Unterricht gestalten / 12.06.2020

Schulschließungen: Ein Katalysator für den Digitalisierungsprozess?

Geräte sollen unbürokratisch bei Schulen und Schülern ankommen

Vor knapp 20 Jahren, nämlich 2001, kam die gute Nachricht: „Alle Schulen sind am Netz“, verkündeten die Deutsche Telekom und der damalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye. Und im Oktober 2006 erklärte das Bundesbildungsministerium, Internet im Klassenzimmer sei mittlerweile Standard. Doch in der Corona Krise im Frühjahr 2020 zeigte sich: Mit dem digitalen Lernen und Lehren in Deutschland ist es wohl noch immer nicht allzu gut bestellt. Wird es jetzt besser? Ein Sofortprogramm soll helfen.

Bild: Shutterstock.com/SpeedKingz

Die frohen Botschaften aus den Jahren 2001 und 2006 konnten bald schon nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass es mit einer Verbindung zum Internet allein nicht getan war, es fehlten die Ausstattung, der Support, die Lerninhalte und die Ausbildungskonzepte für die Lehrer. Im September 2017 dann erklärte der damalige CDU-Wahlkampfchef und heutige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: "Wir haben als Union entschieden, dass ein zentrales Ziel einer neuen Bundesregierung sein muss, alle Schulen ans Netz zu bringen. Außerdem fordern wir eine Bildungscloud für digitale Lerninhalte in allen Fächern. Und wir müssen erheblich mehr Geld investieren, um die Lehrer in ihrer Ausbildung digital fit zu machen. Das muss eine neue Regierung in den ersten 100 Tagen anpacken."

DigitalPakt kam wohl zu spät

Schließlich startete dann im Mai 2019 der 5,5 Milliarden schwere DigitalPakt Schule. Damit wollen Bund und Länder gemeinsam für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen. Seit Sommer - beziehungsweise Herbst - 2019 können Schulträger in allen Bundesländern Mittel aus diesem Pakt beantragen. Vorausgesetzt, Schulen, die ausgestattet werden sollen, legen ein technisch-pädagogisches Konzept vor.

Dieser Termin war aber offensichtlich zu spät, um die Schulen vor den coronabedingten Schließungen noch gut ausstatten zu können. Denn als das Lernen von der Schule auf zu Hause und damit auch auf digitale Geräte verlegt werden musste, zeigte sich: Das digitale Lehren und Lernen gehört noch lange nicht zum Schulalltag. Das spürten Lehrer, Kinder und Eltern und das belegen auch zwei aktuelle repräsentative Umfragen. In einer Forsa Umfrage, die die Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT beauftragt hatte,  sagten 66 Prozent der Lehrkräfte, dass ihre Schule mit Blick auf die Ausstattung mit digitalen Medien weniger gut oder sogar schlecht auf die Schulschließung vorbereitet war. Bei den Grundschulen waren es sogar 82 Prozent. 

Ähnlich waren die Ergebnisse einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland. Auch hier bestätigte nur ein Drittel der Lehrerkräfte, dass ihre Schule gut auf die neue Situation vorbereitet war. Und dieser Mangel hatte erhebliche Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern und damit auch auf das Lernen selbst. Gegenüber Allensbach erklärten 37 Prozent der Befragten, dass sie mit weniger als der Hälfte, beziehungsweise nur mit sehr wenigen Schülerinnen und Schülern regelmäßigen Kontakt hatten. An Grundschulen waren das sogar 47 Prozent. Und die Forsa Befragung ergab, dass zwar gut die Hälfte der Lehrkräfte die meisten Schülerinnen und Schüler erreichen konnten, allerdings hatte jede 10. Lehrkraft nur zu wenigen Kindern Verbindung und drei Prozent erreichten sogar niemanden. Die größten Herausforderungen während der Schulschließungen - so die Lehrkräfte – waren der Mangel an digitaler Ausstattung der Schülerinnen und Schüler und ihre eigene fehlende Erfahrung beim Erstellen digitaler Unterrichtsinhalte.

Schulen bekommen Leihgeräte für ihre Schüler

Es liegt auf der Hand, dass das Lernen in dieser Situation nicht wirklich funktioniert und dass ohnehin benachteiligte Schülerinnen und Schüler noch weiter abgehängt werden. Jetzt hat die Politik reagiert. Mit dem 550 Millionen Euro umfassenden Sofortprogramm von Bund und Ländern – 500 Millionen Euro vom Bund plus einem Zehnprozentanteil der Länder - vom 15. Mai sollen digitale Endgeräte bereitgestellt werden. Zunächst sahen die Planungen vor, allen bedürftigen Schülerinnen und Schülern 150 Euro zur Anschaffung dieser Geräte zur Verfügung zu stellen. 

Jetzt sollen mit dem Geld aber mobile Endgeräte gekauft werden, die dann von den Schulen an die entsprechenden Schülerinnen und Schüler ausgeliehen werden. Dabei entscheiden die einzelnen Bundesländer, nach welchem Verfahren die Geräte für die Schulen beschafft werden. Verteilt werden sollen sie dann durch die Schulen selbst. Und zwar möglichst unbürokratisch. Es gibt keine formalen Kriterien für die Ausleihe und laut Bundesbildungsministerium ist auch keine Bedürftigkeitsprüfung vorgesehen, weil die Verantwortlichen vor Ort am besten wüssten, wer tatsächlich Ausstattungsbedarf habe.

Die ersten Mittel aus diesem Programm sollen möglichst noch vor den Sommerferien abgerufen werden können. Die Bundesbildungsministerin rechnet aber damit, dass das parlamentarische Verfahren im Bund rund drei Wochen in Anspruch nehmen wird, dann müssen noch die Länderregierungen und teilweise auch die Parlamente zustimmen. Wahrscheinlicher ist also, dass das Programm erst nach den Sommerferien umgesetzt wird. Immerhin. Denn auch dann wird es noch keinen normalen Schulalltag, sondern einen Mix aus Fern- und Präsenzunterricht geben. Und der wird dann möglicherweise etwas besser funktionieren, denn laut Forsa Umfrage sehen 59 Prozent der Lehrkräfte die aktuelle Situation als einen Katalysator für den Digitalisierungsprozess an der eigenen Schule.

Links

Informationen zum DigitalPakt Schule für Schulträger

Übersicht zu den spezifischen Fördermöglichkeiten, zuständigen Stellen und Beratungsangeboten im DigitalPakt Schule in den einzelnen Ländern

Informationen des Bundesbildungsministeriums zum Sofortprogramm

 

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