Unterricht gestalten / 24.10.2018

{Klexer} Leichter lesen lernen mit Lautgebärden

Vom Laut zum Buchstaben

Es ist kein Zauberwerk, wenn ein im Lesen und Schreiben noch unerfahrenes Kind ganz einfach und mit viel Freude ein erstes Wort lesen lernt: Mit Lautgebärden findet jeder Schulanfänger vom Laut zum Buchstaben. Der Einstieg in die Schriftsprache mittels Lautgebärden ist effektiv, unterstützend und macht den Kindern Spaß!

Bild: Shutterstock.com

Einsatz von Lautgebärden im Deutschunterricht

Anhand konkreter Beispiele zeigen Ihnen die Autorinnen, wie Lautgebärden eine hilfreiche Brücke zwischen Laut und Schriftsprache schlagen und warum sie den Lese-/Schreiblernprozess so wirksam unterstützen. Mit den Kopiervorlagen im Anhang kann jedes Kind erfolgreich erste Wörter lesen und schreiben.

Lautgebärden haben in der sonderpädagogischen Förderung bereits eine lange Tradition, gewinnen aber auch für den Einstieg in die Schriftsprache an Bedeutung. Lesen- und Schreibenlernen fällt leichter, das weiß man heute, wenn der Sprach- und Lesefluss mit Körperbewegungen verbunden wird und den Kindern somit handlungsorientiert Merkhilfen zum Buchstabenlernen gegeben werden. Nicht nur für Kinder mit einer Schwäche in der auditiven Merkfähigkeit können Lautgebärden daher eine wichtige Unterstützung sein – sie fungieren auch als Zwischenschritt in der Übersetzung von Laut in Schrift. Durch die Bewegungen und die Nähe zum Buchstaben bzw. Artikulationsort helfen sie Kindern beim Erarbeiten und Verankern der Buchstaben. Lautgebärden erleichtern somit jedem Schulkind das Erlernen der Schriftsprache.

Darum nutzt der Einsatz von Lautgebärden im Deutschunterricht allen Kindern:

auf der phonetisch/phonologischen Ebene

  1. Entlastung des auditiven Kanals durch visuelle Darbietung
  2. Visuelle Übersetzung vom Laut zum Buchstaben
  3. Orientierung für die korrekte Lautbildung durch den Bezug zum Artikulationsort

auf der unterrichtspraktischen und pädagogischen Ebene

  1. Bewegungsangebot für bewegungsfreudige Kinder
  2. Unterstützung für weniger aktive Kinder
  3. Schaffung eines emotionalen Bezuges zur Schriftsprache über Bilder und Fotos
  4. Erleben von Selbstwirksamkeit

Mit unserer Kopiervorlage lernen Ihre Schülerinnen und Schüler, erfolgreich erste Wörter zu lesen und zu schreiben. 

Die Struktur der Lautgebärden

Für die Neubearbeitung des Tinto-Buchstabenkurses wurde ein Handzeichensystem zusammengestellt, das wichtige Punkte sprachheilpädagogischer Kriterien erfüllt. Dieses Handzeichensystem kann ebenso für andere Lehrgänge und Fibeln verwendet werden. Es orientiert sich an den Vorteilen bereits bestehender bzw. bekannter Systeme und kommt so zu einer Neuzusammenstellung von Lautgebärden.

Folgende Grundsätze wurden bei der Auswahl berücksichtigt:

  • einhändig durchzuführen
  • einfach zu merken
  • leicht mit Laut oder Artikulationsort zu verbinden
  • gut voneinander zu unterscheiden

Vgl. Reber, K. und Schönauer-Schneider, W. (4/2018)

So gelingt Lesenlernen im Anfangsunterricht

Seit vielen Jahren kommen zukünftige Erstklässler mit unterschiedlichen Vorerfahrungen bereits vor den Sommerferien zu einem ersten Kennlerntag in die Schule. Für unser Versprechen, sie könnten nach dieser gemeinsamen Stunde ihr erstes Wort lesen und schreiben, ernten wir in der Regel erstaunte Gesichter – und ein: „Ist das wirklich wahr?“. Wir bekräftigen dann: „Ja, das schafft ihr!“ Und wir setzen dieses Versprechen mithilfe der Lautgebärden um.

In dieser ersten Unterrichtsstunde lernen die Kinder auch ihr Klassentier kennen. Es trägt einen lautreinen Namen, der aus möglichst einfachen, gut hörbaren Buchstabenkombinationen besteht. Neben den Vokalen bieten sich Buchstabenlaute an, die man möglichst lange halten kann. Dazu gehören nasale Laute wie N, M, laterale Laute wie L und frikative Laute wie F, S, W. Sie ermöglichen einen leichten und gut hörbaren Einstieg in die Schriftsprache.

Der Einsatz von Lautgebärden

Das Klassentier in der hier beschriebenen Sequenz ist eine Giraffe und heißt „Nono“. Als Erstes hören wir den Namen des Klassentiers ab und suchen mit Hilfe des Tinto-Buchstabenhauses oder einer anderen Buchstabentabelle nach den richtigen Buchstaben zum Schreiben.

Zum Lesen im weiteren Sinne führen wir dazu die passenden Lautgebärden ein. Es wird dann ganz still in der neuen Gruppe, und die Kinder schauen und lauschen, was wir ihnen mitgebracht haben und nun vormachen. Zur Visualisierung dient nicht nur die ausgeführte Bewegung, sondern auch eine Abbildung der Gebärden mit den entsprechenden Buchstaben. Dies kann entweder über ein DIN-A4-Format der einzelnen Buchstaben gelingen oder indem man im Buchstabenhaus die Lautgebärden-Bilder ergänzt.

Anschließend nutzen wir die Lautgebärden gemeinsam mit den Kindern. Wir spielen zusammen mit den neuen Phonemen, und die Kinder können ohne Aufwand auch Unsinnwörter erlesen, wie „Ono“ oder „Onono“ – so einfach geht „Lesen“.

Da das Schreiben auch unternommen werden soll, dürfen die Kinder sich nun an ihrem ersten Arbeitsblatt (siehe Kopiervorlage 1) versuchen. Wer von den Kindern mag, kann zusätzlich seinen eigenen Namen auf dem Blatt ergänzen. So haben wir unser Versprechen vom Anfang der Stunde eingehalten, und die Kinder verlassen stolz die Schule. In der Kita oder zu Hause können sie den anderen präsentieren, wie schnell sie mit Lautgebärden lesen gelernt haben.

Übungen für den Anfangsunterricht

  • Allmorgendliche „stille“ Lesezeit: Die Lehrerin gibt mit Lautgebärden ein Wort vor und die Kinder „erlesen“ es, geben es mündlich wieder, nutzen Wortkärtchen, zeigen das passende Wort oder schreiben es auf.
     
  • Stummes Partnerlesen: Die Kinder haben Wortkarten und „lesen“ sich gegenseitig mit Lautgebärden ein Wort vor. Das andere Kind findet dieses Wort unter den Karten und macht nun weiter.

  • Lautgebärden-Bingo: Die Lehrerin macht eine Lautgebärde vor, die Kinder suchen das entsprechende Bild oder den Buchstaben auf dem Bingo-Plan (siehe KV 2). Zur Differenzierung können schwächere Schulkinder die Bewegung zunächst nachmachen und dann das Lautgebärdenbild suchen.
     
  • Lautgebärden-Domino: Die Kinder haben Dominokärtchen, auf denen sich Lautgebärden und Buchstaben (oder auch Lautgebärden und Anlautbilder) entsprechen. Sie spielen das bekannte Dominospiel (siehe KV 3).

Zusätzliche Angebote

Für Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Förderbedarf in den Bereichen Lernen und Sprache eignen sich die folgenden Lernangebote. Hierbei handelt es sich entweder um eine Verstärkung des visuellen und auditiven Angebotes (FS-Sprache) oder aber um die Reduktion der Buchstabenvielfalt bzw. um die Fokussierung auf bestimmte Buchstaben und Buchstabengruppen (FS-Lernen).

  • „Fotoshooting“: Eigene Fotos mit entsprechenden Lautgebärden in der Setzleiste am Platz zu haben, ist für viele Schülerinnen und Schüler eine Motivationshilfe, sich mit den neuen Herausforderungen der Schriftsprache auseinanderzusetzen. Zudem haben die Kinder die Buchstaben direkt an ihrem Platz, sodass sie die Orientierung im Buchstabenhaus oder in der Buchstabentabelle bei der Vielzahl an Buchstaben nicht verlieren.
     
  • Problemlaute vor dem Spiegel artikulieren: Um die korrekte Aussprache bestimmter Laute zu fördern, hilft es den Kindern, ihre eigene Artikulation im Spiegel zu überprüfen und bewusster nachzuempfinden.

Weiterführende Literatur

Reber, K. und Schönauer-Schneider, W. (4/2018): Bausteine sprachheilpädagosichen Unterrichts. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel.

 

Hier gelangen Sie zum kostenlosen Download von Deutsch plus – Grundschule, Schreibenlernen Lautgebärden

Die Autorinnen

Karen Gronau arbeitet als Sonderpädagogin an der Aplerbecker-Mark-Grundschule in Dortmund. Sie ist als Autorin der Tinto-Neubearbeitung 2018 für den Cornelsen Verlag tätig.

Anke Müller-Vaupel ist Grundschullehrerin an der Gerhart-Hauptmann-Grundschule in Dortmund und ebenfalls als Autorin der Tinto-Neubearbeitung für den Cornelsen Verlag tätig.

Schlagworte:

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