Gesprächsführung / 22.06.2018

Ein Herz für Hartes

Warum die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schulsozialarbeitern so wertvoll ist.

Die drohende Scheidung der Eltern, Mobbing, Depressionen – die seelischen Nöte von Schülern nehmen zu. Umso wichtiger werden Sozialarbeiter, die sich fachkundig darum kümmern. Wie Lehrer und Sozialarbeiter wirksam an einem Strang ziehen, zeigt die Gesamtschule im Wuppertaler Stadtteil Barmen.

Bild: shutterstock/paulaphoto

Jasmin* schlägt ihren Kopf gegen die Wand der Sporthalle, immer wieder. Wie weh ihr das tut, ist ihr egal. Ihre Sorgen sind größer als ihr Schmerz. „Ich bin schuld, dass meine Eltern sich trennen“, sagt sie, als ihr Lehrer will, dass sie damit aufhört. Er fühlt sich hilflos. In der nächsten Klasse warten schon die Schüler, hinter ihm tobt noch die Sportgruppe, und so richtig weiß er auch gar nicht, wie er das Mädchen trösten kann. Da ist es gut, dass Sven Oliver Schütt an der Schule ist. „Geh doch mal zum Sven“, sagt der Lehrer und schickt das Mädchen zu Schütt. Der ist Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule in Wuppertal-Barmen und hat für die Probleme der Schüler immer ein offenes Ohr – „ob sie gemobbt werden oder ihre Oma verstorben ist“. Jeder Schüler kann jederzeit, auch mitten im Unterricht, aufstehen und sagen: „Ich geh’ jetzt zum Sven!“ Das habe man in der Schule ganz bewusst so klar geregelt, sagt Ralf Gossmann, Lehrer und Mitglied des Schulleitungsteams.

Soziale Probleme nehmen zu

Obwohl die Gesamtschule nicht in einem sozialen Brennpunkt liegt und sogar als „Leuchtturmschule“ ausgezeichnet wurde, nehmen die sozialen Probleme der Schüler dort zu – wie vielerorts in Deutschland. „Allein die Zahl der Schüler mit Depression steigt deutlich“, beobachtet Schütt. „Manchmal kommen auch schon Fünftklässler damit zu mir. Das ist keine Modeerscheinung.“ Die Schüler fühlten sich überfordert, litten unter Angstattacken und wüssten nicht mehr, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal keine Leistung zu bringen. Auch die Zahl der Jugendlichen, die zur längerfristigen Therapie auf eine psychiatrische Station müssen, steige, sagt Gossmann aus eigener Erfahrung. 

Bundesweit leiden drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren an einer Depression, schätzt das Deutsche Bündnis gegen Depression. Die Zahl der Jugendlichen, die ambulant sozialpädagogisch betreut werden, lag 2012 mit knapp 28.000 rund 20 Prozent höher als zehn Jahre zuvor, so das Statistische Bundesamt. Die Zahl der sozialpädagogisch betreuten Familien hat sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht, auf rund 66.000. 

„Die Schüler haben zwar jede Menge Facebook-Freunde, aber wenige, denen sie sich wirklich anvertrauen können“, beobachtet Gossmann. „Vielmehr haben sie Angst davor, dass ihre intimen Sorgen und Nöte ins Internet gestellt werden.“ Und die Eltern stünden selbst oft stark unter Druck. 

Vor diesem Hintergrund wird schnell klar, warum Schütt wenig Angst um seinen Job hat, obwohl bundesweit die Finanzierung von Schulsozialarbeitern immer wieder auf der Kippe steht. „Die Schule will nicht mehr ohne mich“, sagt er. „Schütt ist aus unserer Schule nicht mehr wegzudenken“, bekräftigt Gossmann.

Lehrer profitieren von der Schulsozialarbeit

Nicht nur die Schüler, auch die Lehrer ziehen viel Wertvolles aus der Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeitern. Dabei ist deren sozialpädagogische Ausbildung nur ein Aspekt. „Gerade hier in der Gesamtschule haben wir Lehrer den Anspruch, zu erziehen, zu bilden und zu fördern. Aber wir müssen eingestehen, dass wir das in manchen Bereichen einfach nicht können“, sagt Gossmann. Schulsozialarbeiter haben neben ihren fachlichen Kompetenzen das große Plus, neutral zu sein. Sie prüfen keine Leistungen, vergeben keine Noten. Und sie seien zwar fest in die Schulen integriert, könnten aber nach einem ganz anderen Zeittakt agieren, so Gossmann. Zwei Stunden am Stück zu reden, das geht – ohne dass die Klingel sie zur nächsten Unterrichtsstunde ruft. 

Professor Gertrud Oelerich von der Bergischen Universität Wuppertal hat die Schulsozialarbeit in Wuppertal erforscht. In ihren Befragungen von Lehrern und Schulleitungen hätten diese bekräftigt, dass sich durch die Schulsozialarbeit das soziale Klima an der Schule verbessert habe, ebenso das Verhalten der Schüler und die Beziehung zwischen Schule und Elternhaus.

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Einfühlsames Balancieren ist gefragt

Natürlich scheint im Verhältnis von Lehrern und Sozialarbeiter trotzdem nicht immer die Sonne. „Manche Lehrer wollen sich nicht in die Karten gucken lassen“, sagt Schütt. Das macht es schwer, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Umgekehrt entscheidet an der Barmener Gesamtschule ein Team aus mehreren Lehrern, um welche Kinder Schütt sich intensiv kümmern soll. „Damit nicht jeder gleich zu ihm kommt und damit er genug Zeit für die Kinder hat“, sagt Gossmann. Manche Lehrer sind selbst sehr ambitioniert, haben Fortbildungen besucht und sich zum Beispiel zum Schlichter ausbilden lassen. Für Schütt gilt es also, die Balance zu finden: sich nicht ausnutzen zu lassen, aber auch nicht „in jedes Revier reinzupoltern“, wie er es auf den Punkt bringt.

Ängste, als Versager dazustehen, weil man als Lehrer die seelischen und sozialen Nöte eines Schülers nicht selbst zu packen bekommt und den Schulsozialarbeiter zu Hilfe rufen muss, erleben Schütt und Gossmann selten. „Für mich als Lehrer ist es ein Zugewinn, wenn ich die Schüler in gute Hände übergeben kann“, sagt Gossmann. „Ich habe ganz und gar nicht das Gefühl, dass mir da etwas weggenommen wird.“ Schütt zieht eine klare Linie: „Wenn ich einen Jugendlichen betreue, ist klar, dass Lehrer und Mitschüler aus der Verantwortung entlassen sind. Ich mache ihnen ganz klar Mut loszulassen.“ Er selbst bleibt dann nicht nur „wie ein Schatten“ bei seinem Schützling, den er betreut, sondern redet auch mit Lehrern und Mitschülern. „Damit keine Gerüchte herumschwirren, aber auch, um über die Fragen der Freunde und Klassenkameraden zu reden und darüber, wie man mit dem Jugendlichen am besten umgeht.“

Viel Lob, wenig Geld

Obwohl Schulsozialarbeiter viel Lob bekommen, hängen sie finanziell oft in der Luft. Ihre Finanzierung über das Bildungs- und Teilhabepaket läuft aus, und da sie weder klar beim Bund noch bei den Ländern oder den Kommunen angesiedelt sind, fühlt sich oft niemand für die Finanzierung verantwortlich. Unbefristete Stellen sind selten. 

Angesichts der Geldnot auf die Idee zu kommen, mit einem Schulsozialarbeiter „light“ abzuspecken, hält Gossmann für eine ganz schlechte Idee. Die Probleme der Schüler lassen sich nicht in wenigen, fest terminierten Sprechstunden abhaken. Und man könne den Sozialarbeiter auch nicht „als Bespielkasper über die Schulflure schicken“ – er brauche einen eigenen Raum. „Bei Sven Schütt hat es kein halbes Jahr gedauert und alle kannten ihn“, sagt Gossmann. Schütt ist nicht nur dann für die Schüler da, wenn es richtig ernst wird, sondern er sucht permanent den Kontakt, auch wenn es erst mal gar nicht um Heikles geht. Sportangebote wie BMX, Wakeboard oder Parkour sind für ihn wichtig, um eng und ungezwungen mit den Schülern zusammen zu sein. Die Folge: Wenn die Probleme kommen, ist das Vertrauen der Schüler zu ihm längst da.

Mit Jasmins* Eltern hat Schütt übrigens so intensiv zu Hause in der Familie geredet, bis sie sich nicht mehr schuldig fühlte an der Trennung ihrer Eltern. 

*Name geändert

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