Unterricht gestalten / 01.12.2020

{Klexer} Kritzeln erwünscht! Sketchnotes unterstützen Merkfähigkeit und Lernen

Mit einfachen Bildern kann jedes Kind sein Lernen selbst optimieren.

Unser Gehirn liebt es, in Bildern zu denken – sehen wir ein passendes Bild zu einem Wort, steigert dies die Merkfähigkeit. Vermutlich weil wir Menschen schon viel länger geübt sind, uns in Bildern auszudrücken als in Sprache – was alte Höhlenmalereien bezeugen. Zeichnen wir ein Bild zu einem Wort oder einem Text auch noch selbst, erhöht dies die Informationsaufnahme noch einmal. Für Grundschulkinder ein enormer Nutzen – mit Spaßfaktor!

Bild: Shutterstock.com/Billion Photos
Bild: Cornelsen

80 Prozent der menschlichen Wahrnehmung kommen auf visuellem Wege zustande. Indem wir uns ein Objekt vorstellen, es zeichnen, dann anschauen und mit dem Inhalt abgleichen, erhöht sich der Merkeffekt um ein Vielfaches. So beschreibt der Picture Superiority Effect, dass sich der Mensch eher an gezeichnete als geschriebene oder nur gehörte Inhalte erinnert. Ungefähr 90 Prozent vergisst man nach drei Tagen, wenn der Text nur gelesen wurde. Jedoch erinnert man sich an 65 Prozent, wenn der geschriebene Text mit Bildern kombiniert war. Es steht also 10 Prozent zu 65 Prozent.

Bild: Veronika Amm

Nicht ohne Grund enthalten viele Erstlesebücher Bilder und auch der Fremdsprachenunterricht nutzt die Kombination aus Bild und Wort, weil sich Vokabeln dann leichter einprägen. Gleichzeitig wird durch solch mehrkanaliges Wahrnehmen die Aufmerksamkeit erhöht, ein Aspekt, der bei vielen Grundschulkindern einer besonderen Förderung bedarf.

Bereits in der ersten Klasse kann das Lernen mithilfe von Sketchnotes eingeführt werden. Zum einen durch die Lehrkraft, die Sketchnotes verwendet, zum Beispiel bei Tafelbildern oder in PowerPoint-Präsentationen, zum anderen durch spielerische Übungen für das freie und einfache Zeichnen.

Bild: Cornelsen

Das brauchen Schülerinnen und Schüler, um Sketchnotes gestalten zu können:

  • ein Blatt Papier + Stift(e) oder ein Tablet

Freies Kritzeln üben

Erlauben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern ausdrücklich während des Unterrichts zu kritzeln, unter der Bedingung: Es darf immer etwas gezeichnet werden, wenn es zum Unterrichtsinhalt gehört. Kinder, die auch in der Freizeit viel frei malen und zeichnen durften und dürfen, werden schnell in diese Methode der Sketchnotes einsteigen können. Einem Kind, das von sich behauptet, es könne nicht malen, hilft es, das kindliche freie Kritzeln erst mal wieder zu üben. Denn es geht nicht um das schönste Bild oder gar Kunst, sondern darum, dass jedes Kind SEINE Bildsprache verwendet, um Lerninhalte zu strukturieren und sich besser einzuprägen. Also wecken Sie in den Kindern ggf. wieder die Unbeschwertheit, leicht und spielerisch mit Stift, Wort und Text umzugehen.

Übungen zur Einführung ins Lernen mit Sketchnotes

Übung 1: Ich + Du = unser Bild

In Partnerarbeit entsteht strichweise ein Bild. Dafür zeichnen die Schülerinnen und Schüler abwechselnd je nach Aufgabenstellung – spontan und ohne sich abzusprechen. Durch die kooperative Partnerarbeit wird die Angst vor Perfektion abgebaut und der Gedanke „Ich kann das nicht “ bekommt erst gar keinen Raum.

Übung 2: Lockerungsübung

Zur Musik kritzeln: Wählen Sie eine Musik aus. Prinzipiell eignet sich jedes Musikstück. Die Auswahl richtet sich danach, wie viel Zeit Sie den Schülerinnen und Schülern für diese Übung geben möchten und welche Musik Sie für Ihre Klasse als passend bzw. altersentsprechend empfinden. Als Tipp nenne ich gern: „Bolero“ von Maurice Ravel.
Geben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern nun den Arbeitsauftrag, beim Hören der Musik mit dem Stift über das Blatt zu wandern. Dabei sollen sie kritzelnd dem Rhythmus und den Gefühlen der Musik folgen und das Blatt füllen. Es geht dabei primär nicht um illustratives, gegenständliches Zeichnen, sondern um den Abbau von Blockaden.

Übung 3: Liniendiktat

Das „Liniendiktat“ ist eine Erfindung des Künstlers Paul Klees, der am Bauhaus in Weimar und Dessau unterrichtete und verschiedene Methoden entwickelte, um die Kreativität seiner Schülerinnen und Schüler zu fördern. Das Liniendiktat lässt sich sehr gut im Unterricht einsetzen, um zur Methode Sketchnotes hinzuführen (siehe M 1 und KV 1). Auch Fantasiereisen eignen sich sehr gut für ein Liniendiktat.

Übung 4: Figuren aus einer Linie

Hier eignet sich als Einstieg das aus Kindertagen bekannte Zeichenspiel zum Reim „Das ist das Haus vom Nikolaus“. So, wie es bei diesem Zeichenspiel gelingen soll, ohne den Stift abzusetzen, das Nikolaushaus zu malen, üben die Grundschulkinder anschließend Tiere, Menschen und Objekte mit einer Linie zu malen. Auf diese Weise üben die Kinder möglichst einfache Bilder zu gestalten.

Bild: Cornelsen

Übung 5: Tier – Beruf – Essen – Kleidungsstück

Bei diesem Wissensspiel, das Ihnen eher als „Stadt, Land, Fluss“ bekannt ist, können sich die Grundschulkinder in der Methode Sketchnotes weiter üben (siehe KV 2). Zusätzlich zum Aufschreiben eines passenden Wortes versehen die Kinder ihren Begriff mit einer Zeichnung. Da unter Zeitdruck gearbeitet wird, reduzieren die Schülerinnen und Schüler unbewusst ihre Zeichnungen auf das Wesentliche – und fertig ist ein Sketchnote: Wort + Bild.

Übung 6: Visuelles Wörterbuch

Lassen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler je nach Unterrichtsthema ein erstes Wörterbuch der Zeichen und Symbole erarbeiten, um daraus später Sketchnotes zu entwickeln. Beginnen Sie mit einem Brainstorming, zum Beispiel zum Thema „Weihnachten“ oder „Winter“. Sammeln Sie alle Begriffe an der Tafel.
Zu Hause stellt jedes Kind einen Bogen mit Abbildungen aus Zeitschriften oder selbst angefertigten Skizzen zum Thema zusammen. Diese Blätter werden im Klassenzimmer ausgestellt und dienen als Anregung, um zum Beispiel Gedichte, Geschichten oder Bastelanleitungen zum Thema „Weihnachten“ oder „Winter“ als Sketchnotes zu gestalten.

Lernen mit Sketchnotes

Der Einsatz von Sketchnotes in Schule und Unterricht

Sketchnotes sind vielfältig einsetzbar und fördern Grundschulkinder vielfältig. Sie sind nicht nur beim Sprach- und Schrifterwerb hilfreich, sie unterstützen außerdem das aktive Zuhören, die Konzentrationsfähigkeit, das Strukturieren der eigenen Gedanken sowie die Feinmotorik – und sie zeigen den Kindern im Schulalltag Wege zum selbstständigen und freudvollen Lernen.

Textinhalte mit Sketchnotes erschließen und strukturieren

Das sinnerfassende Erschließen von Texten nimmt eine zentrale Rolle im Deutschunterricht ein. Bilder unterstützen Grundschulkinder beim Lesen und Verstehen von Texten. Schon ab der ersten Klasse können Sie damit beginnen, zuerst Satz- und dann auch Textinhalte als Sketchnotes zu gestalten. Wichtig ist es, den Kindern im Vorfeld zu vermitteln, dass nicht jede Information im Satz oder Text als Symbol oder Bild dargestellt werden muss. Weiterhin sollen maximal ein bis maximal drei Farben eingesetzt werden, denn es soll ja gerade das schnelle, nicht aufwendige Gestalten des Inhalts in einer Skizze geübt werden. Ermuntern Sie die Kinder beim Lesen von Sätzen oder Texten diese kleinen einfachen Bilder anzufertigen. Auch Gedichte lassen sich mit Sketchnotes als Merkhilfe leichter auswendig lernen.

Förderung des freien Schreibens mit Sketchnotes

Sketchnotes bereichern auch frei verfasste Notizen der Kinder bei einem Wandertag oder einer Exkursion oder das Reisetagebuch zur Klassenfahrt und können so zu einem lebendigen Ergebnis beitragen, das auch andere Kinder in der Klasse gern anschauen und lesen.

Veronika Amm

Veronika Amm ist Lehrerin an einer Oberschule und unterrichtet Deutsch, Kunsterziehung und Technik/Computer. Sie betreut als Fachberaterin für das Fach Deutsch seit 2003 Schulen in Sachsen. Seit 1999 arbeitet sie als Referentin und Autorin für den Cornelsen Verlag.

Weiterführende Literatur und Links

  • A Simple Way to Better Remember Things: Draw a Picture, New York Times, 06.01.2019
  • Roßa, Nadine: Sketchnotes. Die große Symbolbibliothek, ISBN-13: 9783772483899
  • Sketchnotes in der Schule (2. Auflage) Unterrichtsinhalte leicht darstellen und merken. Mit Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Visualisieren, Cornelsen Pädagogik, ISBN 978-3-589-16499-8
  • Edschmid, Kasimir: Tribüne der Kunst, Eine Schriftensammlung, XIII Schöpferische Konfession, Erich Reiß Verlag, Berlin 1920
  • www.katharinabluhm.de/sketchnotes-erklaert-von-a-bis-z-teil-1/
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