Referendariat / 27.06.2019

It’s time to say goodbye ... for now

Teil 5: Sommerferien und Abschied

Die Tage werden von beiden Seiten gezählt, die Stimmung im Klassen- und Lehrerzimmer unterscheidet sich kaum. Die Schüler können es kaum erwarten – die Lehrer erst recht nicht. Zwischen Projekttagen, Spielen, gemeinsamer Reflexion oder auch pädagogisch wertvollen Filmschmankerln à la „Leg dich nicht mit Zohan an“, lässt man so kurz vor den Sommerferien doch gerne mal das Jahr Revue passieren und schaut zurück auf dessen „Highlights“ und „Lowlights“.

Bild: Cornelsen / Claudia Medrow

 

Da ich meine 8. Klasse das kommende Schuljahr nicht übernehmen kann, ist es tatsächlich die allerletzte Stunde als Englischlehrerin dieser lustigen Truppe. In diesem einen Jahr sind mir Matthias, Lou, Daniel, Amira, Anna, Rico und die 24 anderen Kinder in der Klasse mehr ans Herz gewachsen, als ich es mir am Anfang je hätte vorstellen können. Auf diesen ersten Metern als Lehrerin haben sie mich unterstützt, genervt, überrascht und manchmal einfach nur zum Lachen gebracht.

Nicht entmutigen lassen

Nicht nur einmal hatte ich schon beschrieben, dass das Referendariat eine sehr stressige Phase im Lehrerdasein darstellt. Man hangelt sich das Jahr irgendwie über von Modulprüfungen zu Unterrichtsbesuchen zu Klausur- und Klassenarbeitskorrekturen zu „normaler“ Unterrichtsvorbereitung. So lieb ich meine 8. Klasse und auch meinen Grundkurs habe, manchmal ist man einfach genervt oder schlichtweg enttäuscht, wenn ein Unterrichtsvorhaben nicht so aufgeht, wie man es sich vorstellt, wenn die Schüler oder man selbst einfach schon Banane im Kopf ist, weil es ein langer Tag war und irgendwie nichts mehr so richtig zu klappen scheint. Ich hatte in beiden Lerngruppen sehr gute und weniger gelungene Lehrproben, hätte meine Schüler an manchen Tagen knutschen können und manchmal hätte ich am liebsten einfach rhythmisch mit dem Kopf gegen den Lehrertisch gehauen. Auch wenn einem die anderthalb Jahre im Referendariat am Anfang lange vorkommen mögen, die Zeit vergeht unglaublich schnell und diese stressigen oder nervigen Phasen gehen vorüber, das sollte man sich immer vor Augen halten. Und letztendlich denkt man, wenn man so aufs Schuljahr zurückschaut, vor allem an die positiven und lustigen Erlebnisse.

„It’s really hot today“

Dabei fällt mir der letzte Vokabeltest in der Klasse ein: Fenster und Türen sind weit aufgerissen, in der Hoffnung, dass vielleicht ein ganz kleiner Durchzug entsteht, doch es bewegt sich nicht das kleinste Lüftchen. Ich fächere mir mit meinem Hefter warme Luft zu und stiere mit Adlerblick durch die Klasse, dass auch ja nicht abgeschrieben oder geschummelt wird. In diesem Pumakäfig, angereichert mit charakteristischem Deo- und Teenagerschweiß-Gemisch, der so typisch für die Schule ist - gar keine so einfache Aufgabe. Ich beneide die Schüler auch wirklich nicht, bei dieser Hitze noch diesen Test schreiben zu müssen, aber leider ist vom Fachbereich eine Mindestanzahl fürs Halbjahr vorgeschrieben.

Während ich so meinen Gedanken nachhänge, höre ich irgendwo aus der linken Ecke „It’s really hot today.“ Ich schaue zu Rico, der diese Tatsache folgerichtig festgestellt hat, führe den Finger zum Mund, um ihn daran zu erinnern, dass nicht gesprochen werden darf und nicke seiner Aussage nur stumm zu. Plötzlich merke ich, wie alle Schüler aufschauen und mich verwirrt anschauen – was ist denn nun los? Nun bin ich verunsichert und frage, ob was nicht stimme. Anna klärt mich auf:  „Rico hat gefragt, wie lange wir noch Zeit hätten?“ Ich muss so lachen, als ich kapiere, wie unverständlich mein geistesabwesendes Nicken auf diese Frage gewirkt haben muss, dass alle anfangen mitzulachen, bis ich mich nach einer guten Minute wieder fange. Ja, keine vorbildliche Testsituation, aber so ist nun mal Schulalltag, es läuft nicht immer nach Plan! 

Gemischte Gefühle

Diese und viele andere Erinnerungen bringen mich immer noch zum Schmunzeln. Ein endgültiger Abschied ist es ja auch noch nicht, natürlich werde ich den einen oder anderen im Flur oder auf dem Pausenhof begegnen. Doch da einige Schüler aus unterschiedlichen Gründen die Schule verlassen, heißt es da tatsächlich Abschied nehmen. Auch wenn es mir und auch einigen Schülern schwer fällt, dass wir uns – zumindest für den Rest des Referendariats – trennen, denke ich, dass bei den meisten tatsächlich die Vorfreude auf die Ferien überwiegt und man die „Trennung“, mit Aussicht auf das kommende Schuljahr, die Möglichkeiten und Chancen, die es für die Schüler und auch für mich bietet, dann mit einem weinenden und einem lachenden Auge doch in Kauf nimmt und die letzten gemeinsamen Stunden genießt.

Die Cornelsen Referendariatskolumne

Marie Stark ist Mitte 20 und unterrichtet als Referendarin an einem Berliner Gymnasium die Fächer Englisch und Geschichte. Im Cornelsen Magazin berichtet sie regelmäßig über die bisher spannendste Phase ihres Lebens – das Referendariat. 
Alle in der Kolumne verwendeten Namen sind Pseudonyme zum Schutz der Personen. Ansonsten ist aber alles echt – Realität Schule.

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