Unterricht gestalten / 09.04.2019

Konzentrationsübungen für die Schule

Warum Konzentration so wichtig ist und wie Sie sie fördern können

Ohne Konzentration läuft nichts – sie einzufordern, ist zwecklos. Doch als Lehrerinnen und Lehrer können Sie sie fördern: Mit regelmäßigen, gezielten Übungen verbessern Sie die Konzentration in Ihrer Klasse, sorgen für mehr Ruhe und bereichern Ihren Unterricht.

Bild: Shutterstock.com/Pressmaster

Von Konzentration und Aufmerksamkeit

Ist Konzentration dasselbe wie Aufmerksamkeit? Nicht ganz. Unter Konzentration versteht man eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit. Wenn ein Kind sich im Unterricht ganz in seinen Lesetext vertieft, spricht das dafür, dass es in diesem Moment alle äußeren Reize ausblenden kann. Es lässt sich nicht ablenken vom Gemurmel im Klassenzimmer, von Gedanken an die große Pause oder vom Straßenlärm. Es ist ganz fokussiert.

Von Aufmerksamkeit spricht man aber auch, wenn es um eine generelle Wachsamkeit geht, also die Fähigkeit eines Menschen, alles um sich herum wahrzunehmen: jedes Geräusch, jeden Geruch, jede Bewegung. Kinder, die unter Konzentrationsschwierigkeiten leiden, sind häufig besonders wachsam: Sie nehmen jeden Außenreiz wahr und reagieren darauf. Jedes Mal verschiebt sich ihr Aufmerksamkeitsfokus, manchmal unmerklich. In bestimmten Situationen, etwa bei Gefahr, kann diese Fähigkeit des Gehirns hilfreich sein, doch im Normalfall ist dieses hohe Stresslevel überfordernd. Sinnvolle Prioritäten zu setzen und Unwichtiges auszublenden, fällt dann schwer.

Konzentration kann man lernen

Konzentration gilt als Schlüssel zu Lernfähigkeit und Lernerfolg, doch zu viel äußere Ablenkung sowie ungünstige weitere Einflussfaktoren (zum Beispiel Müdigkeit, Schmerzen oder fehlendes Interesse) machen sie zu einem fragilen Konstrukt. Umso wichtiger ist es, fokussierte Aufmerksamkeit immer wieder zu trainieren und zu schulen.

Mit vertretbarem Aufwand lassen sich konzentrationsfördernde Übungen in den Unterricht integrieren. Davon profitieren nicht nur lern- und leistungsschwächere Schüler, sondern alle – auch Sie als Lehrende, weil Sie Ihren Unterrichtsstoff in einem ruhigen, fokussierten Klassenklima besser vermitteln können.

1. Ein Aufwärmritual etablieren

So, wie ein Sportler mit Übungen zum Aufwärmen startet, sollte auch für Ihre Schüler der Unterricht mit sehr leichtem Stoff oder einer Konzentrationsübung beginnen (zwei bis drei Minuten): Das Gehirn hat Zeit, um langsam warmzulaufen und richtig in Schwung zu kommen. Zudem beginnt der Unterricht mit einem Erfolgserlebnis. So könnte die Aufwärmübung aussehen:

  • Lassen Sie reihum möglichst schnell das Alphabet rückwärts aufsagen.
  • Lassen Sie zu einem bestimmten Thema einsilbige (oder zweisilbige …) Wörter nennen, zum Beispiel Tiere, Städte, Gegenstände, Farben, Kleidungsstücke, Subjektive, Adjektive, englische Vokabeln …
  • Lassen Sie von einer bestimmten Zahl aus alle Zahlen rückwärts nennen, die durch 3 (oder 4, 5, 6 …) teilbar sind.
  • Lassen Sie die Schüler sich ungefähr eine Minute auf einen bestimmten Punkt im Raum konzentrieren. Sie sollen versuchen, nichts anderes wahrzunehmen und an nichts anderes zu denken. Die Zeit kann von Tag zu Tag verlängert werden.

Kinder lieben Rituale. Ein Konzentrationsritual gibt Energie und führt zu einer positiven Lerneinstellung. Das Gehirn stellt sich dann automatisch aufs Lernen ein und schaltet andere Gedanken und Tätigkeiten aus.

2. Bewusst wahrnehmen mit allen Sinnen

Alles, was wir bewusst aufnehmen und mit Bekanntem in Beziehung setzen, wird normalerweise sicher gespeichert und ist wieder abrufbar. Bewusstes Erleben führt zu mehr Aufmerksamkeit und Konzentration. Es gibt viele Möglichkeiten, die bewusste Wahrnehmung zu trainieren, zum Beispiel:

  • mit einer speziellen Aufgabenstellung einen Tag oder eine Woche auf eine bestimmte Farbe, eine Form oder ein Geräusch achten
  • mit Original- und Fälschungsbildern, auf denen Fehler gefunden werden müssen
  • mit Bildern, auf denen Gegenstände versteckt sind, die nicht dazugehören

Von den zur Verfügung stehenden fünf Sinnen kommen meistens nur zwei zum Einsatz: Hörsinn und Sehsinn. Der Mangel an körperlich-sinnlichen Erfahrungen wie Riechen, Schmecken und Tasten führt zu einem Mangel des "Begreifens". Je mehr Sinne beim Lernen eingesetzt werden, desto leichter fällt dem Gehirn das Speichern. Motivieren Sie Ihre Schüler, mit allen Sinnen zu lernen:

  • Lernstoff aufnehmen und dann abhören
  • Lernstoff anderen erklären und sich erklären lassen
  • ein anschaulich bebildertes Heft führen
  • möglichst oft handelnd lernen, Dinge ausprobieren, den Lernstoff "begreifen" und "fühlen"
  • mit Düften lernen, denn das Gehirn stellt eine Verknüpfung zwischen Geruch und Gelerntem her

3. Routine vermeiden

Routine führt dazu, dass nicht mehr genau hingeschaut und/oder zugehört wird. Deshalb ist es wichtig, möglichst oft Dinge anders zu tun als gewohnt.

  • Lassen Sie Ihre Schüler wichtige Begriffe, Fremdwörter, Überschriften aus Tageszeitungen oder wichtige Sätze und Regeln rückwärts lesen und auch schreiben.
  • Lassen Sie Ihre Schüler öfter Texte mit der linken Hand schreiben, wenn sie Rechtshänder sind – und umgekehrt.

Konzentrationsfähigkeit kann auch gesteigert werden durch einen regelmäßigen Wechsel von Lern- und Erholungsphasen und von "Kopfarbeit" und "Handarbeit". So bleibt Ihr Unterricht lebendig.

4. In Bewegung kommen

Der Übergang von körperlicher Ruhe zu körperlichen Bewegung steigert im Gehirn die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Je besser das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird, desto effektiver kann es arbeiten. Stundenlanges Stillsitzen hingegen beeinflusst sowohl den Körper als auch die geistige Leistungsfähigkeit negativ. Wer sich bewegt, dem fällt das Denken leichter. Bewegung sollte deshalb ein fester Bestandteil einer Unterrichtsstunde sein, und sei es nur durch "aktives Sitzen".

Bringen Sie Bewegung in Ihren Unterricht, indem Sie kleine, spielerische Sitz(haltungs)übungen mit den Schülern machen. Bitten Sie Ihre Schüler häufiger mal nach vorn oder an die Tafel. Fordern Sie Ihre Schüler auf, sich zu recken und zu strecken, erlauben Sie es, zwischendurch mit den Fingern zu trommeln oder mit den Füßen zu wippen. Integrieren Sie Mini-Entspannungsübungen, bei denen gesunde Bewegung und Atem kombiniert werden, zum Beispiel den "Baum":

"Stellt euch gerade hin und streckt die Hände zur Decke. Legt die Handinnenflächen aneinander und versucht eure Arme und Hände möglichst weit nach oben zu ziehen. Nun hebt das linke Bein und legt den linken Fuß auf das rechte Knie oder seitlich an den Oberschenkel. Atmet fünfmal ganz tief ein und aus. Wiederholt die Übung nun mit dem rechten Fuß."

Bei möglichst schnell ausgeführten Bewegungsübungen werden Konzentration, Wahrnehmung, Reaktionsfähigkeit, Vorstellungskraft und Koordinationsvermögen gleichzeitig gefördert. Dafür eignet sich ein kleines Spiel, bei dem Sie zunächst gemeinsam mit Ihren Schülern jedem Buchstaben des Alphabets ein Körperteil zuordnen. C, Q, X und Y dürfen Sie auslassen. Sie verknüpfen also A mit Arm, B mit Bauch usw. Anschließend nennen die Schüler reihum und so schnell wie möglich ein Körperteil und zeigen darauf, anfangs alphabetisch, später durcheinander.

5. Das Gedächtnis trainieren

Menschen lassen sich unterschiedlichen Gedächtnistypen zuordnen:

  • verbaler Gedächtnistyp: braucht Wörter, um sich gut zu erinnern
  • visueller Gedächtnistyp: braucht Bilder
  • motorischer Gedächtnistyp: braucht Handlungen und Bewegung

Jeder Mensch hat eine bestimmte Präferenz, um sich Dinge zu merken. Versuchen Sie zu erkennen, wie Ihre Schüler ticken, und experimentieren Sie mit verschiedenen Gedächtnistechniken und Übungen zur Vorstellungskraft. Durch spielerische Herangehensweise und hilfreiche Verknüpfungen erhöhen Sie die Konzentration und sorgen dafür, dass das Gelernte besser behalten wird. Das führt immer wieder zu Erfolgserlebnissen, die gerade Schülerinnen und Schüler mit Konzentrationsproblemen unbedingt brauchen, um am Ball zu bleiben. Versuchen Sie es zu Anfang einmal damit:

Kinderzimmer: Bitten Sie die Schüler, die Augen zu schließen und sich ihr Zimmer vorzustellen. Wie sieht die Tür aus? Was steht oder liegt links neben der Tür? Wie sieht das Fenster aus? Welche Bilder hängen an der Wand? Woraus ist der Fußboden? Welche Farbe haben die Möbel? Wie sieht das Bettzeug aus? Liegt etwas auf dem Schrank? Wie sieht der Schreibtisch aus? Wie sieht die Tapete aus? …

Schulweg: Bitten Sie die Schüler auch bei dieser Gedächtnisübung zuerst, die Augen zu schließen. Dann sollen sie sich vorstellen, wie sie morgens ihre Schultasche nehmen und das Haus verlassen. Wie sieht das Haus aus, in dem sie wohnen? Welches Haus steht daneben? Welche Geschäfte sind in der Straße? Ist in der nächsten Straße, in die sie einbiegen, eine Ampel? Gibt es Bäume? Wie viele Stockwerke haben die Häuser? Wie viele Straßen müssen auf dem Schulweg überquert werden? …

Dieses "Kopfkino" hilft dabei, sich zu fokussieren und Gelerntes besser abzurufen. Besonders der visuelle Lerntyp spricht darauf an. Für den verbalen Gedächtnistyp sind Hilfstechniken wie Wörterketten, Reime oder Eselsbrücken ideal. Der motorische Lerntyp wird Bewegungsgedächtnistraining bevorzugen, zum Beispiel, indem er zu behaltende Zahlen mit einer körperlichen Bewegung verknüpft:

  • Null: nach unten neigen
  • Eins: Einbeinstand
  • Zwei: zweihändig Klavier spielen
  • Drei: dirigieren …

Fazit

Seien Sie offen und probieren Sie einige der genannten Ideen einfach mal aus. Für die meisten Übungen benötigen Sie nicht viel Vorbereitung und nur zwei bis drei Minuten Zeit im Unterricht. Je mehr Konzentration und Fokus Sie in Ihre Unterrichtsstunden bringen und je mehr Sie diesbezüglich als Vorbild agieren, desto besser lernen Ihre Schüler, sich daran zu orientieren.

Praxisdownload:

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