Konfliktmanagement / 22.06.2018

Unterrichten im sozialen Brennpunkt

Tipps für Lehrer an schwierigen Schulstandorten

Sie brauchen von allem eine Extraportion: mehr Gelassenheit und Idealismus, mehr Empathie und Improvisationstalent, mehr Kollegialität. Lehrer an Brennpunktschulen stehen vor einer Vielzahl von Herausforderungen – bei der Unterrichtsgestaltung, bei der Zusammenarbeit mit Eltern oder externen Helfern und bei der eigenen gesundheitlichen Vorsorge. Diese Tipps können Ihnen dabei helfen.

Bild: shutterstock/LightField Studios

Ihre Schüler kommen meist aus einkommensschwachen Familien. Die Eltern haben oft wenig Zeit oder Lust, sich um den schulischen Erfolg ihrer Kinder zu kümmern. Ihre Umgebung ist alles andere als das beste Viertel der Stadt. Viele ihrer Schüler fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und sehen für sich kaum Perspektiven für eine gute Zukunft. Lehrer an Brennpunktschulen stehen vor vielen Herausforderungen. Von ihnen wird ein überdurchschnittliches Engagement gefordert. Denn über das Unterrichten hinaus ist oft ihre Unterstützung gefragt: um Schüler bei familiären Problemen zu helfen, um mit Psychologen und Sozialarbeitern zusammenzuarbeiten, um die Eltern zur Teilnahme am schulischen Leben zu motivieren und vieles mehr.

Problematische Rahmenbedingungen

Dabei sind die Rahmenbedingungen meist ungünstig: Lehrerstellen werden eher gekürzt als aufgestockt, körperliche und psychische Gewalt belastet manche Schüler, es fehlt an Respekt und an außerschulischer Unterstützung. Das geht an die Substanz. „Warum mich mein Job als Lehrerin am Brennpunkt fast meine Gesundheit gekostet hätte“ und „In der Klasse herrscht Klassenkampf“ sind zwei pointierte Schlagzeilen, unter denen die Pädagogin Marlou Hundertmark ihre Erfahrungen in viel diskutierten Artikeln zusammengefasst hat.

Umso wichtiger sind außerschulische Kooperationen und Netzwerke, die Schüler und Lehrer an sozialen Brennpunkten unter die Arme greifen. Ohne diese gesellschaftliche Unterstützung ist es sehr schwer, den Schülern eine schulische Perspektive zu bieten. Dabei können Betriebe und Unternehmen ebenso eingebunden werden wie die Berufsberatung, religiöse Gemeinschaften, Sportvereine, Sozialarbeiter, Künstler und Kreative. Um ein solches unterstützendes Netzwerk um die Schule herum zu knüpfen, braucht Zeit und Geduld – ein Aufwand, der sich langfristig lohnt.

Brandbriefe haben aufgeschreckt

Nicht zuletzt aufgrund mehrerer „Brandbriefe“ von Schulen und Lehrern – einer der bekanntesten kommt von der Berliner Rütli-Schule – ist die pädagogische Arbeit an Brennpunktschulen zunehmend in das öffentliche Interesse gerückt. Punktuell kommt inzwischen Unterstützung. So wurde beispielsweise in Berlin ein Bonus-Programm aufgelegt, das Schulen finanziell unter die Arme greift, in denen mindestens die Hälfte der Schüler aus Familien kommt, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Das Geld können die Schulen einsetzen, um zum Beispiel die Schulsozialarbeit zu stärken, eine Schulbibliothek aufzubauen, die Lernförderung auszuweiten oder Sport- und Theaterprojekte durchzuführen. Eine verbesserte reguläre Unterstützung – etwa die Schaffung neuer Stellen – können Förderprogramme allerdings nicht ersetzen. So lastet auch weiterhin vieles auf den Schultern der Lehrer, deren Engagement und Idealismus in besonderer Weise gefragt sind.

6 Tipps für die pädagogische Arbeit an Brennpunktschulen

1. Störungsfrei unterrichten: Wissen spielend anwenden
Sich spielerisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen bringt Abwechslung in den Unterrichtsalltag, macht Spaß und weckt so auch das Interesse schwieriger Schüler. Ein Vorschlag für ein leicht zugängliches Spiel: aus einer Reihe von Begriffen zum aktuellen Unterrichtsthema (Integralrechnung, Gedichtinterpretation, Klimawandel usw.) sollen die Schüler das „schwarze Schaf“ aussortieren. Noch interessanter wird es, wenn Sie die Schüler auffordern, selbst ein Spiel zum Thema zu entwickeln.

2. Verhaltensregeln setzen: Gemeinsam die Vorgaben erarbeiten
Je stärker die Schüler bei der Gestaltung der Schul- und Unterrichtsregeln mitwirken können, umso größer wird ihre Bereitschaft sein, sie später zu respektieren und sich daran zu halten. Erarbeiten Sie gemeinsam mit den Schülern einige Regeln für den Unterricht. Ein paar Beispiele: Regeln für eine respektvolle Gesprächskultur im Klassenraum, für die Umsetzung der Gleichberechtigung, für den Umgang mit Handys im Unterricht oder für die Lösung von Streits und Interessenskonflikten. Seien Sie mutig: Auch die Schulordnung muss nicht allein von der Schulleitung vorgegeben werden. Sie werden überrascht sein, wie verantwortungsvoll Ihre Schüler sein können, wenn ihre Stimme zählt.

3. Kollegialen Schulterschluss schaffen: Arbeitskreis Schulklima aufbauen
Das Schulklima hat entscheidenden Einfluss auf die Motivation und die Gesundheit der Lehrer. Eine Arbeitsgruppe zu gründen, die explizit die Kommunikation und Zusammenarbeit unter den Kollegen stärkt, kann spürbar zur Verbesserung des Schulklimas beitragen. Teambuildng-Maßnahmen und regelmäßige Evaluationen des kollegialen Miteinanders sollten fest auf der Agenda stehen. Auch die Frage, ob es Gräben etwa zwischen Fach- oder Kompetenzbereichen gibt, sollte geklärt werden. Schulinterne Anlaufstellen für Lehrer mit Problemen kann der Arbeitskreis dann allen Kollegen vorstellen.

4. Überforderte Eltern unterstützen: Für Kooperationen sorgen
Vielleicht fällt Ihnen im Gespräch mit den Eltern auf, dass sie sehr nervös sind, dass ihre Stimmen zittern und die Körperhaltung verkrampft ist. Das spricht dafür, dass sie sich überfordert fühlen. Als Lehrkraft können Sie sicher nicht in allen Situationen helfen, etwa wenn familiäre Gründe wie Scheidung oder Arbeitslosigkeit dahinterstehen. In solchen Fällen sollten sie die professionelle Hilfe von Psychologen oder Sozialarbeitern vermitteln. Aber Sie können die Eltern auch dadurch unterstützen, dass Sie von positiven Entwicklungen im Lern- und Sozialverhalten der Kinder berichten. Helfen kann auch der Hinweis, dass die Schule als Experte für das Verhalten des Kindes in der schulischen Umgebung auch Verantwortung übernimmt und diese nicht allein auf den Schultern der Eltern lastet. Geben Sie den Eltern das Vertrauen, dass sie nicht allein sind, und dass Sie zusammen als Team das Beste für das Kind wollen.

5. Externe Helfer finden: Mit Vereinen zusammenarbeiten
Mit Vereinen in der Nachbarschaft der Schule können sich spannende Kooperationen ergeben, die für alle Seiten vorteilhaft sind. Ihre Schüler können zum Beispiel von gemeinsamen Sport- und Kreativkursen profitieren, weitere Kontakte knüpfen oder in sozialen Projekten neue Interessen entdecken. 

Achten Sie unbedingt darauf, dass auch die Vereine von der Partnerschaft profitieren und dadurch motiviert sind, nachhaltig dranzubleiben. Zum Beispiel kann die Schule sie bei der Nachwuchsförderung unterstützen oder pädagogische Hilfe und Aufsicht bei Vereinsfesten oder -freizeiten anbieten. Denken Sie auch um die Ecke: Bitten Sie einen Trainer des Sportvereins vor Ort, mit den Schülern über Fair Play, das Einhalten von Regeln und Sanktionen zu sprechen, vielleicht auf dem Sportplatz statt im Klassenraum. Greifen Sie darauf zurück, wenn es demnächst Probleme im Pausenhof oder Klassenraum gibt.

6. Für sich selbst sorgen: Nicht die Luft anhalten

In Ihrem schulischen Alltag an einer Brennpunktschule erleben Sie immer wieder Situationen, in denen Ihnen im wahrsten Sinn des Wortes die Luft wegbleibt oder Ihnen ein Kloß im Hals steckt. Körper und Geist stehen dabei in einem direkten Verhältnis zueinander: Psychische Belastungen spüren Sie auch im Körper. Umgekehrt können Sie sich durch Achtsamkeit und bewusstes, tiefes Atmen wieder beruhigen. 
Um in der Hektik des Schulalltags daran zu denken, überlegen Sie sich eine persönliche Merkhilfe: Das kann ein kleiner Aufkleber auf Ihrem Lieblingsstift oder eine Heftklammer sein. Für mehr Ruhe und Gelassenheit können Sie sich mit Meditationsübungen vertraut machen. Kleine Übungseinheiten lassen sich gut in den schulischen Alltag integrieren.

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Fortbildungstipps

Schwierige Schülerinnen und Schüler verstehen und führen
Schüler sind keine kleinen Erwachsenen. Sie denken anders und richten ihr Handeln an eigenen Grundsätzen aus. Wer diese versteht, der erkennt, warum Schüler so viel so schnell vergessen, für Arbeiten erst kurz vorher lernen oder den Unterricht und die Lehrkraft stören. Deshalb geht es im ersten Teil des Seminars darum, die Denkweise von Schülern zu verstehen. 
 

Gewaltfreie Kommunikation im schulischen Alltag
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