Referendariat / 13.08.2019

"Ist doch easy."

Teil 6: Das Filmprojekt

Bei Unterrichtsvorbereitungen gilt wie für alles: Es ist Typsache. Es gibt Lehrer, die betreten einfach den Raum und die Kinder lernen, indem sie dieselbe Luft atmen. Bei den meisten kann man nicht genau sagen, was es ist, das den Unterricht so spannend macht, obwohl keine großartige Methode oder Medien, vielleicht sogar nicht mal ein konkreter Plan vorliegen.

Bild: Cornelsen / Claudia Medrow

Wenn ich den Raum meiner achten Klasse betrete, weiß ich auf jeden Fall, dass die Schüler atmen – gewisse Tonhöhen und Lautstärken erreicht man ohne Sauerstoff nämlich nicht. Dass dabei etwas mehr rauskommt, als die eh schon etwas abgestandene Luft im Klassenzimmer noch weiter zu verbrauchen, plane ich vorher – wenigstens grob – was in der Stunde in etwa rumkommen soll(te). Einen Plan zu haben ist zwar an sich super, jedoch erst mal überhaupt keine Garantie, dass alle Schwierigkeiten bzw. Möglichkeiten der Schüler korrekt antizipiert werden – was mir besonders ein kleines Filmprojekt deutlich gemacht hat.

Jung und modern

Hochmotiviert trabe ich den Klassenraum meiner 8. Klasse. Mit Augenringen und ein wenig aufgeregt, da ich zum ersten Mal eine Art kleines (Film-)Projekt geplant habe, für welches die Schüler auch größtenteils selbständig und an Rechnern bzw. Endgeräten mit Schnittprogrammen arbeiten müssen. Damit so ein Projekt funktioniert, muss man jedoch vorher immer recht viel Arbeit reinstecken, damit auch etwas bei rumkommt. Ich komme mir dabei besonders modern und jung vor, fehlen nur noch zwei verschiedenfarbige Chucks und dass ich mich umgekehrt auf den Stuhl hinsetze. 

Digital natives

Begeistert erzähle ich meinen Schülern also von dem Plan und wie wir dabei vorgehen. Wie erwartet, bombardieren mich die Schüler mit Fragen (und viel Gekicher hihi) à la "Wie viele dürfen in eine Gruppe?", "Darf ich mit Matthias und Rico in einer Gruppe sein?", "Müssen wir vor die Kamera?", "Sehen wir am Ende alle Videos?" Äh ja hallo, sonst würden wir den ganzen Spaß doch nicht veranstalten. Doch nachdem das geschafft ist, jeder eine Gruppe gefunden und ich nochmal klargemacht habe, dass im Englischunterricht die Sprache in den Videos Englisch sein sollte, werden die Ärmel hochjekrempelt, in die Hände jespuckt und wird sich an de Arbeit jemacht – wie der Berlina dit so schön sacht – im übertragenen Sinne (möchte ich doch meinen).

Im Verlauf dieses Projekts ist mir einiges klar geworden. Das, was ich als größte Hürde betrachtet hatte, jung und modern wie ich bin, war der Umgang mit einem Schnittprogramm. Ohne Witz, ich habe etwas unruhig geschlafen, da ich überlegt und gegrübelt hatte, ob die Kinder das auch wirklich hinkriegen. Als ich am Tag darauf bei der Gruppe von Amira und Tuyen mal über die Schulter schaue und einen super geschnittenen, mit Voice-over unterlegten Videoausschnitt sehe, verstehe ich warum man inzwischen von digital natives spricht – und dass ich definitiv keiner bin.  Auf meine Nachfrage erklärt mir Amira seelenruhig, einfach die eine App hierfür verwendet zu haben, dann das Video mit dieser und jener App bearbeitet und geschnitten zu haben – "Ist doch easy."

In conclusion...

Es ist zwar ein gewisses Klischee und ich möchte auch nicht sagen, dass alle Kinder schon in jungem Alter den Umgang mit digitalen Medien perfekt beherrschen. Meine Beobachtung bisher ist jedoch tatsächlich, dass Kinder und Jugendliche schon früh sehr vertraut sind mit unterschiedlichen Funktionen und Möglichkeiten ihrer Geräte – klar, sie verbringen (zum Teil leider) auch einen Großteil ihrer Zeit mit "Insta" und Snapchat. Foto- und Videobearbeitung kann zwar durchaus zeitraubend sein, ist vom Prinzip her für die meisten letztendlich trotzdem ein Klacks.

Ich spreche mich nicht für den vermehrten Einsatz von Handys im Unterricht aus, ich denke tatsächlich eher das Gegenteil. Doch wenn man mal ein etwas offeneres, kreativeres Projekt plant, sollte man die Fähigkeiten der Schüler im Umgang mit Handys nicht unterschätzen und sogar gezielt einplanen und fördern. Mal etwas anderes zu machen und kreativ werden zu können, obwohl auch recht viel Zeit investiert werden musste in Dreh- und Schnittarbeit, hat die meisten Schüler sehr motiviert. Die Ergebnisse des Filmprojekts haben also nicht nur mich, jung und modern wie ich bin, sondern auch die Schüler als digital natives auf jeden Fall begeistert!

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Marie Stark ist Mitte 20 und unterrichtet als Referendarin an einem Berliner Gymnasium die Fächer Englisch und Geschichte. Im Cornelsen Magazin berichtet sie regelmäßig über die bisher spannendste Phase ihres Lebens – das Referendariat. 
Alle in der Kolumne verwendeten Namen sind Pseudonyme zum Schutz der Personen. Ansonsten ist aber alles echt – Realität Schule.

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