Schule gestalten / 03.08.2020

Einschulung, Anfangsunterricht und Lerninhalte in Zeiten von Corona

„Die Grundschulen möchten die Kinder auch in diesem Jahr feierlich empfangen“

In einigen Bundesländern gehen die Sommerferien bereits zu Ende und für viele Kinder nähert sich ihr großer Tag: die Einschulung. Wie wird dieses Ereignis in diesem Jahr gestaltet? Gibt es Vorgaben, Richtlinien oder gute Ideen von Grundschulen? Und werden die Erstklässler ganz normalen Unterricht erleben? Darüber und über ihre Erwartungen an die Politik haben wir mit der Vorsitzenden des Grundschulverbands, Maresi Lassek, gesprochen.

Bild: Shutterstock.com/CorinnaL

Interview mit Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbands

Frau Lassek, wie sind die Grundschulen auf die Einschulung 2020 vorbereitet?

Maresi Lassek: Die Grundschulen möchten die Kinder auch in diesem Jahr feierlich empfangen und ihnen einen besonderen Tag bereiten. Ohne Frage wird dies unter Einschränkungen geschehen. Wir haben bislang Rückmeldungen aus elf Bundesländern über Vorgaben, Empfehlungen und auch über Pläne von Grundschulen. Dabei gibt es Gemeinsamkeiten: In allen Bundesländern soll und kann es Einschulungsfeiern geben. Deren Bedeutung als Familienfest hat sich in den letzten Jahren erhöht. Die Bundesländer legen viel Freiraum bei den Gestaltungsmöglichkeiten in die Hand der Schulen, was positiv ist, weil die Standorte auch sehr unterschiedlich sind, allein was die räumlichen Bedingungen und die Schülerzahlen angeht. Es gibt unterschiedliche Optionen: Eine größere Feier, Einschulung im Klassenverband oder eine Art Kohorten-Prinzip, bei dem man zum Beispiel zwei Klassen zusammenfasst. Es soll, wo immer es geht, im Freien gefeiert werden, um bestimmten Risiken aus dem Weg zu gehen.

Keine großen Bühnenprogramme

Wurden verbindliche Verhaltensregeln für Kinder und Eltern aufgestellt?

Maresi Lassek: Es wird überwiegend empfohlen, den Schulanfänger*innen feste Sitzplätze zuzuweisen, aber auf Mund-Nasenschutz und Abstandsregelungen zu verzichten. Die Erwachsenen müssen sich allerdings an diese Hygienevorschriften halten, auch die Lehrkräfte. Teilweise soll dokumentiert werden, wer bei der Veranstaltung anwesend war. Ziemlich durchgängig ist die Vorgabe, dass pro Kind nur die Eltern bzw. die Sorgeberechtigten teilnehmen dürfen. Ich weiß, dass dies im Vorfeld bei Eltern Bedauern oder auch Ärgernis hervorgerufen hat, weil für sie das Familienfest im Vordergrund steht. Einzelne Bundesländer weisen deshalb gezielt darauf hin, dass die Familie im Anschluss zu Hause feiern kann, da in diesem Jahr die Sicherheit vorgehen muss.

Gibt es auch Vorschriften für die Programmgestaltung?      

Maresi Lassek: Auch die Programmgestaltung wird sich in diesem Jahr von dem gewohnten Ablauf unterscheiden. Es wird keine großen Programme geben. Das, was Tradition ist, nämlich Bühnenprogramme, bei denen die älteren Kinder ein Theaterstück aufführen oder etwas vorsingen, wird es so nicht geben. Dazu muss man sagen: Es gab für die Kinder auch keine Vorbereitungsphase in der Zeit vor den Ferien. Das gemeinsame Singen mit den Schulanfängerkindern – ebenfalls Tradition bei den Einschulungsfeiern – ist nicht erlaubt. Ansonsten gelten die Hygienekonzepte der Schulen, etwa, dass die Laufwege weiterhin als Einbahnwege gekennzeichnet werden.

Keine Bühnenprogramme, kein Singen – wie werden die Feiern aussehen?

Maresi Lassek: Für die Programme haben Schulen Ideen entwickelt. So habe ich beispielsweise gehört, dass die älteren Kinder für die neuen Schülerinnen und Schüler Videoclips zur Begrüßung vorbereitet haben. Manche Schulen berichten auch, dass die Klassenlehrerinnen auf einem großen Platz die Schultüten austeilen wollen.

Der Gesundheitsschutz sollte überall gleich gute Bedingungen bieten

Sind Sie mit diesen Vorgaben und Empfehlungen zufrieden?

Maresi Lassek: Wie gesagt, wir begrüßen es, dass die Grundschulen viel Gestaltungsfreiheit für die Einschulung bekommen. Womit wir uns aber als Verband nicht gut arrangieren können, ist – sowohl bezogen auf die Einschulung, als auch darauf, wie es nach der Einschulung weitergehen soll – dass keine grundlegenden, bundesweit einheitlichen Regelungen getroffen wurden. Es gibt  keine bundesweit einheitliche Richtlinie, wie mit Risikokindern oder -personal umgegangen werden soll. In Baden-Württemberg zum Beispiel soll es keine Attestpflicht für Kinder mit eigenem Risiko oder Risiken in der Familie geben. Die Teilnahme am Präsenzunterricht liegt in der Entscheidung der Eltern. Andere Bundesländer - wie Berlin und das Saarland - verlangen hingegen ein Attest.

Aber Schule ist nun mal Ländersache.

Maresi Lassek: Wir meinen, der Gesundheitsschutz sollte überall gleich gute Bedingungen bieten. In einer Situation, in der man eigentlich erwarten muss, dass die Kultusminister, die Bundesbildungsministerin, die Landesgesundheitsminister und der Bundesgesundheitsminister Absprachen für Standards in allen Bundesländern treffen, zeigt sich ein Flickenteppich Die Länderhoheit spielt in der Schulpolitik eine große Rolle, aber, dass es nicht gelungen ist zu sagen, wir müssen gemeinsam bestimmte Standards festlegen, auf denen dann länderspezifische Regelungen und Lösungen aufsetzen können, ist beschämend. Das gleiche gilt für übergreifende Notfallpläne, die das Handeln der Schulleitungen unterstützen würden. Nur Bayern hat dazu kurz vor Ferienbeginn Regelungen getroffen.

Es gab viele kreative Lösungen

Nach der Einschulung kommt der Unterricht für die Erstklässler. Wahrscheinlich, denn niemand kann wohl sagen, ob der Präsenzunterricht wieder Standard wird. Falls nicht, wie werden diese Kinder lernen?

Maresi Lassek: Die neuen Erstklässler*innen würden ohne Präsenzunterricht einen sehr erschwerten Schulstart erleben, denn das, was im ersten Halbjahr Vorrang hat wie das Lernen zu organisieren, Aufgabenstellungen zu erkennen, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu entwickeln könnte nicht stattfinden. Seit März sind zwar auch die Kinder, die erst ein halbes Jahr in der Schule waren oder Zweitklässler unter den besonderen Bedingungen mit Aufgaben und Lernanregungen versorgt worden. Um dies zu organisieren, mussten die Grundschulen kreativ werden. Als hilfreich hat sich erwiesen, dass in vielen Schulen Kinder nach Tages- und Wochenplänen selbstständig arbeiten und lernen. Das haben die Lehrkräfte auf das selbstständige Lernen der Kinder zu Hause übertragen. Trotzdem benötigen die jungen Schulkinder mehr Unterstützung, weil sie eben noch nicht so selbstständig sind und Aufgaben noch kaum einer schriftlichen Anweisung entnehmen können. Einiges lässt sich zwar über Piktogramme vermitteln, aber das hat Grenzen. Auch in den Grundschulen haben Lehrkräfte Aufgaben mancherorts digital verteilt oder per Videokonferenz eine Besprechung mit der Klasse organisiert, aber auch dabei bestehen für die Anfangsklassen andere Voraussetzungen. Zudem funktioniert der digitale Weg nicht, wenn in der Familie kein Drucker vorhanden ist und Internetzugang oder Endgerät fehlen. Dann wurden die Aufgaben nach Hause gebracht und wieder abgeholt. Es gab auch vielerorts das Verfahren „Offenes Fenster“. Die Kinder konnten zu einer festgelegten Zeit in die Schule kommen und am Fenster oder mit Abstand von den Lehrkräften Aufgaben holen beziehungsweise Erledigtes abgeben. Es gab viele kreative Lösungen. So wurden, um Kontakt zu halten, Telefon- oder Videozeiten eingerichtet, bei denen die Kinder mit ihrer Lehrerin sprechen konnten. Der Zeitaufwand für die Lehrkräfte war groß.

Diese Altersgruppe braucht mehr Präsenzunterricht

Das heißt, auch die neuen Erstklässler müssen möglicherweise mit verschiedenen Lernszenarien rechnen?

Maresi Lassek: Hier müssen die Ministerien im Fall von erneuten Einschränkungen einen Schwerpunkt setzen und Schulanfänger*innen beziehungsweise der Eingangsstufe Vorrang geben. Diese Altersgruppe braucht mehr Präsenzunterricht, ebenso wie Kinder aus benachteiligten Lebenssituationen. Dazu kommt: Wir wissen, dass die digitale Ausstattung dürftig ist und es außerdem wenige grundschulgerechte Medienkonzepte gibt. Wenn Politik jetzt nur die fehlende Ausstattung im Blick hat, ist das ärgerlich, denn mit Geräten allein ist es nicht getan. Es ist versäumt worden, für die Grundschule Medienkonzepte zu entwickeln: Was brauchen so junge Kinder, was ist sinnvoll und welche Bedeutung müssen wir gerade bei den Grundschulkindern auf Medienschutz legen? Das Problem wird jetzt so ein bisschen den Schulen zugeschoben mit dem Tenor „Ihr habt euch nicht bemüht“. Das ist nicht in Ordnung. Wir verlangen außerdem mehr Ehrlichkeit. Wenn wieder in der Schule mit voller Stundenzahl unterrichtet werden soll, dann muss auch klar gesagt werden, welche Risiken bestehen und, dass es unter Umständen doch wieder zu Einschränkungen kommen wird.

Als Grundschulverband geht es Ihnen auch um die Lerninhalte, die – insbesondere bei weiteren Pandemiemaßnahmen – wohl gestutzt werden müssen. Wie könnte das aussehen?

Maresi Lassek: Pandemiebedingte Lernlücken wird es geben, darum braucht es eine Verständigung darüber, was im nun folgenden Schuljahr nachgeholt werden sollte. Notwendig wäre, dass die Bundesländer dahingehend die Curricula prüfen und herausarbeiten, welche Schwerpunkte für das kommende Jahr bedeutsam sind und welche Inhalte in ihrer Bedeutung etwas geringer gehalten werden können.

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