Referendariat / 24.05.2019

Soll ich es lieber gleich sein lassen?

Teil 4: Lehrerpersönlichkeiten

Was macht einen guten Lehrer eigentlich aus? Fachkompetenz, Begeisterung fürs Fach, Leidenschaft für den Beruf, Gerechtigkeit, Transparenz, ein Herz für Kinder, Offenheit, Positivität, Selbstbewusstsein, Stressresistenz, Humor – okay... das heißt, ich kann es gleich sein lassen?

Bild: Cornelsen/Claudia Medrow

Dienstagnachmittag, Hauptseminar: Nach zwei Stunden Unterricht und einem Fachseminar ist es mein größter Wunsch, den Kopf auf den Tisch zu legen und mit einem wohlverdienten Nickerchen meinen Schönheitsschlaf nachzuholen. Da meine Seminarleiterin vermutlich eher wenig Verständnis für dieses Bedürfnis aufbringt, verbleibe ich in der Aufrechten. Das Seminar beginnt. Heutiges Thema: Lehrerpersönlichkeiten. In Gruppenarbeit sollen wir zunächst einen Text lesen und anschließend mit eigenen Vorstellungen bzw. Erfahrungen aus der Schulzeit den "perfekten Lehrer" malen (ja, in den Seminaren muss man sich manchmal auch auf etwas Beschäftigungstherapie einstellen) und notieren, welche speziellen Eigenschaften diese Lehrkraft zu einer "guten" werden lassen.

Wir sitzen also alle in Gruppen und malen unsere Traumlehrer. Der nächste Schritt: "Welche Eigenschaften erkennen Sie in sich selbst aus der fiktiven oder auch realen Person, an die Sie gedacht haben?" Ich betrachte mein Bild. Obwohl ich eine Niete in Physik war, empfand ich meinen damaligen Physiklehrer Herrn Winter als überaus kompetenten Lehrer – mit etwas Bauch, Lederweste und Dreitagebart. Nun, am Bauch muss ich noch arbeiten, Lederweste kommt vielleicht noch, Bart könnte ich mir ankleben. Optisch erkenne ich (zum Glück?) noch nicht so viele Ähnlichkeiten. Was hat mich trotz Schwierigkeiten im Fach an ihm begeistert (außer der lässigen Indiana Jones Weste)? Ich empfand Herrn Winter als klar, fair sowie konsequent und manchmal lustig, ohne es erzwingen zu wollen.

Innerhalb der Gruppen teilen wir die für uns wichtig erscheinenden Eigenschaften und Erinnerungen an unsere Lehrkräfte und besprechen, welche Eigenschaften wir schon recht gut verkörpern (wie wir meinen). Während einige Mitreferendare auch eher kurz und knapp positive sowie negative Eigenschaften an sich reflektieren, betonen einige ihre "freche humoristische" Art sowie ihren "deeskalierenden Humor" (ja, wirklich). Mein Selbstbewusstsein in Bezug auf meine Lehrerpersönlichkeit sinkt langsam, aber sicher, in den Keller: Ich würde zwar meinen, über ein wenig Humor zu verfügen, aber ich bin das Gegenteil von "keck" oder "frech", definitiv kein Kandidat für den Comedypreis 2019. Von Herrn Winters Klarheit träume ich noch: Ich ertappe mich nicht selten dabei, mir zwar innerlich einen superklugen Gedanken zusammenzulegen – selbstsicher, prägnant, so soll er rauskommen – und doch ist da plötzlich komplette Leere im Kopf und ich stammle mir in Halbsätzen den Rest noch irgendwie ab – Klarheit adé! Obwohl bei Unruhe das klassische Anschreiben eines Namens inklusive Strichliste durchaus Wunder bewirkt (über die Rechtmäßigkeit dieser Vorgehensweise lässt sich wie über alles natürlich streiten) – in der stillen Hoffnung, dass keiner meiner Schüler es darauf ankommen lässt, habe ich den tatsächlichen Eintrag ins Klassenbuch nie konsequent durchgezogen. Bin ich nun eine schlechte beziehungsweise überhaupt keine Lehrerpersönlichkeit? Habe ich überhaupt ansatzweise Chancen?

Etwas nachdenklich anlässlich meiner neuen Erkenntnisse und Selbstzweifel sitze ich also am nächsten Tag an meinem Platz im Lehrerzimmer. Und nein, es folgte keine plötzliche Eingebung oder ein Geistesblitz, der mir meine Unsicherheiten bezüglich der sogenannten Lehrerpersönlichkeit gänzlich genommen hat. Stattdessen kam – in Form eines Lehrerengels – der stets sehr freundliche stellvertretende Schulleiter, Herr Arnold, des Weges. Nachdem ich ihm meine Bedenken geschildert hatte, sagte er zwei Dinge, die mich bis heute ein wenig aus den Zweifeln herausziehen und welche ich daher hier gerne teilen möchte: Zum einen wird man nicht als Lehrer geboren, sondern man kann sehr viel lernen. Und zum anderen, zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch viel wichtiger, steht man als Referendar ganz am Anfang und lernt sich selber als Lehrer auch gerade erst kennen. Für einige oder sogar die meisten wahrscheinlich nicht die Erkenntnis, für mich persönlich manchmal jedoch ein durchaus erdender Gedanke.

In der Zeit des Referendariats lernt man zu erkennen, wo die eigenen Stärken und Schwächen als Lehrkraft liegen – man muss den Selbsterkenntnisprozess noch nicht abgeschlossen haben. Klar, man sollte schon wissen, wovon man da im Unterricht eigentlich redet und die Vorstellung, einen Großteil des Tages andere Menschen um sich zu haben, nicht gänzlich im Nervenzusammenbruch enden. Doch auch wenn man nicht so charismatisch ist wie John Keating, provozierend wie Katherine Watson oder cool wie Zeki Müller – das bedeutet nicht, das man den Lehrberuf an den Nagel hängen muss, denn man sollte nicht vergessen: Man steht noch ganz am Anfang eines überaus stressigen doch auch vielseitigen Berufs. Auch ohne deeskalierenden Humor. 

Die Cornelsen Referendariatskolumne

Marie Stark ist Mitte 20 und unterrichtet als Referendarin an einem Berliner Gymnasium die Fächer Englisch und Geschichte. Im Cornelsen Magazin berichtet sie regelmäßig über die bisher spannendste Phase ihres Lebens – das Referendariat. 
Alle in der Kolumne verwendeten Namen sind Pseudonyme zum Schutz der Personen. Ansonsten ist aber alles echt – Realität Schule.

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