Unterricht gestalten / 27.09.2018

"Das soll Kunst sein? Das kann ich auch!"

Kunstgeschichte in der Grundschule

In jeder Grundschule wird gemalt und gebastelt und die Kreativität der Kinder gefördert. Kunstgeschichte jedoch machen Grundschullehrerinnen und -lehrer bisher nur selten zum Lehrinhalt ihres Unterrichts. Dabei Iohnt es sich wirklich!

Bild: shutterstock

Kunstgeschichte in der Grundschule

Die Künstlerin Karin Scholz ist mit ihrem Projekt „Eine gemeinsame Reise durch die Kunst“ bereits an vielen Schulen gewesen und bildet auch Lehrkräfte zu diesem Thema fort. lm Folgenden zeigt sie, wie die praktische Arbeit mit Grundschulkindern zum Lehrinhalt „Kunstgeschichte“ gelingt und welche fächerübergreifenden Bezüge und Kompetenzen die jeweiligen Projekte zu den verschiedenen Epochen herstellen bzw. fördern können. Mithilfe der Kopiervorlagen im Anhang können Lehrkräfte ganz einfach selbst ausprobieren, wie viel Freude es ihrer Klasse macht, die Kunst der Steinzeit und die Kunst des antiken Ägypten kreativ zu entdecken.

Bei einer gemeinsamen ,,Reise" durch die Kunstgeschichte Iernen Grundschulkinder Kunstwerke in ihrer Chronologie kennen, von der Steinzeit bis zur Moderne. Sie entdecken dabei wichtige Künstlerinnen und Künstler sowie Themen der Kunst und werden mit verschiedenen Techniken und Materialien selbst kreativ. Das eigene gestaltende Handeln der Kinder wird so in den Kontext der Kreativität der Menschheit und deren Geschichte gestellt. Bei der Beschäftigung mit den einzelnen Epochen können die Kinder spannende Parallelen und Unterschiede zur eigenen Lebenswelt feststellen. Auf dieser ,,Reise“ bahnt sich so ein historisches Verständnis an und prägt sich durch die Kunstwerke und die eigenen Arbeiten ein - in unserer heutigen Zeit mit ihrer digitalen Bilderflut ein sinnvolles Projekt, das mit ästhetischen Mitteln einen „roten Faden“ schafft und den Kindern somit Struktur anbietet. Gleichzeitig erfährt sich jedes Kind selbst als kreativ und kann seine Individualität zum Ausdruck bringen. Beim gemeinsamen Betrachten des Geschaffenen können Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Wertschätzung für die Arbeit des anderen äußern. Kunstgeschichte in der Grundschule bietet zudem vielfältige Themenbereiche und Handlungsoptionen, die auch fächerübergreifend bearbeitet werden können. All diese Aspekte zusammen machen deutlich, wie lohnend die Beschäftigung mit den Kunstepochen bereits in der Grundschule ist.

Mit unserer Kopiervorlage erhalten Sie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung

Die Bilderauswahl

Als Vorbereitung für den Kunstgeschichte-Unterricht zum Mitmachen wählt die Lehrkraft zunächst bekannte Bilder aus den verschiedenen Epochen der Kunst aus, um sie den Kindern zu zeigen. Besonders anregend ist es, prägnante Kunstwerke auszusuchen, auf denen auch Kinder zu sehen sind. Ich verwende DIN-A3-Ausdrucke von verschiedenen Kunstwerken und laminiere sie. Wer das Glück hat mit einem Whiteboard zu arbeiten, erspart sich natürlich die ganze Prozedur und sammelt diverse Bilder in einem Ordner.

Einen ersten Überblick schaffen

Der Sitzkreis hat sich bewährt, um den Kindern bei Bildbetrachtung und Gespräch einen ersten Überblick über das zu geben, was sie erwartet. Ich spreche dabei gern von einer ,,Reise“, die wir gemeinsam unternehmen. Um in die Epochen einzuführen, benenne ich zunächst nur Steinzeit, Antike, Mittelalter und Neuzeit, beschreibe sie mit wenigen Kernsätzen, zum Beispiel: „Die Menschen in der Steinzeit waren Jäger. Sie verbrachten die meiste Zeit damit, sich ihr Essen zu beschaffen”, und zeige dazu ein passendes Bild. Zur Steinzeit haben die Kinder sofort eigene Ideen. Manche Kinder verorten dort noch Dinosaurier, die den Menschen das Leben schwer machten, manche Kinder kennen sich schon besser aus. Eine wunderbare Gelegenheit eine Iebendige Diskussion zu moderieren: Spricht man über die Antike, haben viele Kinder ausschließlich das Leben der Römer im Kopf. Hier kann man schon Hinweise auf ein breiteres Spektrum geben, also auch auf Ägypten und Griechenland hinweisen. Auch zum Mittelalter fällt den Kindern in der Regel schnell etwas ein. Ritterburgen und Ritter mit Schwertern liefern meist den Einstieg in das Thema. Die Neuzeit, die seit der Renaissance so viele Stile und Strömungen hervorgebracht hat, würde in ihrer Vielgestalt den Rahmen des Sitzkreises sprengen. Daher zeige ich gern ein Bild der abstrakten Moderne, das die Kinder regelmäßig erstaunen lasst. „Das soll Kunst sein? Das kann ich auch!“ Eine gute Motivation für die weitere „Reise“.

Den Wandel und das Lernen entdecken

Die Kinder erkennen, wie sich die Kunst der Menschheit erst entwickelt hat: Nicht nur sie selbst Iernen Farben mischen, den Pinsel führen, schreiben usw. – die Menschheit, die Gesellschaft, musste diese Dinge auch erst entwickeln und erlernen. Für Kinder ist es spannend, ägyptische Hieroglyphen mit den eigenen, gerade gelernten Buchstaben zu vergleichen. Sie sehen, dass Hieroglyphen schon auf Bildern antiker Grabstätten angebracht wurden, dass auf Papyrus geschrieben wurde statt auf Papier, dass im Mittelalter der Buchdruck erfunden wurde, während sie selbst wie selbstverständlich digitale Nachrichten empfangen und verschicken. Der gesellschaftliche Wandel ist auf diese Weise ein für Grundschulkinder begreifbares und nachvollziehbares Ereignis.

Unbekannte Welten kennenlernen

Das Betrachten neuer Bildwelten und das Experimentieren stehen im Vordergrund des gesamten Projekts. Den Kindern bereitet es großen Spaß, Komisches auf Bildern wahrzunehmen. Bei der Betrachtung antiker Darstellungen und mittelalterlicher Bilder regt oft die Kleidung der abgebildeten Menschen zu vielerlei Kommentaren und Überlegungen an. Beispielsweise entlarven Kinder schnell, dass Frauen mit Perücke und Rüschenkleidern auf Rokoko und Barockbildern vermutlich nicht als Putzfrauen arbeiteten - und Kinder in Lumpen gekleidet bei der Arbeit auf einem Acker gingen wohl eher nicht in die Schule oder auf den Fußballplatz. Bei jeder Epoche motiviere ich die Kinder dazu, ihr eigenes Leben mit einem möglichen Tagesablauf der damaligen Zeit zu vergleichen.

Der rote Faden

Um das Kennenlernen der Epochen für die Kinder von Anfang an übersichtlich zu gestalten, hänge ich einen „roten Faden“ quer an der Wand auf, an dem ausgewählte Werke der Kinder nacheinander mit Klammern befestigt werden. So prägt sich während der ganzen „Reise durch die Geschichte der Kunst“ eine chronologisch sinnvolle Reihenfolge ein.

Die Kunst der Steinzeit entdecken und selbst gestalten

Die Kinder sitzen im Kreis und sehen sich Bilder von Höhlenzeichnungen und der Venus von Willendorf an. Ich hefte die laminierten Künstlerbilder rechts an die Tafel und notiere die Künstlernamen und den Namen der Epoche in der Mitte. Es wird dann oft schnell diskutiert, woher damals das Essen kam, ob sich gewaschen wurde und ob Fellkleidung auf der Haut kratzt. Warum sehen wir auf den Zeichnungen immer wieder Tiere, die gejagt werden? Warum war das wichtig? Wie wurde gekocht? Woher kamen die „Kohlestifte“? Bei der Betrachtung der Venusfigur ist meist zunächst Gekicher zu hören. „Pfff, die ist ja nackt und dick!“ Das fordert gleich zur Frage heraus, warum es damals als schön galt, dick zu sein, im Gegensatz zu den heutigen, meist superschlanken, Models. Fragen und Ideen der Kinder werden in Stichworten an der linken Seite der Tafel gesammelt. Viele Kinder freuen sich, wenn sie selbst an die Tafel schreiben dürfen. Wurde eine Weile über die Steinzeit nachgedacht und gesprochen, geht es an die Tische und an die praktische Arbeit. Entweder zeichnen die Kinder mit Kreide oder Kohlestiften und selbsthergestellten Schablonen ein typisches Höhlenbild oder sie erarbeiten Tonfiguren á la Steinzeit (siehe KV I a und b).

Während der praktischen Arbeit ergeben sich immer wieder ruhige Phasen, in denen in lockerer Atmosphäre über die vergangene Zeit geplaudert werden kann. Werden die Kinder zu unruhig, lasse ich gern im Hintergrund passende Musik laufen. So haben die Kinder ganz nebenbei den ein oder anderen Komponisten einer jeweiligen Epoche kennengelernt und die Musik gehört.

Wir beenden unsere ,,Zeitreise in die Steinzeit" mit einer Besprechung der Arbeiten und achten darauf, dass jedem Kind zugehört wird und die Kinder sich wertschätzend und sachlich über die Werke der anderen äußern. Zum Schluss wird für alle Beifall geklatscht und wir kündigen noch die nächste Epoche, also das antike Ägypten an.

Die Kunst des antiken Ägypten entdecken und selbst gestalten

Auch diese Epoche fängt wieder mit einem Sitzkreis an, in dem Bilder dieser Zeit vorgestellt werden. Die meisten Kinder kennen bereits Pyramiden und Mumien und manche haben schon von Hieroglyphen gehört. Die Kinder staunen Liber die riesigen Tempel und Anlagen, die sie auf den Bildern sehen. Es wird wieder das Leben der Kinder zu dieser Zeit besprochen, zum Beispiel: Nicht jedes Kind durfte schreiben Iernen! Mädchen schon gar nicht. Außerdem wurde noch nicht auf Papier geschrieben, sondern auf Papyrus. Wir sammeln wieder Ideen an der Tafel und nehmen uns vor eigene Hieroglyphen auf Papyri zu zeichnen. Dazu erhalten die Kinder jeder ein Stück Papyrus und ein Hieroglyphenalphabet als Vorlage. Die Kinder können nun mit Bleistift ihren Namen oder eine Lieblingshieroglyphe aufzeichnen (siehe KV 2 a und b).

Die Reise durch die Kunstgeschichte geht weiter

In den folgenden Epochen wird fleißig gemalt. Dabei verwenden die Kinder grundsätzlich nur die drei Grundfarben und Weiß. Alle anderen Farben sollen von nun an selbst gemischt werden. Anfänglich wird immer mal wieder gefragt: „Wie geht eigentlich Grün?“ usw. Am Ende der „Reise“ ist jedes Kind in der Lage, alle Wunschfarben aus den drei Grundfarben selbst herzustellen. Es macht allen Kindern viel Freude mit Farbmischungen zu experimentieren. Meistens stelle ich Acryl- oder auch Temperafarben zur Verfügung. Temperafarben lassen sich Ieichter wieder auswaschen, werden allerdings beim Trocknen etwas matt. Acrylfarben Ieuchten schöner!

Ein Quiz zum Schluss

Am Ende der gesamten „Reise“ durch die Kunstgeschichte werfen wir alle besprochenen, laminierten Kunstwerke durcheinander auf den Boden. Die Kinder bilden zwei Gruppen und dürfen nun abwechselnd die „richtigen Bilder“ chronologisch an die Tafel heften: Ein Blick auf die eigenen Werke am „roten Faden“ hilft und auch Diskussionen sind erlaubt, denn irgendjemand weiß immer Rat - die Kinder Iernen voneinander. Viele Lerngruppen haben das Quiz an Projekttagen mit großer Freude den Eltern oder im Rahmen einer Gesamtausstellung vorgestellt. Über den gesamten Projektzeitraum bis hin zur Schlusspräsentation werden neben den kognitiven und gestalterischen Fähigkeiten auch sprachliche und soziale Kompetenzen der Kinder intensiv gefördert.

Karin Scholz

arbeitet als freie Malerin, Grafikerin und Autorin, Ieitet Seminare und Workshops zu Kunst und Kunstgeschichte in Theorie und Praxis für pädagogisches Fachpersonal, Jugendliche und Kinder. Sie ist für den Cornelsen Verlag als Autorin tätig und hat das Lehrwerk Kunstgeschichte für die Grundschule zum Mitmachen - Einfache Materialien und spannende Projekte verfasst.

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