Gesprächsführung / 22.06.2018

Ideen gegen Diskriminierung

Fair@school - der Cornelsen Verlag und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes prämieren vorbildliche Projekte.

Diskriminierung hat viele Facetten. Kinder mit Lernschwierigkeiten oder schlechten Deutschkenntnissen haben es nicht immer leicht in ihrer Klasse, Mobbing ist an vielen Schulen ein Problem, und Mitschülerinnen, die ein Kopftuch tragen, werden schräg angeschaut. Erstmals werden nun mit dem Wettbewerb „Fair@school“ Schulprojekte prämiert, die sich für mehr Fairness engagieren. Schüler und Lehrer, die sich mit kreativen Ideen gegen Diskriminierung einsetzen, sollen gestärkt werden.

Bild: Fotolia/pressmaster

Vorbildliche Projekte in die Öffentlichkeit rücken

Viele Lehrer und Schüler tun etwas für mehr Fairness im Schulalltag. Schüler engagieren sich gegen Rassismus und für Vielfalt. In Schulprojekten wird interkulturelle Kompetenz trainiert, Schüler setzen sich gegen Homophobie ein und in inklusiven Klassen lernen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam. Um vorbildliche Projekte für Fairness in der Schule stärker in die Öffentlichkeit zu rücken, haben die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Cornelsen Verlag und das Zentrum für Bildungsintegration. Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften (ZBI) an der Stiftung Universität Hildesheim einen neuen Wettbewerb geschaffen: „Fair@school“. Gesucht werden kreative und innovative Schulprojekte, die einen Beitrag zu Antidiskriminierung, Interkulturalität, Inklusion, Religionsvielfalt oder Diversität in der Schule leisten. 

Dabei ist der Rahmen bewusst weit gesteckt: Eingereicht werden können Konzepte für einzelne Unterrichtsstunden oder Projektwochen, selbst entwickelte Unterrichtsmaterialien oder Schülerzeitungen zu diesem Thema. Aber auch neue Ideen für die ganze Schule können eingeschickt werden, etwa wenn ein Beschwerdeverfahren etabliert wurde.

Vielfalt und Chancengerechtigkeit stärken

2015 hat die Antidiskriminierungsstelle eine Repräsentativbefragung zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland durchgeführt. Rund 24 Prozent der Befragten hätten dabei angegeben, in den vergangenen zwei Jahren Diskriminierungen im Bildungsbereich erlebt zu haben. „Das ist eine alarmierende Zahl“, sagt Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. „Ziel des Wettbewerbs ist es, dem etwas entgegenzusetzen, Diskriminierung zu verhindern und Vielfalt und Chancengerechtigkeit an Schulen zu stärken.“

Das Recht auf einen fairen Schulalltag

Mit dem Wettbewerb wollen die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der Cornelsen Verlag vorbildhafte Schulprojekte auszeichnen, die sich gegen Diskriminierung und für Vielfalt im Schulalltag einsetzen. Ausgezeichnet werden zudem Projekte, die leicht übertragbar sind und so an anderen Schulen übernommen werden können. „Damit wollen wir das Recht auf einen fairen Schulalltag und auf diskriminierungsfreie Bildung weiter stärken“, sagt Christine Lüders. „Und wir wollen zeigen, wie viele gute Beispiele es schon gibt, wie viel Engagement für Vielfalt schon an Schulen stattfindet – oft unbemerkt von der Öffentlichkeit.“
Mehr Informationen zum Wettbewerb ist hier www.fair-at-school.de zu finden.

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Interview "Gebt den Schülern Verantwortung" mit Heike Vogelsang, Sozialpädagogin

Die Sozialpädagogin Heike Vogelsang trainiert, wie Klassengemeinschaften zusammenhalten, Konflikte ohne Fäuste gelöst werden und wie man miteinander Klartext redet. Und sie übt mit Schülern, sich fair und gemeinschaftlich zu verhalten. Worauf es dabei ankommt, fragen wir sie im Interview.

Sie trainieren seit gut zehn Jahren Kinder und Jugendliche darin, in ihrer Klasse fair miteinander umzugehen. Ich stelle mir das ähnlich vor wie die Teambildung in einer Sportmannschaft oder Teamtrainings für Manager. Gibt es da Gemeinsamkeiten? 

Heike Vogelsang: Ja, wir machen tatsächlich ähnliche Übungen. Aber die Zielgruppe ist natürlich eine ganz andere. Aber auch in meinen Trainings geht es darum, wirklich miteinander in Kontakt zu kommen, miteinander zu reden und verlässliche Absprachen zu treffen. Dafür machen wir viele praktische Übungen, an die sich eine ausgiebige Phasen der Reflexion anschließen. Dabei ist mir ganz wichtig, dass die Übungen an die alltäglichen Erlebnisse in der Schule anknüpfen, denn umso stärker sind die Schüler auch emotional dabei und umso besser gelingt es ihnen, das Erlernte in den schulischen Alltag mitzunehmen. 

Wie sieht so eine praktische Übung aus? 

Heike Vogelsang: Zum Beispiel lege ich ein Seil auf den Boden und fordere die Schüler auf, sich in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Vornamen auf dem Seil zu sortieren, wobei immer ein Fuß das Seil berühren muss. Verliert auch nur ein Kind einen kurzen Moment Kontakt mit dem Seil müssen auch alle anderen wieder runter und alles geht von vorne los. Das ist schwierig und geht nicht ohne Absprachen, Hilfestellung und Rücksicht. Und wenn Max nicht mehr auf dem Seil steht – ein Beispiel – und alle anderen rufen: „Schon wieder der Max, immer tanzt der aus der Reihe!“, dann hake ich ein. Das sind keine Störungen, sondern fruchtbare Momente. Dann sprechen wir darüber, wie Max und seine Mitschüler ähnliche Situationen im Schulalltag erleben. Hier kommt es mir wie in allen Übungen vor allem darauf an, dass die Schüler miteinander reden und sich dabei respektieren. 

Nicht übereinander, sondern miteinander zu reden, das ist ein Kernpunkt Ihrer Trainings. Was ist für Sie generell der Schlüssel zu fairem Verhalten im Klassenzimmer, auf welche Punkte kommt es besonders an? 

Heike Vogelsang: Es ist von ganz großem Wert, respektvoll und direkt miteinander zu sprechen. Gerade für einen Schüler, der ausgegrenzt oder diskriminiert wird, macht es einen großen Unterschied, wenn nicht mehr über ihn, sondern mit ihm gesprochen wird. Mir ist es wichtig, den Schülern die Verantwortung für ein gutes Klassenklima in die Hand zu geben: Es ist ihre Verantwortung, dass alle in der Klasse teilhaben können. Sie sollen erleben, dass es nicht ausschließlich Aufgabe der Lehrer ist, Schule so zu gestalten, dass sich alle wohlfühlen. Sondern die Schüler sollen erleben, dass es in ihren Händen liegt – und damit auch, wie viel sie bewirken können, wie selbstwirksam sie sind. Zentral ist, dass sie lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Und wenn man spielerisch an das Thema herangeht, statt Arbeitsblätter zu präsentieren, wenn man die Schüler mit Herz, Hand, Kopf und Bauch einbindet, umso mehr werden sie davon auch im Alltag umsetzen.

Sie führen die Klassengemeinschaftstrainings schon seit vielen Jahren durch. Mit welchen Facetten von Diskriminierung haben Sie es dabei zu tun? 

Heike Vogelsang: Soziale Unterschiede im Elternhaus spielen hier oft eine Rolle, schon in der Grundschule. Wer hat, was angesagt ist? Wie schaut es bei den Mitschülern zu Hause aus? Wer darf schon Filme für Über-16-Jährige schauen? … und so weiter. Aber auch sprachliche Defizite spielen eine Rolle, vor allem, wenn jetzt mehr Kinder aus geflüchteten Familien in die Klassen kommen. Auch verhaltensauffällige Schüler haben es schwer, die durch ihr oftmals destruktives Verhalten den Unterricht stören. Das ist ein Teufelskreis. Allgemein ist es immer schwierig, wenn Kindern von den Eltern, von Lehrern und ihrem Umfeld eine bestimmte Rolle zugeschrieben wird, die sich dann immer weiter verfestigt. Das beginnt manchmal schon in der Kita. 

Sich während eines Trainings oder einer Projektwoche intensiv mit fairem Verhalten auseinanderzusetzen, ist eine gute Sache – aber wie nimmt man die Erfahrungen mit in den schulischen Alltag? 

Heike Vogelsang: So gerne ich die intensiven Trainings mache: Entscheidend ist, dass es hinterher in den Schulen täglich gelebt wird. Wir haben ja schon viel erreicht: Inzwischen ist es breiter Konsens, dass Soziales Lernen so wichtig ist wie Lesen und Schreiben zu lernen. Aber ich träume noch davon, dass Soziales Lernen einen festen Platz in den Stundenplänen findet. Daher biete ich seit einigen Jahren auch Fortbildungen für Kollegien an, in denen die Implementierung des Sozialen Lernens als Unterrichtsfach im Mittelpunkt steht. 

Was meine Arbeit anbetrifft, da lege ich Wert darauf, dass die Lehrer als Beobachter teilnehmen. Da sehen sie schon vieles, was man sonst gar nicht wahrnehmen kann, wenn man unterrichtend vor der Klasse steht. 

In meinen Trainings erarbeiten wir gemeinsam, was den Schülern geholfen hat, die Übungen und Herausforderungen zu meistern. Da kommen zum Beispiel Dinge wie „miteinander sprechen“, „sich gegenseitig unterstützen“, „vielfältige Meinungen einbringen“ oder „sich ausreden lassen“. Genau das kann man dann wieder aufgreifen, wenn im schulischen Alltag ein Problem aufkommt. Denn wie beim Lernen generell gilt auch für das Soziale Lernen: Erst wenn man es immer wieder bewusst wiederholt, prägt sich faires Verhalten sein. 

Ein Leitsatz prägt meine Arbeit, er stammt von dem Neurobiologen Gerald Hüther: „Das, was uns nicht emotional berührt, bekommen wir, wenn überhaupt, nur mit größter Mühe in unseren Kopf. Und wenn wir es nicht bald wieder brauchen, ist es im Nu verschwunden.“

Fortbildungstipps

Gewaltfreie Kommunikation im schulischen Alltag
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Classroom-Management - der Lehrer als Führungskraft
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