Augen, die mit Themen zu kämpfen haben, die eigentlich erst 30-Jährige haben sollten.“ Übungen für Stimme und eine starke Präsenz gemeinsam mit den Schülern zu machen und sie im Unterricht oder sogar vor Prüfungen zu einem Ritual werden zu lassen, hilft also allen. Laengenfelder kennt viele passende Übungen: angefangen beim Massieren der Ohren von außen nach innen für eine bessere Konzentration und Präsenz bis hin zum Sprechen mit einem Korken im Mund, das alle Sinne schult und auch das Lesenlernen unterstützt.

In der Ausbildung alle Chancen auf ein Stimmtraining nutzen

„Leider ist die Stimmbildung trotz ihrer positiven Effekte noch nicht überall fester Teil der Lehrerausbildung“, bedauert Daniela Laengenfelder. „Dabei ist die Stimme das Handwerkszeug für die Pädagogen.“ Doch es gibt einige erfolgreiche Beispiele, wie Stimmtraining schon in die Ausbildung integriert werden kann. So absolvieren etwa Lehramtsstudenten an der Universität Leipzig ein solches Training. Auch an der Universität Münster kommen Lehramtsstudierende mindestens einmal in den Genuss eines Seminars zu Stimmausbildung und Sprechausdruck – wenn sie das Angebot annehmen.

Eine gute Stimme stärkt auch die Psyche

Nicht nur die Schüler profitieren von einer starken Stimme ihres Lehrers. Auch die Pädagogen selbst haben viel davon. Was genau, das wollten Wissenschaftler des Freiburger Instituts für Musikermedizin wissen und haben ein umfangreiches Forschungsprojekt zur Stimmbildung mit Lehramtsstudierenden durchgeführt. Die angehenden Pädagogen, die an der Studie teilnahmen und so in den vollen Genuss eines Stimmtrainings kamen, hätten davon auch in ihrem psychischen Befinden profitiert. Wer mit der Stimme gut umgehen könne und sich mit ihr wohlfühle, der gehöre zum Typ Lehrer mit guten Voraussetzungen, auch psychisch gesund zu bleiben, fasste Claudia Spahn, Fachärztin und Leiterin des Freiburger Instituts, eines der Studienergebnisse zusammen. 

Wie wichtig die Psyche für unsere Stimme und Präsenz ist, weiß auch Siegrun Lemke, Diplomsprechwissenschaftlerin an der Universität Leipzig. „Stimme und Stimmung hat nicht umsonst den gleichen Wortstamm. Unsere Stimmung, unsere Befindlichkeit beeinflusst natürlich auch unseren Stimmklang“, sagte sie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Freiburger Stimmtrainer Christian Erhard bringt es treffend auf den Punkt: „Die beste Voraussetzung für eine gute Stimme ist die gute Stimmung.“

6 Tipps, die Ihrer Stimme guttun

1. Lernen Sie, Ihren Atem zu lieben
Atmen Sie bewusst, tief und langsam. Wer kurz, flach und hektisch atmet, der spricht automatisch höher, leiser und fahriger. In Yoga- und Meditationskursen lernen Sie viele Atemübungen kennen, aber auch einige ruhige und tiefe Atemzüge mitten im Schulalltag sind eine Wohltat für Ihre Stimme und Ihre Präsenz.

2. Spüren Sie Ihre Füße
Nehmen Sie bewusst Ihre Füße wahr – wenn Sie einfach nur ruhig stehen, wenn Sie sie bewusst abrollen, beim langsamen Gehen oder bei einer kurzen Massage. Ihre Füße sind der Anker für Ihre Präsenz und Ihre Stimme. Sich das zwischendurch bewusst zu machen, auch in einer kurzen Ruhephase im Unterricht oder während der Pause, bewirkt viel.

3. Pusten Sie kräftig
Pusten Sie viele Kerzen aus – in Ihrer Fantasie. Diese Übung lockert die Lippen und das Zwerchfell, wie Sie im Körper spüren können. Beides brauchen Sie für eine starke Stimme.

4. Vermeiden Sie das Räuspern
Meist merkt man es ja gar nicht, aber das Räuspern schleicht sich ein, um eine Gedankenlücke zu überspielen, Nervosität rauszulassen oder weil es schon zur Gewohnheit geworden ist. Ihren Stimmbändern tut es nicht gut, vielmehr wirkt es wie ein Reibeisen.

5. Bleiben Sie durchlässig
Ein steifer Körper wird keine schöne, kräftige Stimme hervorbringen. Mit durchgedrückten Knien, mit einem steifen Becken und angespanntem Kiefer spricht es sich einfach nicht gut. Daniela Laengenfelder nutzt gern das Bild eines „durchlässigen“ Körpers. Auch wenn Sie vor der Klasse stehen: Ändern Sie Ihre Position, gehen Sie, setzen Sie sich hin, lehnen Sie sich ans Fenster … Es gibt viele Möglichkeiten, um sachte in Bewegung zu sein und so Verkrampfungen vorzubeugen.

6. Seien Sie nicht zu perfekt
Viele Lehrer wollen perfekt sein und die Dinge systematisch und gründlich angehen. Wenn Sie Ihre Stimme und Präsenz stärken wollen, fangen Sie einfach damit an. Mit einer kleinen Übung, indem Sie einfach etwas ausprobieren. Es ist viel wertvoller, Übungen zu finden, die Ihnen Freude machen und die Sie leicht in Ihren Schulalltag integrieren können, als systematisch ein Programm zu absolvieren. Holen Sie sich viele Ideen, nutzen Sie Gelegenheiten, etwas Neues auszuprobieren, und finden Sie so heraus, was Ihnen persönlich guttut.

Fortbildungstipps

Stimmlich fit für den Unterricht
Als Lehrende sind Sie stimmlich besonders gefordert. Im 45-Minuten-Takt erklären und beschreiben Sie, stellen oder beantworten Sie Fragen. Die Stimme ist dabei Ihr wichtigstes Präsentationsinstrument und das jeden Tag! Damit dies noch lange währt, bedarf es einer gesunden und funktionstüchtigen Stimme. 
 

Durch bewusste Praxis zu mehr Präsenz
Sie sprechen und präsentieren tagtäglich vor Ihren SchülerInnen und haben Strategien und Routine entwickelt, souverän aufzutreten und Ihre Inhalte zu vermitteln. Dennoch bleiben immer wieder Fragen offen oder stellen sich neu: Wie wirke ich? Was tue ich unbewusst? Wie schaffe ich ein gutes Klima vor der Klasse? 
 

Stimmtraining für Pädagogen – Basisseminar
Die gesprochenen Worte sind erstaunlicherweise nur zu sieben Prozent an der Informationsübermittlung beteiligt. Viel mehr verrät neben der Körpersprache unsere Stimme. Sie übermittelt unsere Gedanken, Gefühle und Absichten, d.h., auch Belastungsmomente spiegeln sich in ihr wider. 
 

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